Hamburg Melodien für Millionen

Seit April im Operettenhaus an der Reeperbahn: Kristina Love als Tina Turner.

(Foto: Manuel Harlan/Stage Theater)

König der Löwen, Mary Poppins, Tina: Nach Hamburg reisen die Menschen immer noch vor allem wegen der Musicals. Die Elbphilharmonie hat daran nichts geändert.

Von Christiane Lutz

Wer den Blick von der Plaza der Elbphilharmonie schweifen lässt, sieht am anderen Ufer der Elbe zwei große Theater, eines für den "König der Löwen", das andere für "Mary Poppins". Fähren laden in regelmäßigen Abständen Besucher vor ihren Türen ab. Somit hat der Schauende bereits zwei der größten Touristenattraktionen Hamburgs im Blick: die Musicals. Wenn er das Gebäude unter seinen Füßen mitzählt, sogar drei.

Während es die Menschen nach Berlin der Party und der Kultur wegen zieht, nach München eher weniger der Party, dafür aber auch der Kultur wegen, geben Hamburg-Besucher sehr oft "Musical" als Reisegrund an. Die Stadt vermarktet sich nicht als Ort der Hochkultur, sondern nach wie vor als Musical-Metropole. Hamburg ist nach New York und London die Stadt mit den meisten Musicalbesuchern weltweit.

Dabei reicht die Strahlkraft der Musicals, die meisten produziert von Stage Entertainment, so weit, dass die Hamburg Marketing GmbH Werbemaßnahmen eigentlich nur flankieren muss. Der Platzhirsch Stage Entertainment bespielt derzeit vier große Theater in Hamburg mit vier Musicals, allein 2018 sahen diese rund zwei Millionen Menschen: "Mary Poppins" sowie "Der König der Löwen" in den beiden Theatern an der Elbe und die zwei neuen Produktionen "Paramour" und "Tina". Die Geschichte um den tapferen Löwen Simba ist dabei ungeschlagener Liebling, seit der Premiere 2001 waren rund zwölf Millionen Menschen da, ein Ende in Hamburg ist nicht geplant. Warum auch?

Übernachtung, Essen, Fahrt über die Elbe: Den Gästen werden die Touren im Paket angeboten

Mit "Paramour" hat Stage Entertainment jetzt das erste Musical des Cirque du Soleil nach Hamburg geholt. Die Story ist denkbar einfach: Ein Smalltown-Girl und ihren talentierten, aber glücklosen Freund verschlägt es ins Hollywood der noch goldenen Sechzigerjahre, wo sie von einem schmierigen Produzenten zur Filmdiva gemacht wird. Natürlich verliebt er sich in sie, und am Ende steckt sie in einem klassisches Liebesdilemma: erfolgreicher Schnösel oder glückloser Jugendfreund?

In Zeiten von "Me too" die Geschichte einer vom Produzenten bedrängten Schauspielerin zu erzählen, ohne das zum Thema zu machen, mag ungünstig erscheinen, stört die Besucher von "Paramour" aber wenig. Die Show laufe gut, teilt Stage Entertainment mit. Vermutlich liegt das an den ungeheuer spektakulären Einlagen der Artisten des Cirque du Soleil, die durch die Neue Flora fliegen, das Theater, in dem traditionell viel herumgeflogen wird - siehe "Tarzan" oder einst den Kronleuchter, der im "Phantom der Oper" von der Decke herabsauste.

Wesentlich emanzipierter ist da ein anderes Smalltown-Girl, ebenfalls von einem schmierigen Typen entdeckt: Tina Turner alias Anna Mae Bullock. Von Ike Turner zuerst gefördert, dann gequält, macht sie schließlich Weltkarriere. Die Sängerin selbst hat "Tina" mitentwickelt, im Frühjahr 2018 feierte das Musical in London Uraufführung. Stage Entertainment krallte sich das wirklich gute Stück sofort, nun läuft die Heldenreise der Tina Turner seit April im Operettenhaus an der Reeperbahn - mit einer gigantisch guten Kristina Love in der Titelrolle.

"So was gibt es bei uns daheim ja nicht", seufzt eine ältere Musicalbesucherin in der Pause von "Tina" am Merchandise-Stand. Sie hätte gern die DVD gekauft, die gibt es aber nicht, die Leute sollen sich das Musical ja anschauen kommen, erklärt die Verkäuferin. Entschuldigung, wo ist denn "daheim"? "Na, in München!", sagt die Frau, dann schimpft sie etwas über Münchens mangelnden Musical-Glamour und preist Hamburg.