Städtereise-Serie "Bild einer Stadt" Wie tickt eigentlich ... Hannover?

Hannover, mehr als einen Zwischenstopp wert.

(Foto: Mapics/Fotolia; Illustration Jessy Asmus)

Hannover liege nicht am Arsch der Welt, man könne ihn von dort aus aber sehr gut sehen, lästerte einst Harald Schmidt. Wie es wirklich ist.

Von Carsten Scheele

Eine Stadt zu bereisen, bedeutet nicht nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Sondern einen Blick in ihre Seele zu werfen - und dabei schöne Orte kennenzulernen, die auch Einheimische lieben. Wir haben unsere SZ-Korrespondenten in Deutschland gebeten, ihre Stadt anhand eines Fragebogens zu präsentieren. Diesmal erklärt Carsten Scheele, warum man in Hannover nicht ins Grüne fahren muss, sondern gehen kann. Und was die Einwohner so gelassen macht.

Was ist das Besondere an Hannover?

Hannover ist grün. Der Stadtwald, genannt Eilenriede, schlängelt sich auf 640 Hektar von Nord nach Süd. Dazu die Herrenhäuser Gärten, der Zoo, die vielen Parks - zwischen Stadt und Vogelgezwitscher liegen oft nur wenige Meter. Zwölf Prozent Grünfläche, da kann keine andere deutsche Großstadt mithalten.

Hannover ist auch gar nicht so provinziell wie oft behauptet. Es gibt einen Bahnhof, jawoll, und einen Flughafen. Sogar eine S-Bahn, eine Universität, ein Schloss, eine Oper. Und fast immer eine Messe. Die Zeitungen haben viel zu schreiben, denn Hannoveraner sind ungehorsam: Mal muss ein Bundespräsident zurücktreten (Christian Wulff), mal fährt Deutschlands oberste Kirchenfrau betrunken Auto durch die Innenstadt (Margot Käßmann). Oder es scheitert eine Landesregierung, weil eine Grüne zur CDU überwechselt.

Und wie ticken die Einwohner?

Die sind unaufgeregt (wenn es nicht gerade um die 50+1-Regel im Fußball geht). Sollen die anderen ruhig spotten, Hannover sei langweilig, provinziell und hässlich. Hannoveraner wissen schon, was sie an ihrer Stadt haben. Sie müssen es aber nicht jedem auf die Nase binden.

Wie kommt man am besten mit ihnen in Kontakt?

In den Parks, im Zoo, auf den Stadtteilfesten und Spielplätzen. Kommt auch darauf an, welcher Typ gesucht ist: Wer gerne im teuren Hemd am Maschsee sitzt, wird sich selten ins liebenswerte, multikulturelle Schmuddelviertel Linden verirren.

Wohin gehen Einheimische ...?

  • zum Frühstück: Ins Zurück zum Glück beim Emmichplatz im Zooviertel. Brötchen, Eier und Müsli gibt es den ganzen Tag, alle Speisen und Getränke sind biozertifiziert. Besser im Voraus einen Tisch reservieren.
  • zum Mittagessen: Ins vietnamesische Street Kitchen in der Limmerstraße. Oder ins Treibhaus im Stadtteil List, da gibt es auch veganen Mittagstisch. Wer am Hauptbahnhof ist und nur ein Stündchen Zeit hat, dem sei das Mezzo empfohlen. Flammkuchen heißen "Gerda".
  • am Feierabend: Ins Plümecke in der Voßstraße, wo es die beste Currywurst Hannovers geben soll - darüber wird allerdings gestritten. Das Ambiente ist karg bis urig, die Wirtin weist die Plätze an. Wurst und Bier sind dafür günstig.
  • in der Nacht: Nach Linden ins Independent-Kino Apollo. Oder ins Capitol, einen der besten Liveclubs der Republik. Die alternativen Tanzläden Faust und Béi Chéz Heinz sind direkt in der Nachbarschaft.

Was finden die Menschen in Hannover gar nicht komisch?

Wenn jemand über die Stadt lästert, nur weil er oder sie mal am Hauptbahnhof umgestiegen ist. Frei nach Harald Schmidt, der sagte: "Hannover liegt nicht am Arsch der Welt, man kann ihn von dort aus aber sehr gut sehen." Nicht so stolz sind Hannoveraner aber auf die Maschsee-Mafia (jener Männer-Klüngel-Bund, der die Macht in der Stadt angeblich unter sich aufteilt). Es finden auch nicht alle Oliver Pocher lustig und sie hören eher selten Lena Meyer-Landrut oder die Scorpions. Dafür Fury In The Slaughterhouse, jeden Morgen im Radio: Won't forget these daaaaays...

Und wofür werden sie den Urlauber lieben?

Wenn er sich auf die Stadt und seine Menschen einlässt. Und nicht nur nachplappert, was irgendwelche Hannover-Skeptiker in die Welt gesetzt haben.