bedeckt München 26°

Archipel Okinawa in Japan:Ist das die geheime Formel fürs Steinaltwerden?

"Okinawa bekommt immer die negativen Auswirkungen der Weltpolitik zu spüren", sagt Till Weber. Das war schon vor 600 Jahren so, als die Inseln das unabhängige Königreich Ryukyu bildeten, das bis ins 19. Jahrhundert bestand. Es war durch Handelsbeziehungen mit China und Japan verbunden und zwischen den beiden Mächten zerrissen. So bildeten sich andere Traditionen als im Rest Japans aus. Der chinesische Einfluss zeigt sich heute noch unter anderem in Burgen und Schreinen, die zum Weltkulturerbe zählen, in Drachen- und Wachlöwenfiguren an den Häusern sowie in einer speziellen Ausprägung des Shintoismus: Verehrt werden Bäume, Steine oder andere, für Uneingeweihte nicht besonders bemerkenswert erscheinende Stellen in der Natur, an denen die Gläubigen Räucherstäbchen anzünden. Der Kunsthistoriker Weber gerät ins Schwärmen über diese kulturellen Besonderheiten. Dazu gehört auch der Ahnenkult. "Vorfahren und Alte werden nirgendwo in Japan so respektiert wie hier." Das gilt natürlich auch für Ogimi, wo es zum Beispiel eine Gemeinschaftskasse gibt, in die alle Dorfbewohner einzahlen für diejenigen Alten, die das Geld am nötigsten brauchen.

Reise-Knigge für Japan

Im Land der Fettnäpfchen

Schon von Weitem ist jetzt ein Tamburin zu hören. Masakos Freundin Sumiko Taira schlägt es am Eingang zum Gemeindesaal von Ogimi. Lachend ruft sie den anderen Frauen entgegen, hereinzukommen. Jeden Freitag treffen sich die Seniorinnen zur Gymnastik mit einer Krankenschwester, die meint: "Das Besondere ist nicht, wie alt die Dorfbewohner werden, sondern wie fit sie dabei sind." Sumiko Taira macht bereits seit 27 Jahren regelmäßig mit, wie sie stolz berichtet. Sie ist 97 Jahre alt, hat sechs Kinder, 16 Enkel, 28 Urenkel - bewältigt ihren Alltag aber immer noch alleine. Außer im Gemeindesaal turnt sie auch zu Hause, jeden Morgen vor dem Radio. Ihren Kopf hält sie ebenfalls in Schwung: "Ich schreibe Tagebuch und lese Zeitung."

Dann ist genug geredet. Alle einen Stuhl schnappen! Einen Kreis bilden! Masako Taira klopft auf die freie Sitzfläche neben sich und lächelt einladend, der junge Mann aus der Reisegruppe soll sich zu ihr setzen. Und jetzt mitmachen! Aus einem abgegriffenen Kassettenrekorder eiert die Melodie eines Saiteninstruments, dazu gibt die Krankenschwester Anweisungen: Arme heben, Kopf in den Nacken, Füße locker kreisen. Das soll das Gleichgewicht schulen, bei Stürzen vor Verletzungen schützen. Dazu gibt es Tee, die Tassen sind mit Hello-Kitty-Figuren bedruckt. Kein Stress, familiärer Zusammenhalt, Gymnastik - ist das die geheime Formel fürs Steinaltwerden? Masako Taira kann nicht antworten, denn jetzt wird auch noch getanzt. Sie schnappt sich den jungen Mann und schiebt ihn trippelnd durch den Saal.

Wissenschaftler führen das hohe Alter der Ogimianer auf ihr gesundes Essen zurück: wenig Salz, wenig Fett, viel Gemüse aus den eigenen Gärten. Im Restaurant von Emiko Kinjo kann man das kosten. Ihr Lokal liegt am Ortseingang, ist aus Holzlatten gezimmert wie ein Schuppen. Die 67-jährige Köchin serviert die Speisen in einer schwarz lackierten Kiste, die unterteilt ist wie ein Setzkasten. In jedem Kästchen liegt ein Mini-Gericht: Heringe in Meersalz, Tofu mit Seegras, Aloe-vera-Nudeln, frittierte Papaya mit der hiesigen Shekwasha-Zitrone - alles aufwendig drapiert, lauter Kunstwerke. Sechs Stunden habe sie daran gearbeitet, sagt Emiko Kinjo.

So viel Mühe machen sich nicht mehr alle Bewohner von Ogimi. Bei den Jüngeren sei Mikrowelle und Fast Food statt Seegras angesagt, meint Emiko Kinjo, dank der Amerikaner sind die Imbissketten auf ganz Okinawa verbreitet. Aber viel drastischer sind ganz andere Veränderungen: Die Leute ziehen vom Land in die Städte, und in Ogimi wie in ganz Japan schrumpft die Bevölkerung. Bis 2040, so die Schätzungen der Behörden, soll es 20 Millionen Japaner weniger geben als im Jahr 2010. In die Schule von Ogimi gehen gerade noch drei Dutzend Kinder, Masako Taira erinnert sich noch an einst 500. Und viele der Hundertjährigen leben nicht mehr in ihren Familien, sondern im Pflegeheim.

Die Musik ist zu Ende. Gemeinsam mit den Seniorinnen spazieren die Gäste zurück zum Bus. Masako Taira hakt sich bei dem jungen Mann ein. Sie zeigt das Feld, auf dem sie ihr Leben lang bittere Goya-Gurken angebaut hat. Einmal hat sie damit sogar einen Preis gewonnen, erzählt sie.

Und was ist nun das Geheimnis der ewigen Jugend, Frau Taira? Sie sagt etwas, aber die Übersetzerin darf es erst im Bus wiedergeben: "Man soll nicht nur eine Oma werden, sondern immer auch eine Frau bleiben. Sie freut sich schon auf den Besuch der nächsten jungen Männer."

Information

Anreise: Flug mit All Nippon Airways von Frankfurt/Main nach Tokio, weiter nach Okinawa und über Tokio wieder zurück nach Frankfurt ab 747 Euro. Von Frankfurt nach Okinawa, weiter auf kleinere Inseln Okinawas, z. B. nach Ishigaki, und zurück nach Frankfurt ab 925 Euro, www.ana.co.jp

Übernachtung: Busena Terrace auf Okinawa Honto, DZ mit Frühstück ab ca. 200 Euro p. P., www.terrace.co.jp, auf Ishigaki: Hotel Granview direkt am Hafen, von dem Fähren zu noch kleineren Inseln ablegen, DZ ab 120 Euro, www.granview.co.jp

Weitere Auskünfte: Japanische Fremdenverkehrszentrale JNTO, Kaiserstr. 11, 60311 Frankfurt, Tel.: 069/203 53, www.jnto.de; Okinawa Visitors Bureau, de.visitokinawa.jp

Tokio Lost in Trainstation
Neulich in Tokio

Lost in Trainstation

Tokio ist wunderbar unübersichtlich. Leider bekommt die Reiseleiterin fast einen Nervenzusammenbruch, wenn sich deutsche Touristen einfach mal treiben lassen wollen.   Von Jochen Temsch