Johannesburg im Umbruch Endlich eine afrikanische Stadt

Mit deutscher Hilfe wurde zur Fußball-WM 2010 das Schnellbussystem Rea Vaya ins Rollen gebracht, mit dem man für einen Euro von Soweto in die Innenstadt fahren kann. Dazu kam 2011 der neue Gautrain, eine Metro-Verbindung zum Flughafen und in die nördlichen Vororte. Vorher gab es nur schrottreife Minibustaxen. "Danach ist das Pendel umgeschwungen", sagt Garner, "zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, dass die Stadt wieder eine Chance hat."

50.000 Apartments wurden seitdem im Herzen Johannesburgs neu gebaut oder saniert. Leerstände von Büros gingen zurück. Die Kriminalität nahm ab. "Integrated" nennt man es in Südafrika heute, wenn Gäste aller Hautfarben in Kneipen und Restaurants zusammensitzen, wie etwa auf der Dachterrasse des "Living Room", einer alternativen Bar in Maboneng mit Blick auf die funkelnde Skyline.

Das alte System will keiner zurück

Der Aufstieg aus der Asche ist mehr als nur ein städtebauliches Remake: "Johannesburg ist jetzt eine afrikanische Stadt, und wird es auch bleiben", meint Garner, der bereits zwei Bestseller über den Wandel geschrieben hat. Experten streiten über die passenden Begriffe für den Umwälzungsprozess: Erneuerung und Comeback sind ziemlich verpönt, "denn das alte System, in dem Johannesburg ein weißes, künstliches Gebilde war und die Schwarzen vor den Toren der Stadt wohnten, will ja keiner zurück", sagt Garner.

Er hat aufgezeichnet, wie sich Johannesburg von den 50er-Jahren bis in die 90er- Jahre hinein gern als Wirtschaftswunder des Kontinents verkaufte. Dabei wurde tunlichst verschwiegen, dass Millionen Afrikaner in Armut lebten und sich in weit abgelegenen Townships drängten.

Polittourismus ist Südafrikas neuer Verkaufsschlager

Damals entstand die heute noch beeindruckende, steinerne Hochhaus-Silhouette der Stadt, darunter auch das 1973 gebaute Carlton Centre als höchstes Gebäude Afrikas und erstes Fünf-Sterne-Hotel des Kontinents. 1994 feierte der African National Congress (ANC) in dem 50-stöckigen grauen Betonklotz die Abschaffung der Apartheid mit einer rauschenden Siegesparty. Nur drei Jahre später musste das prestigeträchtige Hotel aus Sicherheitsgründen geschlossen werden: Gäste waren vor der Tür regelmäßig ausgeraubt worden.

Polittourismus, der den langen Weg zur Freiheit nachzeichnet, ist Südafrikas neuer Verkaufsschlager, nicht nur in Johannesburg. Auf den Dächern der Bürohochhäuser im Banken-Viertel rund um den Gandhi Square werden Picknicks für Touristen veranstaltet. In Soweto, vom Township zur Vorstadt avanciert, zeigen bunte Schilder zur Vilakazi Street, der einzigen Straße der Welt, in der zwei Nobelpreisträger, Bischof Desmond Tutu und Nelson Mandela, gelebt haben. Mandelas kleines Township-Haus ist heute ein Museum und hat eine imposante Glasfront mit Rezeption erhalten. Das Haus Tutus wird immer noch von dessen Familie bewohnt.

Ganze Familien campieren auf Matratzen

Anrührend kann man dem Erbe des Freiheitskampfes auch im 2004 gebauten Neubau des "Constitutional Court" nachspüren. Es ist die erste große Post-Apartheid-Architektur in Südafrika. Ein Verbindungsgang führt zum berüchtigten Gefängnis "Number 4", wo, wie auf Robben Island vor Kapstadt, Widerstandskämpfer interniert waren. Kuhhäute verkleiden die Richtertische des afrikanischen Verfassungsgerichts, eine breite Fensterwand symbolisiert Transparenz.

Kommt der Besucher nach all dem politischen Sightseeing dann auf ein Bier nach Maboneng zurück, sieht er auf dem Parkplatz vor den Galerien von "Arts on Main" schon mal ganze Familien auf Matratzen campieren. Auf den ersten Blick könnte man das in dieser Umgebung glatt für eine gesellschaftskritische Kunstinstallation halten. Aber es ist Realität: Die Menschen sind obdachlos. Der urbane Wandel, so viel ist klar, ist noch lange nicht abgeschlossen in Südafrika.

Informationen

Anreise: Flug mit Lufthansa ab/bis Frankfurt nach Johannesburg hin und zurück ab ca. 700 Euro, www.lufthansa.de, Mit South African Airways ab/bis München ab 712 Euro, www.flysaa.com.

Unterkunft: 12 Decades, Themen-Hotel im neuen Stadtteil Maboneng, jedes Zimmer im Stil eines Jahrzehnts eingerichtet, 286 Fox St, Johannesburg 2094, 0027/11/026 56 01, www.12decadeshotel.co.za

Arrangement: Pauschalreise von Johannesburg nach Kapstadt durch Südafrika, inklusive zwei Tage in Johannesburg im Szene-Hotel Protea Fire & Ice im Stadtteil Melrose, plus 8 Tage Safari "Höhepunkte Südafrikas" , die in Johannesburg beginnt und in Kapstadt endet, inkl. Flug ab/bis Deutschland, ab ca. 1800 Euro, www.thomascook.de

Besichtigungen: www.constitutionalcourt.org.za, www.mandelahouse.com

Touren: Zu Fuß durch Johannesburg mit dem Stadtplaner Gerald Garner, verschiedene Touren, ab ca. 13 Euro pro Person, www.joburgplaces.com