Johannesburg im Umbruch:"Die düstersten Jahre sind vorbei"

Johannesburg City under the moon; Johannesburg

Die Skyline von Johannesburg.

(Foto: René Paul Gosselin; pg-images/iStockphoto.com)

Noch vor wenigen Jahren traute sich kein Tourist in die Innenstadt von Johannesburg. Inzwischen gibt es in der südafrikanischen Großstadt immer mehr Viertel mit Cafés, Läden und Grünflächen. Doch der Stadt fehlten nicht nur Sicherheit und Ordnung - sie muss sich ganz neu erfinden.

Von Andrea Tapper

Bheki Dube, ein junger Mann mit Rastalocken, hat den Grill angeworfen, auf dem Balkon der Artisan Lofts brutzelt er Steaks und Würste. Drinnen, im vierten Stock des umgebauten Bürogebäudes, begutachtet ein Paar aus Kapstadt eine Stahlküche im Industrielook, andere Gäste unterhalten sich angeregt an einem Holztisch. Biere werden geöffnet, Bheki Dube legt entspannte Musik nach. Dabei ist der Sonntagsbrunch nicht sein Privatvergnügen, sondern ein Immobilien-Besichtigungstermin. Und er funktioniert: Südafrikaner lieben ihren Braai, das häusliche Grillen, damit lassen sie sich sogar in die Innenstadt ihrer größten, aber auch gefährlichsten Stadt locken.

Anders als etwa bei einem Maklertermin in Hamburg oder München werden sie im neuen In-Viertel Maboneng in Johannesburg nicht lieblos durch die aufgemotzten Interieurs geschleust. Sie dürfen sich alle Zeit der Welt nehmen, um zu erfahren, wie es sich im Herzen ihrer eigentlich schon fast aufgegebenen Metropole anfühlt.

In manchen Häusern regieren Slumlords

"Bewerber für Lofts in der Innenstadt, Touristen im Zentrum von Johannesburg, ein Einkaufsbummel mit locker umgehängter Handtasche, das wäre noch vor wenigen Jahren absolut undenkbar gewesen", sagt Gerald Garner, Städteplaner, Autor und urbaner Aktivist, der den Fall und Wiederaufstieg seiner Heimatstadt in den vergangenen zwei Jahrzehnten genau beobachtet hat.

Der 42-Jährige führt heute Besucher auf City Walks durch Braamfontein, die revitalisierte Studenten- und Clubgegend, wo der Neighbourgood-Ökomarkt jeden Samstagmorgen Tausende junge Besucher anlockt; durch Little Addis, wo sich auf vier Häuserblocks eine geschäftige, äthiopische Minderheit angesiedelt hat, und sogar durch das berühmt-berüchtigte Viertel Hillbrow, zur Zeit der Apartheid gefragtes Wohngebiet einer innerstädtischen Mittelklasse, heute Zufluchtsort Zehntausender Zuwanderer.

In manchen Häusern regieren Slumlords, in anderen Drogenhändler. "Die Besitzverhältnisse sind kompliziert", sagt Garner. Noch würde er niemandem raten, allein seine Runden durch die verwahrloste Nachbarschaft zu drehen, doch der ausgebildete Landschaftsarchitekt ist überzeugt: "Selbst Hillbrow wird wiederkommen. Johannesburg hat seine düstersten Jahre überstanden."

Johannesburg kollabierte im Kern

"Innerstädtischer Niedergang war Ende des 20. Jahrhunderts weltweit ein Phänomen", meint Chronist Garner, "doch keine Metropole hat es wohl so schlimm getroffen wie Johannesburg." Vier Millionen Einwohner, davon 400.000 in der Innenstadt - Johannesburg stand bis vor Kurzem noch da, wo sich New York vor Null-Toleranz-Bürgermeister Rudolph Giuliani befunden hatte: im Kern kollabiert, in bestimmten Gegenden de facto unbewohnbar, mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt. In Hillbrow etwa, rund um den 54-stöckigen Ponte Tower, lebten Anwohner wie Besucher in Todesangst. Im Innenhof des Rundbaus mit fast 500 Apartments stapelte sich der Müll zeitweise drei Etagen hoch.

Anders als in New York müssen in Johannesburg, dem Wirtschafts- und Finanzzentrum des südlichen Afrikas, mehr als Recht und Ordnung wiederkehren: "Wir müssen uns komplett neu erfinden", sagt der 42-jährige Garner.

Wohnen mit Mission

Diesen Neustart sehen viele auch als Chance. Jonathan Liebmann zum Beispiel, Johannesburger Immobilien-Investor mit Vision. 25 ruinöse Innenstadt-Häuser hat der 31-Jährige inzwischen aufgekauft.

Sein Vorzeigeprojekt ist das 2009 eröffnete Maboneng ("Platz des Lichts") mit dem Künstlerzentrum "Arts on Main", in dem auch das Goethe-Institut eine Dependance unterhält. Galerien und Buchläden, das Boutique-Hotel "12 Decades", das Programmkino Bioscope und ein halbes Dutzend schicker Restaurants sind in dem seit 1888 existierenden ehemaligen Handwerks- und Kleinindustrie-Viertel eingezogen. Mit seinen Lagerhallen, Graffiti-Wänden und Lofts (Startpreis: 50.000 Euro) erinnert die Nachbarschaft an das einstige Brooklyn oder Tribeca.

Doch von Gentrifizierung, der Verdrängung alteingesessener Bürger durch Schickimicki-Klientel, könne man in Afrika nicht sprechen, meint Liebmann. Er will vor allem junge Familien aller Couleur und kleine Gewerbetreibende wieder in die Innenstadt locken. "Wer hier hinzieht, weiß, er ist selber Teil des Umbruchs und der Wiederbelebung der Stadt", sagt etwa der Maler Fred Clarke, 27, der im "Arts on Main"-Komplex ein Wohnatelier unterhält. Das Wohnen mit Mission liegt im Trend: "I was shot in Jo'burg" heißt die Fotogalerie des Künstlers Mehluli P. Ndlovu, der mit diesem Namen einerseits auf die extrem hohe Kriminalitätsrate abzielt, andererseits für seine Schnappschüsse wirbt.

Shop-Eröffnung als politisches Statement

Die Modedesignerin Anisa Mpungwe entwirft und verkauft Afro-Kollektionen und Tunika-Kleider in ihrer Boutique "Loin Cloth & Ashes". Die Shop-Eröffnung in Maboneng ist für sie fast ein politisches Statement: "Wir trauen uns wieder in die City", heißt es jetzt, nachdem Ende der 90er-Jahre auch der letzte verbliebene Einzelhändler in die sichereren nördlichen Vororte geflohen war. In Kürze sollen in Maboneng das erste Hotel für Rucksacktouristen, "Curiocity", und ein Café mit Pool eröffnen. Auch mehr Grün soll es bald geben. Jonathan Liebmann plant Pop-up-Gärten, kleine Parks, die von den Bewohnern selbst unterhalten werden sollen.

Mit 2,5 Millionen Besuchern ist Jozi, wie die Stadt von ihren Bewohnern genannt wird, nach offiziellen Statistiken die meistfrequentierte Metropole des Kontinents. Doch die Touristen blieben zum Übernachten und Einkaufen bislang eher in den weißen Vorstädten wie Rosebank und Sandton. Wie konnte es in den Straßenschluchten der Innenstadt überhaupt so finster werden? Warum gingen in der 1886 gegründeten ehemaligen Goldgräbersiedlung ausgerechnet nach dem Abschütteln der Apartheid die Lichter aus?

Die Innenstadt implodierte

Schon Nelson Mandela, der erste frei gewählte Präsident Südafrikas, habe eine "spektakulär gescheiterte Stadt" übernommen, sagt Stadtplaner Gerald Garner, wenn er Besucher neuerdings wieder zu den kunstvollen Art-déco-Gebäuden, den Rotklinker-Häusern aus den 60er-Jahren und den verzierten Eingängen mit Portierslogen im Zentrum von Johannesburg führt, einst Aushängeschilder der Boom-City, heute vielerorts mit windschiefen Gittern verrammelt.

Schon vor dem Ende der Apartheid Mitte der 90er-Jahre zogen immer mehr Weiße und internationale Firmen weg. "Viele ließen ihren Besitz vergammeln, andere vermieteten später winzige Wohnungen an Dutzende Einwanderer. Kein Mensch kümmerte sich mehr um Wartung, Strom und Wasser", erzählt Garner. Jobsuchende aus Nachbarländern kamen zuhauf nach Johannesburg. Die Innenstadt implodierte. Erst 2007 einigte sich die Stadtverwaltung auf eine "Regeneration Charter" mit vier Säulen: Busse, Bahnen, Sicherheit und Infrastruktur - der Anfang zur Rettung.

Endlich eine afrikanische Stadt

Mit deutscher Hilfe wurde zur Fußball-WM 2010 das Schnellbussystem Rea Vaya ins Rollen gebracht, mit dem man für einen Euro von Soweto in die Innenstadt fahren kann. Dazu kam 2011 der neue Gautrain, eine Metro-Verbindung zum Flughafen und in die nördlichen Vororte. Vorher gab es nur schrottreife Minibustaxen. "Danach ist das Pendel umgeschwungen", sagt Garner, "zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, dass die Stadt wieder eine Chance hat."

50.000 Apartments wurden seitdem im Herzen Johannesburgs neu gebaut oder saniert. Leerstände von Büros gingen zurück. Die Kriminalität nahm ab. "Integrated" nennt man es in Südafrika heute, wenn Gäste aller Hautfarben in Kneipen und Restaurants zusammensitzen, wie etwa auf der Dachterrasse des "Living Room", einer alternativen Bar in Maboneng mit Blick auf die funkelnde Skyline.

Das alte System will keiner zurück

Der Aufstieg aus der Asche ist mehr als nur ein städtebauliches Remake: "Johannesburg ist jetzt eine afrikanische Stadt, und wird es auch bleiben", meint Garner, der bereits zwei Bestseller über den Wandel geschrieben hat. Experten streiten über die passenden Begriffe für den Umwälzungsprozess: Erneuerung und Comeback sind ziemlich verpönt, "denn das alte System, in dem Johannesburg ein weißes, künstliches Gebilde war und die Schwarzen vor den Toren der Stadt wohnten, will ja keiner zurück", sagt Garner.

Er hat aufgezeichnet, wie sich Johannesburg von den 50er-Jahren bis in die 90er- Jahre hinein gern als Wirtschaftswunder des Kontinents verkaufte. Dabei wurde tunlichst verschwiegen, dass Millionen Afrikaner in Armut lebten und sich in weit abgelegenen Townships drängten.

Polittourismus ist Südafrikas neuer Verkaufsschlager

Damals entstand die heute noch beeindruckende, steinerne Hochhaus-Silhouette der Stadt, darunter auch das 1973 gebaute Carlton Centre als höchstes Gebäude Afrikas und erstes Fünf-Sterne-Hotel des Kontinents. 1994 feierte der African National Congress (ANC) in dem 50-stöckigen grauen Betonklotz die Abschaffung der Apartheid mit einer rauschenden Siegesparty. Nur drei Jahre später musste das prestigeträchtige Hotel aus Sicherheitsgründen geschlossen werden: Gäste waren vor der Tür regelmäßig ausgeraubt worden.

Polittourismus, der den langen Weg zur Freiheit nachzeichnet, ist Südafrikas neuer Verkaufsschlager, nicht nur in Johannesburg. Auf den Dächern der Bürohochhäuser im Banken-Viertel rund um den Gandhi Square werden Picknicks für Touristen veranstaltet. In Soweto, vom Township zur Vorstadt avanciert, zeigen bunte Schilder zur Vilakazi Street, der einzigen Straße der Welt, in der zwei Nobelpreisträger, Bischof Desmond Tutu und Nelson Mandela, gelebt haben. Mandelas kleines Township-Haus ist heute ein Museum und hat eine imposante Glasfront mit Rezeption erhalten. Das Haus Tutus wird immer noch von dessen Familie bewohnt.

Ganze Familien campieren auf Matratzen

Anrührend kann man dem Erbe des Freiheitskampfes auch im 2004 gebauten Neubau des "Constitutional Court" nachspüren. Es ist die erste große Post-Apartheid-Architektur in Südafrika. Ein Verbindungsgang führt zum berüchtigten Gefängnis "Number 4", wo, wie auf Robben Island vor Kapstadt, Widerstandskämpfer interniert waren. Kuhhäute verkleiden die Richtertische des afrikanischen Verfassungsgerichts, eine breite Fensterwand symbolisiert Transparenz.

Kommt der Besucher nach all dem politischen Sightseeing dann auf ein Bier nach Maboneng zurück, sieht er auf dem Parkplatz vor den Galerien von "Arts on Main" schon mal ganze Familien auf Matratzen campieren. Auf den ersten Blick könnte man das in dieser Umgebung glatt für eine gesellschaftskritische Kunstinstallation halten. Aber es ist Realität: Die Menschen sind obdachlos. Der urbane Wandel, so viel ist klar, ist noch lange nicht abgeschlossen in Südafrika.

Informationen

Anreise: Flug mit Lufthansa ab/bis Frankfurt nach Johannesburg hin und zurück ab ca. 700 Euro, www.lufthansa.de, Mit South African Airways ab/bis München ab 712 Euro, www.flysaa.com.

Unterkunft: 12 Decades, Themen-Hotel im neuen Stadtteil Maboneng, jedes Zimmer im Stil eines Jahrzehnts eingerichtet, 286 Fox St, Johannesburg 2094, 0027/11/026 56 01, www.12decadeshotel.co.za

Arrangement: Pauschalreise von Johannesburg nach Kapstadt durch Südafrika, inklusive zwei Tage in Johannesburg im Szene-Hotel Protea Fire & Ice im Stadtteil Melrose, plus 8 Tage Safari "Höhepunkte Südafrikas" , die in Johannesburg beginnt und in Kapstadt endet, inkl. Flug ab/bis Deutschland, ab ca. 1800 Euro, www.thomascook.de

Besichtigungen: www.constitutionalcourt.org.za, www.mandelahouse.com

Touren: Zu Fuß durch Johannesburg mit dem Stadtplaner Gerald Garner, verschiedene Touren, ab ca. 13 Euro pro Person, www.joburgplaces.com

© SZ vom 8. November 2013/fr
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