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Grüner Tourismus auf La Gomera:Nach dem Feuer

Der Pfeifer von Chipude - Ungewöhnliche Begegnungen auf La Gomera

Der immergrüne Lorbeerwald von La Gomera.

(Foto: Fremdenverkehrsamt La Gomera/dpa)

La Gomera, die zweitkleinste Kanareninsel, ist beliebt bei Wanderern und Naturfreunden. Vor drei Jahren legten Brandstifter verheerende Feuer. Doch die Einheimischen haben aus der Katastrophe gelernt - jetzt könnte alles noch grüner werden.

Efigenia Borges Hernandez muss nicht lange überlegen, was sie ihren Gästen kochen könnte. Sie serviert seit 60 Jahren das Gleiche. Immer nur ein einziges, ein vegetarisches Menü: Salat und Gemüse aus dem eigenen Garten, dazu Almogrote und Gofio, zwei Pasten, die eine aus scharf gewürztem Ziegenkäse, die andere aus gemahlenem Getreide. "Alles frisch, alles biologisch", sagt die zierliche alte Dame mit zittriger Stimme. Die genauen Zutaten verrät sie nicht, genauso wenig wie ihr Alter.

Ihr Restaurant La Montaña im Dorf Las Hayas, versteckt gelegen in einem Palmenhain zwischen den Hügeln um den Nationalpark Garajonay, kennt sowieso fast jeder Gomera-Urlauber. Efigenia - nie mit Nachnamen, immer nur mit ehrfürchtigem "Doña" geschrieben - steht in allen Reiseführern. Ihr erstes Interview fürs spanische Fernsehen gab sie Anfang der Achtzigerjahre. Es ist nur auf den ersten Blick erstaunlich, vielmehr jedoch typisch, dass so viel Bohei um die Küche einer betagten Dame gemacht wird, die doch einfach nur Tag für Tag zubereitet, was sie schon immer gekocht hat: anfangs, in den Fünfzigerjahren, weil es schlichtweg keine anderen Zutaten gab, und heute, weil gerade Einfachheit ein kostbares, nämlich ein authentisches Urlaubserlebnis verspricht.

Wegen solcher Erlebnisse kommen die Urlauber nach La Gomera, die nach El Hierro zweitkleinste und mit am schwersten erreichbare Kanaren-Insel. Einen internationalen Flughafen hat sie nicht, keine Bettenburgen, keinen massenhaften Badetourismus. Wanderer und Naturfreunde lieben La Gomera, Individualisten, die eine etwas umständliche Anreise mit der Fähre gerne auf sich nehmen, wenn sie dafür nur von den Auswüchsen der Ferienindustrie verschont bleiben. Diese lassen sich beispielsweise in der Hafenstadt Los Cristianos auf Teneriffa besichtigen, wo die Schiffe nach La Gomera ablegen. Am künstlich aufgeschütteten Sandstrand promenieren die Urlauber vor der Kulisse von Hotelkästen, Ramschläden und Restaurants, die Pizza und Bratwurst per Fotoaushang anpreisen. La Gomera ist in Sichtweite, die Überfahrt dauert nur 40 Minuten - und führt doch in eine andere Welt.

Auf ganz La Gomera leben in etwa so viele Menschen wie in Los Cristianos, etwa 20 000. Die meisten Gomera-Besucher, 400 000 laut offiziellen Zählungen, kommen nur auf Stippvisite für einen Tag aus Teneriffa herüber, länger über Nacht bleiben gerade einmal 150 000 Gäste pro Jahr. Jeder von ihnen findet genug Platz und Ruhe, oder, wie es Fernando Méndez ausdrückt: "Wir sind noch nicht in die Katastrophen der anderen Inseln geschlittert."

Méndez trägt Urlaubsbräune zum leuchtend lachsfarbenen Hemd, als er zum Interview im Parador-Hotel auf einem Felsen hoch über San Sebastián, dem Hauptort La Gomeras, empfängt. Und er trägt den Titel Tourismusminister, was einerseits sehr staatstragend klingt für den Beamten einer Inselverwaltung, andererseits das Selbstbewusstsein der Gomeros unterstreicht und ihre Distanz zur spanischen Zentralregierung. Méndez ist klar, in welcher politischen Richtung die Zukunft La Gomeras liegt: "Der einzige Weg der Entwicklung ist weg vom Massentourismus", sagt er. Natur, Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit, das sind die Schlagworte, um die es auf La Gomera geht. Aber woanders geht es längst schon besser. So hat die Verwaltung von El Hierro im vergangenen Sommer ein Windkraftwerk in Betrieb genommen, das die gesamte Energie der Insel erzeugen soll. Autarkie im Atlantik - für La Gomera bleibt das vorerst eine Vision. Méndez verweist auf die größeren Ausmaße seiner Insel im Vergleich zur Konkurrenz im Südosten des Archipels. Derweil rußt das Dieselkraftwerk am Ortsausgang von San Sebastián, das den Energiebedarf von ganz La Gomera deckt, weiter in den blauen Himmel - und versorgt auch die Küche von Efigenia Borges mit Strom.

Ziegen waren zu teuer zum Schlachten

Wenn man ihr weißes Haus hinter Eukalyptusbäumen an der einzigen Durchgangsstraße von Las Hayas betritt, steht man schon mitten in dem langen, schmalen Speiseraum. Die Gäste sitzen zusammen an zwei Tafeln mit Plastiktischdecken. In Vasen sind blaue Knoblauch-Blüten drapiert, an den Wänden hängen Zeitungsausschnitte aus aller Welt mit Geschichten über die Hausherrin.

Doña Efigenia wurde im Nachbardorf von Las Hayas geboren, wuchs dort auf und blieb. Mit ihrem Mann betrieb sie einen kleinen Laden und kochte für die Waldarbeiter, die Brenn- und Baumaterial für Häuser und Fischfabriken schlugen. In den Sechzigerjahren kamen die ersten Hippies bei Efigenia unter. Doch der Wohlstand ließ auf sich warten. Efigenias Menü war nicht etwa vegetarisch, weil sie die heutigen Ernährungsgewohnheiten geschäftstüchtig vorhergesehen hätte. Vielmehr waren ihre einzigen Tiere, die Ziegen, als Milchlieferanten zu wertvoll zum Schlachten.

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