Süddeutsche Zeitung

Elbphilharmonie in Hamburg:Bitte warten

Der Andrang auf die Elbphilharmonie ist groß - manchmal aber auch die Enttäuschung über das dort gebotene Kunsterlebnis.

Von Peter Burghardt

Im Juni 2019 war es so weit, an einem Freitag gegen Mittag. Die Ehre ereilte eine Frau aus Portugal, Rosy Ferreira wurde 37 Meter über dem Fluss zur zehnmillionsten Besucherin auf der Plaza der Elbphilharmonie erklärt. Es muss für die Gastgeber nicht einfach gewesen sein, seit dem ersten Moment die Menschen in dem Prachtbau gezählt zu haben und dann auf diese Portugiesin gekommen zu sein. Es begrüßten Generalintendant Christoph Lieben-Seutter und Kultursenator Carsten Brosda. Brosda sagte: "Zehn Millionen Besucher innerhalb von zweieinhalb Jahren, das zeigt, wie sehr die Elbphilharmonie alle begeistert und berührt."

10 000 000. Das ist natürlich eine Nummer. Dies sei "eine Größenordnung, die in etwa dem Empire State Building entspricht, und damit können wir gut leben", sprach Brosda. Das Empire State Building steht in Manhattan und ist eines der Wahrzeichen von New York, also sozusagen der Welthauptstadt. Die Elbphilharmonie steht am Rande der Hafencity und ist ein Wahrzeichen Hamburgs. Über die Frage, ob Hamburg eine Weltstadt ist oder sein will oder sein soll, wird gerne gestritten.

Jedenfalls kann niemand bezweifeln, dass sich die Hansestadt da ein Gebäude von Weltrang in ihrem Welthafen ans Ufer gestellt hat und dass sich all die Zahlen zu einem bemerkenswerten Potpourri fügen.

Von der Idee, ein Konzerthaus auf den alten Kaispeicher A zu setzen, bis zu dessen Eröffnung im Januar 2017 vergingen zwar 16 Jahre. Es wurde dann außerdem zehnmal so teuer wie zunächst geplant, von kaum 80 auf 800 Millionen Euro. Die ebenfalls ein wenig verzögerte Elbvertiefung für Monsterfrachter, kürzlich begonnen, soll übrigens etwa genauso viel kosten. Dafür haben von den inzwischen noch mehr als zehn Millionen Gästen, die mit der Rolltreppe oder dem Aufzug zur Aussichtsplattform hinaufgefahren sind und auf den Hafen hinabgeschaut haben, auf die Schiffe und Kräne, auch schon mehr als zwei Millionen Menschen ein Konzert in einem der Säle der Elbphilharmonie erlebt.

Nicht jeder Bustourist schafft es in eine Veranstaltung, die ihn auch anspricht

Wer vor allem am Anfang öfter mal vergeblich versucht hat, an Karten zu kommen, der weiß, welch schwierige bis frustrierende Fingerübung das sein konnte und kann. Mittlerweile geht es vereinzelt leichter, die 2100 Plätze im Großen Saal sind trotzdem praktisch immer ausverkauft, nur nicht mehr immer binnen Stunden. 99 Prozent Auslastung, an manchen Abenden könnten die Reihen mühelos mehrfach gefüllt werden.

Viele der besten Musiker der Welt haben hier bereits gespielt oder gesungen, fast jeden Tag ist eine Aufführung. Und wenn es jetzt um Baukunst in Deutschland geht, dann zählt die Elbphilharmonie zu den zeitgenössischen Symbolen, wie es aus anderen Gegenden und Epochen Neuschwanstein oder das Brandenburger Tor sind. Aber all der Hype und all die Menschen und all die Künstler führen halt auch mal zu Engpässen. Zum Beispiel klanglicher Art, wobei das eine das andere mitunter bedingt.

Außer über die Architektur war ja auch über die Akustik viel gesprochen worden, schon ehe es losging. Die Elbphilharmonie sollte nicht nur ein Schmuckstück sein wie die Oper in Sydney, unter ihrem wellenförmigen Dach sollte auch der Klang in seltener Harmonie dahinfließen.

Der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota ließ 10 000 exakt gefräste Gipsfaserplatten verlegen, die "Weiße Haut", die jedes Geräusch reflektiert, aber nicht immer nach jedem Geschmack. Dazu kommt die Form des Großen Saals, Reihen nach der Art eines hohen Weinbergs. Oft sind Publikum und Interpreten zufrieden bis beglückt, doch es gibt ein paar Ausnahmen.

Jonas Kaufmann singt lieber woanders

An jedem Platz sollte es genauso gut klingen, hatte es geheißen, diesen Eindruck hat nicht jeder. Beim Auftritt des Tenors Jonas Kaufmann gab es im Januar Unmut, weil manche Zuhörer nichts hörten und das auch kundtaten. Kaufmann behielt seinen Ärger nicht für sich und zieht es vor, im Januar 2020 lieber in der Hamburger Laeiszhalle seine Stimme zu erheben.

Vom italienischen Maestro Riccardo Muti wurde berichtet, dass er gar nicht mehr in der Elbphilharmonie dirigieren wolle, der Saal sei mittelmäßig, dort vergeude er nicht seine Zeit. Die Repliken der Verteidiger: falscher Standort des Sängers, zu wenig Erfahrung mit der Umgebung, zu großes Ego des Dirigenten. An der Akustik scheiden sich immer wieder die Geister. Kritiker fragen sich, ob in schwierigen Momenten eher der Raum stört oder der eine oder andere derjenigen, die ihn füllen.

"Mehr Respekt, bitte!"

Es kann passieren, dass zum Beispiel beim Gastspiel eines brasilianischen Trios um Gilberto Gil der Sitznachbar ununterbrochen mit seinem Handy spielt und andere zwischendurch aufstehen und gehen. Als der New Yorker Jazzer Vijay Iyer im Großen Saal am Piano saß, da flüchteten gleich Hunderte Zuhörer. "Mehr Respekt, bitte!", bat daraufhin das Hamburger Abendblatt. Auch die US-Band Lambchop ertrug bei ihrem Debüt in der Elbphilharmonie 2017 eine Fluchtbewegung, die Rückkehr 2019 aber geriet zum Triumph.

Die Elbphilharmonie hinter ihren 1000 Fensterelementen ist nun mal die Bühne für sehr verschiedene Stilrichtungen von Herbie Hancock oder Wynton Marsalis über Helge Schneider ("Die Wiederkehr des blaugrünen Smaragdkäfers") oder Hildegard lernt fliegen zu Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, einem Verdi-Requiem mit Alan Gilbert, Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven mit Igor Levit oder den Wiener Philharmoniker mit Andris Nelsons.

Da ist es ohne Weiteres möglich, dass der eine oder andere Bustourist beim erfolgreichen Versuch, endlich in der berühmten Elbphilharmonie zu sitzen, in einer Veranstaltung landet, die ihn musikalisch nicht so wahnsinnig anspricht. Auch gibt es selbst in diesem "Amphitheater der Tonkunst" (der damalige Bundespräsident Joachim Gauck) brillante und weniger brillante Konzerte.

Und nicht jeder befolgt stets die Etikette, weshalb es von den Hausherren Empfehlungen gibt wie die: "Vor dem Applaudieren im Zweifelsfall lieber ein paar Sekunden warten und die Künstler beobachten." Oder: "Husten nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern abgedämpft - am besten mittels eines Schals, Stofftaschentuchs oder anderer Textilien. Und auf eine laute Stelle in der Musik warten."

Hustenbonbons liegen an der Garderobe gratis aus, man möge sie nicht an leisen Stellen auswickeln. Was die Portugiesin betrifft, die Nummer 10 000 000, so bekam sie einen Gutschein für Hotel, Abendessen und Konzert, es wird ihr gefallen haben.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4595375
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.09.2019/kaeb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.