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Geheimnisvolle Stadt in Kolumbien:Bischöfe mit Reißzähnen?

Viele tragen seltsame Kopfbedeckungen (die der Franziskanerpater, der sie als Erster sah, als Mitren deutete). Sie haben breite Nasen, und große, runde oder mandelförmige Augen. Die meisten von ihnen fletschen die Zähne, und es ist offensichtlich, dass das keine menschlichen Zähne sind: Spitze Reißzähne ragen über Ober- und Unterlippen hinaus. Bis heute streiten sich die Archäologen: Sind das Raubkatzen-, oder doch eher Affengesichter? Manche Figuren tragen rätselhafte Gegenstände in den Händen, die Keulen oder Schlagstöcken ähneln. Es gibt auch Tierfiguren: Ein Adler (oder eine Eule) hält eine Schlange im Schnabel; ein Frosch, ein Krokodil. Es gibt Figuren, die eine zweite Gestalt wie einen Rucksack auf dem Rücken tragen, und andere, die eine kleine Figur - ein Kind? - in den Händen halten. Wurden in San Agustín Kinder geopfert? Oder sind es symbolhafte Darstellungen einer Geburt?

Im Jahr 1913 unternahm Konrad Theodor Preuß, der Direktor des Berliner Völkerkundemuseums, eine Expedition nach San Agustín. Über ein Jahr lang durchstreifte er zu Fuß und zu Pferd die tief zerklüfteten Täler und Hochflächen und machte eine Bestandsaufnahme der steinernen Artefakte. Es war offensichtlich, dass sie alle im Zusammenhang mit einem Totenkult standen. Preuß fand steinerne Grabkammern, die europäischen Hünengräbern ähneln. Die Statuen schienen eine Art Wächter zu sein. Doch wen sollten sie schützen? Die Toten vor den Lebenden? Oder vielleicht die Lebenden vor den Toten? War San Agustín eine Nekropole, eine Totenstadt? Aber es gibt keine Überreste von Gebäuden, keine Tempel, keine Pyramiden, keine Paläste.

Wer die Menschen waren, die 2000 Jahre das Land bebauten, wird wohl im Dunkeln bleiben

Victor González vom Kolumbianischen Institut für Anthropologie und Geschichte forscht seit vielen Jahren in San Agustín. "Wir haben jeden Zoll abgesucht", sagt er. Und er hat Spuren entdeckt, Spuren der Menschen, die einst hier lebten. Es waren verblüffend viele Menschen. Sie lebten nicht in Dörfern, sondern in einzelnen, verstreuten Häusern oder Hütten. "Wir vermuten, dass es kleine Stammesverbände waren, mit jeweils sechs- bis zehntausend Menschen." Und vermutlich diente der Totenkult der Bestätigung der Hierarchie in diesem lockeren politischen Verband. "Wenn ein bedeutender Häuptling starb, dann war sein Clan wahrscheinlich bemüht, durch eine besonders aufwendige Bestattung den Status der Familie zu demonstrieren."

Aber wer die Menschen waren, die in der Region von San Agustín über mehr als 2000 Jahre hinweg das Land bebauten und Hunderte Statuen meißelten, das wird wahrscheinlich für immer im Dunkeln bleiben. Es gibt keine Möglichkeit, über DNA-Analysen Verwandtschaften mit heute in der Region lebenden Bewohnern festzustellen. Die wenigen Knochen, die man fand, zerfielen sofort beim Kontakt mit Sauerstoff. Die frühesten Siedlungsspuren reichen bis ins dritte Jahrtausend vor Christus; die letzte zuverlässige Datierung verweist etwa auf das Jahr 1350 unserer Zeit. Victor González glaubt, dass die Schöpfer der Statuen von San Agustín das Land verließen, weil sie zu viele wurden, und das Land nicht mehr die nötigen Ressourcen für die Bevölkerung liefern konnte.

Noch heute ist die Reise nach San Agustín beschwerlich: Zwölf Stunden dauert die Busfahrt von Bogotá in das kleine Bergdorf am Rio Magdalena. Aber wer es auf sich nimmt, wird reich belohnt. Die monumentalen Statuen mit den Raubtiergebissen inmitten der tropischen Vegetation hinterlassen einen Eindruck fürs Leben.