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Hoteltest-Serie "Frisch bezogen":In den Schlaf geschaukelt

Ein Traum für Landratten: der schwimmende Hafenkran am Sandtorkai in der Hafencity.

(Foto: Hafencitystudios)

Ein Bett auf dem Wasser, ganz ohne Kreuzfahrt: In Hamburg kann man auf einem Kran mit Blick auf die Elbphilharmonie übernachten - und in einem umgebauten Frachtschiff.

Lotsekai 8 lautet die Adresse. Hier soll sich ein neuer Geheimtipp der Hamburger Übernachtungskultur befinden. Und tatsächlich führt die Empfehlung in eine weniger bekannte Ecke des viel besuchten Stadtstaates, nämlich in den südlichen Bezirk Harburg. Straßen, urbanes Einerlei. Das Ziel befindet sich im Binnenhafen, der an einem unscheinbaren Arm der Süderelbe liegt. Man sieht Schiffe und Strommasten. Eine Brücke führt über den Kanal. Vom Dach eines niedrigen Frachters meldet ein Schild in dünnen Buchstaben: "Hotelschiff". Hier ist es? Hier ist es.

Die Sehnsucht des Urlaubers, auf dem Wasser zu nächtigen, ist vermutlich so alt wie der Tourismus selbst. Festen Boden unter den Bettpfosten zu haben, ist schließlich der Normalfall, ein Nachtlager im sanften Rhythmus des Seegangs hingegen ist für Landratten spektakulär. Nur wenige besitzen ein Hausboot oder eine Yacht. Und Kreuzfahrten dauern zu lange, sind teuer und wegen der Abgasbilanz für Leute mit ökologischem Gewissen keine gute Wahl.

Aber allmählich weitet sich der Horizont der Möglichkeiten, wie man am Beispiel des Harburger Hafenschiffs sehen kann, das der Niederländer Marcel Klovert im vergangenen Oktober unter dem griffigen Titel "Schlafen im Hafen" eröffnet hat. Der Zuspruch ist groß, Klovert hat das Gefühl, mit seinem kleinen kühnen Unternehmen einen Bedarf zu decken. "Ich glaube", sagt er, "das ist so eine Sehnsucht der Menschen: mal was anderes."

Lydios heißt das Binnenschiff, das Klovert zur Komfortunterkunft ausgebaut hat. Es ist 105 Jahre alt, transportierte bis vor drei Jahren noch Schüttgut über Flüsse und Kanäle im niederländisch-belgisch-deutschen Raum. Wenn man direkt davorsteht, ist man erst gar nicht sicher, ob man hier richtig ist, weil das Schiff viel zu flach erscheint für eine geräumige Übernachtungsmöglichkeit. Aber dann öffnet Klovert eine Holztür mit Bullauge und führt eine Treppe hinunter in die Lobby.

Der Niederländer Marcel Klovert vermietet das ehemalige Frachtschiff Lydios unter dem Titel „Schlafen im Hafen“.

(Foto: Marcel Klovert)

Die Entdeckung des Hafenbeckens als Erlebnisraum für Übernachtungsgäste ist keine Idee, die Marcel Klovert als Erster hatte. Allein in seiner Heimatstadt Rotterdam ankert so etwas wie eine Ikone des Hafenschlafens: Der Passagierdampfer SS Rotterdam, Baujahr 1959, fand schon vor zehn Jahren nach vielen Weltreisen seine heutige Bestimmung als schwimmendes Luxushotel mit Museum, Gastronomie und Veranstaltungsräumen. In Wilhelmshaven gibt es das Heimschiff Arcona für Leute, die gern etwas preiswerter und rustikaler auf dem Wasser unterkommen. Die "Marinekameradschaft Wilhelmshaven von 1894" betreibt das ehemalige Wohnboot der Bundesmarine mit viel ehrenamtlichem Einsatz. Aber in Hamburg ist Klovert wohl tatsächlich in eine Marktlücke gestoßen mit seinem Konzept.

Marcel Klovert, 50, hat bis vor sechs Jahren noch als Programmierer in einem sicheren Job gearbeitet. "Viel zu lange", wie er selbst sagt. Als seine Frau Heike schwanger wurde, beschloss das Paar, die erste Zeit mit Kind in Südostasien zu verbringen. Eineinhalb Jahre dauerte der Trip, und Klovert wusste: "Wenn ich zurückkomme, mache ich was anderes." Aber was? Klovert befragte sich selbst: Was will ich? Antwort: auf dem Wasser wohnen und damit Geld verdienen. So entstand die Idee zum Hotelschiff in Hamburg, wo seine Frau als Redakteurin arbeitet.

Marcel Klovert musste mehrere Planungsrunden und Zeiten der Unsicherheit überstehen, ehe er bei seiner Bank einen Finanzierungsvertrag unterschreiben konnte. Ein geringeres Problem war, das passende Schiff zu finden. "Schiffe gibt es genug", sagt Klovert. Die alte Generation der Binnenfrachter passt nicht mehr zu den Standards der Transportbranche. Der alte Kapitän der Lydios stand nach 31 Jahren mit dem Gefährt vor der Wahl, es zu verkaufen oder zu verschrotten. Die Kloverts übernahmen die Lydios für 42 000 Euro. Im Dezember 2016 steuerten der alte Kapitän und sein Sohn das Schiff mit den Kloverts an Bord von Friesland nach Harburg.

Es folgte die eigentliche Herausforderung: Aus dem fensterlosen, dreckigen Frachtraum ohne Strom und Abwasser eine konkurrenzfähige Unterkunft zu machen. Die Kloverts richteten sich im Wohnbereich des Skippers ein. Heike verdiente das Geld. Marcel baute das Hotel. Er hatte mal eine Ausbildung als Konstruktionsmechaniker gemacht, ohne wirklich in dem Beruf arbeiten zu wollen. Jetzt kam ihm sein Wissen zugute. Nach fast 22 Monaten des Schweißens, Flexens und Tüftelns war alles fertig.

Wenn man jetzt durch das geräumige Innere des Schiffes streift, kann man sich gar nicht vorstellen, dass hier mal alles voll war mit Kohle, Kies oder anderem Frachtgut. Vier Doppelzimmer gibt es und eine Suite mit vier Betten. Die Zimmer sind großzügig und hell, sie haben Bad, bequeme Betten, Fernseher, Wlan. Bullaugen zeigen auf das Wasser des Lotsekanals. Die Lobby ist auch der Frühstücks- und Aufenthaltsraum für die Gäste. Sie erinnert dezent an die Vergangenheit des Schiffes. Industrie-Schick mit Zusatzmöbeln könnte man den Klovert-Stil nennen. Die Tische hat er aus den übrigen Brettern der Treppe gebaut, die er neu errichten musste. Der Tresen besteht aus Ölfässern, die er selbst abgebeizt und blank gebürstet hat. Die Ersatzschiffsschraube hat Klovert auf dem Holzboden platziert wie ein Ausstellungsstück. Die Chesterfield-Sessel hat er dazugekauft. Klovert würde als Reisender selbst so wohnen wollen. "Ich habe Wert drauf gelegt, dass es mir gefällt", sagt er.

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Es geht eine besondere Faszination vom Upcycling alter Hafengefährte aus. Das weiß auch der Hamburger Unternehmer Tim Wittenbecher, der seit geraumer Zeit umgebaute Leuchttürme als Zuflucht für Zwei anbietet. Seit Frühjahr 2018 vermietet er mit einem Partner auch den Turm eines schwimmenden Hafenkrans am Sandtorkai in der Hamburger Hafencity. Gäste haben dort einen Ausblick von erhabener Stelle in Elbphilharmonie-Nähe. Erleben den Charakter eines historischen Hafengefährts, das nur wenige von innen kennen.

Blick von der Kabine des Hafenkrans Hamburg auf die Elbphilharmonie.

(Foto: Hafencitystudios)

Und schaukeln sachte auf dem Wasser. Der Hafenkran ist ein Zeitzeuge der Industriegeschichte. Er hat einst Anker gezogen, Versorgungscontainer gehoben, bei Reparaturarbeiten geholfen. Er dümpelte eigentlich schon der sicheren Verschrottung entgegen, als der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Gereon Boos, ein Freund Tim Wittenbechers, ihn kaufte, um dort ein St. Paulianer Kultgeschäft unterzubringen. Boos hatte Harrys Hafenbasar übernommen, eine Sammlung aus Seefahrer-Mitbringseln mit Schrumpfköpfen, Statuen und Puppen. Er richtete die Ausstellung im Inneren des Hafenkran-Pontons ein. Aber Boos wurde schwer krank und starb. Noch zu seinen Lebzeiten beschlossen er und ein Freundeskreis, den Basar im Ponton zu lassen und den Turm zur Unterkunft auszubauen. So geschah es. Über eine halbe Million Euro kostete das. Eine Spezialwerft in Finkenwerder musste das verzogene Arbeitsgehäuse in den Zustand eines bewohnbaren Raumes mit geraden Wänden verwandeln. Tim Wittenbecher sagt: "Gegen den Kran war der Leuchtturm ein Kindergeburtstagsanfängerobjekt zum Üben."

Man erlebt den Charakter eines historischen Hafengefährts und schaukelt sachte auf dem Wasser.

(Foto: Hafencitystudios)

Vertrauen in eine verrückte Idee ist das Erfolgsgeheimnis von Leuten wie Wittenbecher und Klovert. Wobei Klovert sich gar nicht so verrückt findet. Er fände es verrückter, bis zur Rente immer im selben Büro zu sitzen. Als Junge hatte er einen Kumpel, der auf einem Hausboot lebte. Er liebte es, dort zu übernachten. "Morgens kamen die Enten, im Winter die Schlittschuhläufer." Dieses Lebensgefühl wollte er zurück. Und jetzt? Traumerfüllung? "Weiß ich nicht." Klovert überlegt. Im Traum würde er nicht alles alleine machen müssen wie jetzt, Betten machen, putzen, Frühstück. Nein, Traum nennt Marcel Klovert sein Leben nicht. Er sagt: "Es ist cool."

Übernachten im Hafenkran, Am Sandtorkai 60, die Kabine für zwei Personen ab 390 Euro inkl. F., www.myfloatel.de; Übernachten auf der Lydios: DZ ab 100 Euro, Frühstück geht extra, sechs Euro p.P., https://schlafenimhafen.de

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