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Kirgisistan:Mit einem Mal ist der ganze bunte Orient verschwunden

Wer das freundlichere Kirgisistan will, findet es am Gestade des Yssykköl, des "heißen Sees", auch jetzt noch, ein Vierteljahrhundert nach der Abspaltung von der Sowjetunion, ein bevorzugtes Urlaubsziel der Russen. Hier ist das Wasser blauer als an der Côte d'Azur, der Sand so fein wie in einem Südseefilm, und warm ist es auch. Dank einer meteorologischen Singularität friert der See auch im kältesten Winter nicht zu. Der unverwüstliche nationalistische Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski hat sogar die Annexion des Sees gefordert, den Anschluss an Russland, als Ausgleich für all das Geld, das die alte Sowjetunion im armen Kirgisistan investiert habe. So beliebt ist dieser nach dem Titicacasee größte Gebirgssee der Welt, dass sich am Strand vor den blühenden Rosenhecken sogar der in Russland weltberühmte Sänger Dieter Bohlen geaalt haben soll.

Der Yssykköl ist die Belohnung für die vorangegangenen drei Tage im Nationalpark Chong Kemin. Die Wanderung ist nicht ganz anspruchslos, dreieinhalb bis fünf Stunden jeden Tag, aber das Gepäck reist bequem zu Pferd voraus und trifft abends rechtzeitig im Zeltlager ein, das die Reiter bereits aufgebaut haben. Der Weg führt über Trampelpfade, die von Halbnomaden und ihren Rindern stammen. Gelegentlich geht es auch venenstärkend durch das Schmelzwasser der eiskalten Bergbäche.

Mit einem Mal ist der ganze bunte Orient verschwunden, weit und breit lockt kein Basar, auf dem falscher Safran in dreizehn Farben Gelb angeboten wird, keiner zupft auf der dreisaitigen Komus landestypische Weisen, nirgends weint mehr ein Kamel. Dafür erstrecken sich Almen voller Edelweiß, ein Murmeltier pfeift vorschriftsmäßig, um die anderen zu warnen, die Wolken stauen sich an den Kämmen des westlichen Tian Shan, das neuerdings zum Welterbe erklärt worden ist. Über 7000 Meter ragen die Gipfel auf, die Säulen des Himmels über Zentralasien. Wenn jetzt auch noch Winter wäre, könnte sich der Schneeleopard zeigen, aber so dumm ist er nicht, dafür ist er viel zu selten und beschränkt seine Präsenz lieber auf die farbenfrohen Ölbilder, die sie von ihm unten in Bischkek verkaufen.

Kein Geier hat hier Lust, auf Aas zu hoffen

Es ist der unwahrscheinlichste Hintergrund: Spiegelglatt ruht der See Kol-Kogur, 2000 Meter hoch und zwischen Bergen eingezwängt, die Luft am Abend kalt, auch wenn Sommer ist, der Mond aufgegangen, die Sterne so hell wie nie gesehen. Die Reiter haben vorm Einsetzen der Dämmerung Sträucher ausgerupft und Äste gesammelt für das Lagerfeuer, das sie wärmen soll und mit all dem grünen Hartlaub den schönsten Funkenflug veranstaltet. Der Rauch legt sich, und fast 5000 Kilometer Luftlinie entfernt vom elsässischen Sessenheim, von dem Ort, an dem es vor fast 250 Jahren entstanden ist, singt der Kirgise Salamat Duischenbi das deutscheste aller deutschen Lieder, das Lied vom Knaben, der auf der Heide ein Röslein sah und es unbedingt brechen musste. Der Sänger hat es sich übers Internet beigebracht.

Salamat, der Wander-Guide, kündigt bestes Bergsteigerwetter für den nächsten Tag an, aber das Wetter überlegt es sich anders. Die freundlichen Kumulus-Wolken vom Tag zuvor verdichten sich, es wird kalt, Regen droht. Weiter geht der Weg im stetigen Bergauf. Die Baumgrenze liegt schon zurück, die Gräser werden gröber, bis gar nichts mehr wächst. Zum Pass hinauf sind es nur noch wenige Serpentinen, steingrau und abweisend alles; kein Geier hat hier Lust, auf Aas zu hoffen.

Reisearrangement

Der österreichische Reiseveranstalter Weltweitwandern mit Sitz in Graz bietet die nächste Reise "Wandern in Kirgistan" ab dem 17. Juni 2017 an; zwölf Tage ab 2250 Euro pro Person. Der Reisepreis beinhaltet den Linienflug von Wien, Frankfurt oder München und retour inklusive Flughafengebühren und Taxen (andere Abflughäfen auf Anfrage), Transfers, Unterbringung, Verpflegung, Eintrittsgelder, Führung und Betreuung durch einen einheimischen, deutsch sprechenden Guide, Campingcrew, Campingausrüstung und Gepäcktransport auf Lasttieren. Verlängerungsprogramme zusätzlich buchbar. Weltweitwandern GmbH, Gaswerkstraße 99, A-8020 Graz. Telefon: 00 43/3 16/58 35 04 14; Internet: www.weltweitwandern.at

Noch eine Viertelstunde höher ist der Pass erreicht, 3100 Meter. Für Gipfelstolz ist aber keine Gelegenheit, denn im gleichen Moment bricht ein hochgebirgstaugliches Gewitter los, vor dem es im Geröll keinen Schutz gibt, nur Ducken und Hoffen, dass es einen nicht erwischt. Der Wettersturz verdunkelt den Mittag, bleich und lang ziehen die Blitze über den Kamm, wo schlagen sie ein? Es ist aber nur der Hagel, der prasselnd und hämmernd niedergeht und sofort alles weiß zudeckt.

Mit dem Abstieg vom Pass verbessert sich das Wetter, die harten Hagelkörner schmelzen in Pfützen, der stramme Wind fegt den Boden trocken und fordert dringend eine neue Schicht Sonnencreme mit mindestens Faktor 25. Auf dem langen Weg ins Tal endlich ein von Hunden bewachtes Bauernhaus, die Rückkehr in die Zivilisation. An einem Nagel hängt ein im Westen längst ausgestorbenes Transistorradio. Eine Frau kommt heraus, staunt kurz über die bleichgesichtigen Fremden und bringt frisches Brot und eine Schüssel Rahm. Der Tee wird mit den getrockneten Kuhfladen gekocht, die ihr Mann in einem Jutesack hereinträgt.

Was weiter westlich nur Nomadenkitsch ist, Tschingis Aitmatows berühmte Liebesgeschichte "Dshamilja", könnte sich hier, in der Heimat des Autors, noch immer mit Himmelsmacht ereignen: dass sich die bisher so gehorsame Tochter in einen Fremden verliebt und Haus und Hof und Familie verlässt, um ihm nachzufolgen und - was denn sonst? - draußen in der Welt unglücklich zu werden.

© SZ vom 15.09.2016/ihe
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