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Kultur und Folklore auf Reisen:Alles nur Theater für Touristen?

Illustration: Alper Özer

Ob auf Hawaii, in Afrika oder auf dem Bauernhof in Tirol: Einheimische Kultur begegnet Reisenden oft in Form einer Inszenierung. Das kann auch sein Gutes haben.

Perfide an der Ersten Allgemeinen Verunsicherung ( EAV) ist: Man kann bei den Liedern der Band immer mitschunkeln. Auch wenn sie singen: "Heute fahr'n ma Neger schau'n, des wird a Trara!" Die Österreicher werden häufig als Klamauk-Rocker abgetan, dabei sind sie oftmals auch explizit politisch: Sie singen an gegen Atomkraft, die katholische Kirche, Neonazis - und eben den Rassismus auf Reisen.

Von der Haltung mancher Touristen, die im EAV-Lied "Afrika" angeprangert wird, kann man sich leicht distanzieren. Es ist jedoch nicht einmal für Gutmeinende immer einfach, sich richtig zu verhalten, wenn es um Ethnotourismus geht - also den Besuch von Menschen, die noch weitaus ursprünglicher leben als die Bewohner der westlichen Welt. Klar, der Begriff "Neger" ist längst diskreditiert. Aber selbst die als neutral geltende Bezeichnung San für Volksgruppen im südlichen Afrika ist problematisch.

"San heißt wohl Strauchdieb", sagt Jennifer Scheffler von der Universität Bayreuth, sie hat zu den Auswirkungen des Ethnotourismus in der Region geforscht. Das Problem: Es gibt keine Eigenbezeichnung dieser Menschen, die überregional funktionieren würde. Deshalb wird der Begriff San verwendet, in Ermangelung eines besseren.

Scheffler hat viele Ethnotourismus-Projekte der San in Namibia, Botswana und Südafrika besucht und bei den Tanzdarbietungen und den Buschwanderungen überall das Gleiche erlebt: "Jeder zweite Tourist stellt die Frage: Machen die das nur für Touristen?" Es ist eine etwas naive Frage, die jedoch den Kern des Ethnotourismus berührt: Natürlich machen die Gastgeber das nur für die Touristen. "Ethnotourismus ist eine marktwirtschaftliche Begegnung. Ich bin Kunde, bekomme immer ein Produkt", sagt Jennifer Scheffler unmissverständlich.

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"Erst indem die Bereisten eine Blase für die Touristen schaffen, haben sie die Möglichkeit, die Sache zu steuern." Sie bieten den Besuchern einen Ausschnitt aus ihrer Kultur an und schützen zugleich andere Teile - das ist nicht viel anders als beim Urlaub auf dem Bauernhof in Tirol. Inszenierte Authentizität nennt die Wissenschaft das: Jemand zeigt etwas Echtes und kein Abziehbild, dennoch ist das, was er präsentiert, auf Touristen abgestimmt.

Der Wunsch vieler Touristen ist ein anderer, dass nämlich "Tradition in Reinform gelebt wird", wie Rainer Hartmann sagt, Tourismusforscher an der Hochschule Bremen. Implizit wird den Besuchten damit das Recht abgesprochen, sich zu entwickeln. Ganz abgesehen davon, dass es "eine ahistorische Ursprünglichkeit gar nicht gibt", so Mechthild von Vacano von der Freien Universität Berlin.