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Elbphilharmonie in Hamburg:Jonas Kaufmann singt lieber woanders

An jedem Platz sollte es genauso gut klingen, hatte es geheißen, diesen Eindruck hat nicht jeder. Beim Auftritt des Tenors Jonas Kaufmann gab es im Januar Unmut, weil manche Zuhörer nichts hörten und das auch kundtaten. Kaufmann behielt seinen Ärger nicht für sich und zieht es vor, im Januar 2020 lieber in der Hamburger Laeiszhalle seine Stimme zu erheben.

Vom italienischen Maestro Riccardo Muti wurde berichtet, dass er gar nicht mehr in der Elbphilharmonie dirigieren wolle, der Saal sei mittelmäßig, dort vergeude er nicht seine Zeit. Die Repliken der Verteidiger: falscher Standort des Sängers, zu wenig Erfahrung mit der Umgebung, zu großes Ego des Dirigenten. An der Akustik scheiden sich immer wieder die Geister. Kritiker fragen sich, ob in schwierigen Momenten eher der Raum stört oder der eine oder andere derjenigen, die ihn füllen.

"Mehr Respekt, bitte!"

Es kann passieren, dass zum Beispiel beim Gastspiel eines brasilianischen Trios um Gilberto Gil der Sitznachbar ununterbrochen mit seinem Handy spielt und andere zwischendurch aufstehen und gehen. Als der New Yorker Jazzer Vijay Iyer im Großen Saal am Piano saß, da flüchteten gleich Hunderte Zuhörer. "Mehr Respekt, bitte!", bat daraufhin das Hamburger Abendblatt. Auch die US-Band Lambchop ertrug bei ihrem Debüt in der Elbphilharmonie 2017 eine Fluchtbewegung, die Rückkehr 2019 aber geriet zum Triumph.

Die Elbphilharmonie hinter ihren 1000 Fensterelementen ist nun mal die Bühne für sehr verschiedene Stilrichtungen von Herbie Hancock oder Wynton Marsalis über Helge Schneider ("Die Wiederkehr des blaugrünen Smaragdkäfers") oder Hildegard lernt fliegen zu Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, einem Verdi-Requiem mit Alan Gilbert, Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven mit Igor Levit oder den Wiener Philharmoniker mit Andris Nelsons.

Da ist es ohne Weiteres möglich, dass der eine oder andere Bustourist beim erfolgreichen Versuch, endlich in der berühmten Elbphilharmonie zu sitzen, in einer Veranstaltung landet, die ihn musikalisch nicht so wahnsinnig anspricht. Auch gibt es selbst in diesem "Amphitheater der Tonkunst" (der damalige Bundespräsident Joachim Gauck) brillante und weniger brillante Konzerte.

Und nicht jeder befolgt stets die Etikette, weshalb es von den Hausherren Empfehlungen gibt wie die: "Vor dem Applaudieren im Zweifelsfall lieber ein paar Sekunden warten und die Künstler beobachten." Oder: "Husten nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern abgedämpft - am besten mittels eines Schals, Stofftaschentuchs oder anderer Textilien. Und auf eine laute Stelle in der Musik warten."

Hustenbonbons liegen an der Garderobe gratis aus, man möge sie nicht an leisen Stellen auswickeln. Was die Portugiesin betrifft, die Nummer 10 000 000, so bekam sie einen Gutschein für Hotel, Abendessen und Konzert, es wird ihr gefallen haben.

© SZ vom 12.09.2019/kaeb
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Unser Autor war fünf Jahre lang Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Hamburg. Jetzt berichtet er aus Japan und Südkorea. Und denkt oft zurück an Hamburgs ruppige Herrlichkeit.

Von Thomas Hahn

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