Fernreise Iran: Zu Gast bei einstigen Nomaden

In der iranischen Provinz Fars kann man nun sogar bei ihnen übernachten - und Einblicke in Familien gewinnen, deren Leben sich gerade radikal ändert.

Von Christiane Schlötzer

Der Tee aus Rosenblütenblättern und Zimt duftet, auf der Zunge bleibt ein leicht pelziges Gefühl. Der Rücken ruht in einer Kissenlandschaft, die Füße liegen auf einem dicken, rauen Teppich. "Sugar?", fragt Zahra, ein Mädchen wie ein Fabelwesen, im bodenlangen, sonnengelben Glanzrock, mit himmelblauem Kopftuch. Empfang bei den Nomaden, bei Abbas Barzegar und seiner Familie, in Bavanat, Provinz Fars, Iran.

Tochter Zahra, 16, stellt eine Schale mit braunen Traubengeleewürfeln auf ein Beistelltischchen und schwebt mit dem Tee-Tablett davon. Ihr Vater nimmt einen Schemel und setzt sich zu den Gästen. Abbas Barzegar trägt Jeans und weißes Hemd, wie ein kalifornischer Geschäftsmann, er verzichtet äußerlich auf alles Folkloristische. Sein Lieblingswort aber ist "magic", er streut es in jeden dritten Satz. "Ein Wunder", sagt Abbas Barzegar, sei an ihm geschehen, das Mirakel habe aus ihm, dem armen Bauern mit Lehmhütte, einen höchst erfolgreichen Öko-Touristik-Unternehmer gemacht, magic eben.

Zugetragen hat sich die Wandlung in etwa so: Schon vor ein paar Jahren klopften nachts zwei Männer an seine Hüttentür, Fremde, Motorrad-Touristen, die auf ihren Maschinen in ein heftiges Unwetter geraten waren. Gastfreundschaft ist Abbas Barzegar heilig, so bot er den beiden ein Nachtlager an, und seine Frau kochte ein einfaches Abendmahl, Reis mit Kräutern. Am nächsten Morgen bedankten sich die Reisenden, zwei Deutsche, überschwänglich und brausten davon.

Im Jahr darauf standen wieder zwei Unbekannte bei den Barzegars auf der Matte und wollten kosten vom "best local cooking", von dem ihre Freunde in Berlin so schwärmten. Die Motorradtouristen hatten zu Hause begeistert von ihrem iranischen Abenteuer erzählt. Bald waren es dann nicht mehr zwei, vier oder acht Gäste, sondern 20, die sich mit einem Obolus für ein Lager bedankten. Da sah Barzegar, wie er sagt, "magical money in the box".

Seine Englischkenntnisse wuchsen mit dem Business. Bei 400 Gästen im Jahr gab es Eifersüchteleien im Dorf, auch dagegen fand der Mann ein Rezept: Er kaufte bei den Nachbarn ein. Als seiner Frau beim Kochen für die vielen Gäste einmal das Fleisch ausging, da tat sie Soja in den Topf. Die Touristen seien genauso "happy" gewesen, erinnert sich Barzegar. Seitdem schwört er auf "organic food". Abbas Barzegar bewirtschaftet inzwischen mit seinen Angestellten 28 Hektar Garten. Dort gedeiht fast alles, was die Gäste verspeisen, die in 37 Zimmern zuletzt 8000 Übernachtungen im Jahr gebucht haben.

Warum nicht orientalische Gastfreundschaft zum Geschäft machen? Andernorts hat das ja auch funktioniert, warum also nicht in Iran? Und die Gäste haben es doch so gern authentisch. Barzegar, 41, sagt: "Ich habe ein sehr schwieriges Leben hinter mir, jetzt habe ich einen BMW, einen Hyundai, eine gute Familie." Der Bauer aus Bavanat hat gelernt, worauf es beim Reisen ankommt: auf gekaufte Träume. Andere werden ihm das bald nachmachen, Iran wird ja gerade erst für den Tourismus entdeckt. Bei Studiosus war das Land schon 2015 das beliebteste Fernreiseziel, Tendenz steigend. Die Regierung in Teheran verspricht, den Tourismus großzügig zu fördern, mit einfacher Visum-Erteilung, dem Bau neuer, auch luxuriöser Hotels.

Masoud Soltanifar, Vizepräsident der Islamischen Republik und zuständig für die Branche, gerät in seinem eher schmucklosen Büro in Teheran ins Schwärmen, wenn er von der Zukunft spricht: Pilger-Tourismus, Medizin- und Kultur-Tourismus - überall sieht er Chancen für sein Land - ja selbst im "Öko-Tourismus in kleinen Dörfern". Das Wort "magic" benutzt Soltanifar nicht, aber was er sagt, klingt, als hätten die Politiker in Teheran - ebenso wie der Bauer Barzegar - mit dem Tourismus eine Art Zauberstab entdeckt, für die Schaffung von mehr Wohlstand. Ein Aufschwung wäre bitter nötig, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Soltanifar: "Wir haben Dschungel und Wüste, Meer und Schnee. Religion, Tradition und Kultur."

Abbas Barzegar hat nur ein paar kunstvoll verschachtelte Lehmhütten, nebst Zicklein-Pferch, mit einem Haufen frischen Heus davor. Dazwischen stehen hölzerne Gerätschaften herum, wie in einem oberbayerischen Bauernhofmuseum. Das ist das ganze "Tourist Village". Das Essen für die Gäste wird an langen Tischen serviert: Reis mit Kräutern, Berberitzen und Walnüssen, dazu Joghurt. Alles frisch zubereitet und köstlich. Am Eingang zum "Village" steht ein Kleinbus mit der Aufschrift "Persian Nomad VIP Tours".

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Barzegar hat auch ein komplettes Dorfschulzimmer nachgebaut, mit Schiefertafel und schmalen Holzbänken. Er selbst kam nie über die dritte Klasse hinaus. Bevor er von der Schule flog, hatte er einen Aufsatz verfasst, in dem er schrieb, er wolle einmal "Schah von Persien" werden. Den Schah gab es damals schon nicht mehr, der Lehrer aber verstand keinen Spaß und gab Abbas eine kräftige Ohrfeige. Den grämte das so sehr, dass er sich mit einem Stich in einen Reifen des Lehrerautos rächte. Da war seine Schulkarriere zu Ende, er musste wieder Schafe hüten.

Barzegars Großvater zog noch mit seiner Herde durchs Hochland, danach wurde die Familie sesshaft - auf halber Strecke zwischen der antiken Ruinenstadt Persepolis und Schiras, der Hauptstadt der Südprovinz Fars. In Schiras suchen westliche Touristen gern das Grabmal des von Goethe verehrten persischen Dichters Hafis auf. Der schrieb auch auf Wein und Rausch Elogen, das trägt dem Mystiker aus dem 14. Jahrhundert bis heute bei weniger strenggläubigen Iranern geradezu zärtliche Verehrung ein.

Nomaden gibt es in der Region noch immer, und Barzegar möchte, dass deren Kultur weiter überlebt. Das ist seine neue Mission. Das Nomaden-Schauspiel, das er tagtäglich für seine Gäste veranstaltet, ist ja eigentlich nur Show, aber es hat ihn an seine eigenen Wurzeln erinnert.

"Ich hatte da einen Traum", sagt Barzegar. Das war, man muss es so sagen, ein ziemlich archaischer Traum, und er hätte beinahe sein "magical" Business zerstört. Als er davon erzählt, sitzt seine Frau abseits, ein paar Meter auf Abstand, Tochter Zahra aber weicht ihrem Vater nicht von der Seite, sie sagt: "My father is my hero."