bedeckt München

Flugreisen in der Pandemie:Ein Silberstreif

Maskenträger analog und werbe-virtuell am Münchner Flughafen.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Viele Airlines setzen auf Corona-Tests vor dem Abflug. Auf der Strecke zwischen München und Hamburg erprobt die Lufthansa das jetzt schon mal.

Von Jens Flottau

Als die Mainzer Firma Biontech Anfang der Woche von großen Fortschritten bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus berichtete, ging ein kollektiver Seufzer der Erleichterung durch die Luftfahrtbranche. Endlich, endlich eine gute Nachricht und eine Perspektive, dass sich die desaströse Lage in einigen Monaten deutlich verbessert. Die Lufthansa-Aktie legte über 20 Prozent zu, bei Air Canada waren es 29 Prozent und bei vielen anderen Unternehmen ähnliche Sprünge.

Bei aller Vorsicht: Es ist also tatsächlich ein Ende des Ausnahmezustandes und der Restriktionen in Sicht, die Flugreisen zuletzt praktisch unmöglich gemacht haben. Die Frage ist nur, wann. Und trotz der ersten Euphorie über die Biontech-Nachrichten ist klar, dass Passagiere und Fluggesellschaften sich noch viele Monate ohne massenhaft verfügbaren Impfstoff durchschlagen müssen. Bis dahin versuchen Reiseverbände und Airlines, der Politik wenigstens das Zugeständnis abzuringen, die verpflichtende Quarantäne abzuschaffen und durch Corona-Tests für zumindest alle internationalen Passagiere zu ersetzen.

Von diesem Donnerstag an führt die Lufthansa einen Testlauf durch, der belegen soll, dass die Idee auch in der Praxis umgesetzt werden kann. Sie hat dafür den Flug LH 2058, der täglich um 9.10 Uhr von München aus nach Hamburg startet, und den Rückflug LH 2059 um 11.15 Uhr ausgewählt. Auf beiden Flügen werden bei allen Passagieren kostenlos Corona-Antigen-Schnelltests durchgeführt, außer bei denen, die einen negativen PCR-Test vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden ist. Wer nicht mitmachen will, wird umgebucht.

Lufthansa hatte zuletzt extra für diese Tests (und für die eigenen Mitarbeiter) 250 000 Schnelltests gekauft. Passagiere müssen sich dafür vorab registrieren und werden dann am Flughafen getestet. Laut dem Unternehmen liegen die Ergebnisse nach 30 bis 60 Minuten vor - die Fluggäste müssen also deutlich früher am Airport sein. Ihre Bordkarte wird erst freigeschaltet, wenn der Corona-Test als negativ bestätigt ist. Die gleiche Prozedur durchlaufen die Gäste des Rückflugs von Hamburg.

Nach langem Ringen zwischen den Beteiligten gelten seit dieser Woche auch neue Regeln für Reisende aus Risikogebieten, die ein paar Erleichterungen bringen. Zwar müssen die Reisenden grundsätzlich für zehn Tage in häusliche Quarantäne, doch es gibt Ausnahmen für Geschäftsreisende, die weniger als fünf Tage unterwegs waren, und für Besuche von Verwandten und Lebensgefährten. Diese können die Quarantäne mithilfe eines negativen Tests, der nicht älter als 48 Stunden ist, umgehen. Alle übrigen Passagiere können sich aus der Quarantäne frühestens nach fünf Tagen befreien, soweit sie dann einen negativen Corona-Test vorweisen können.

Die Flugbranche drängt schon seit Langem auf die Massentests, denn sie hofft, dass dadurch der daniederliegende Langstreckenverkehr wieder hochlaufen kann. Die Chefs von Lufthansa, International Airlines Group, American und United haben ein gemeinsames Schreiben an die US-Regierung und die Europäische Kommission verfasst, um einen Reisekorridor zwischen den USA und Europa eröffnen zu können. Die International Air Transport Association (IATA) fordert mittlerweile Tests für alle internationalen Passagiere.

Doch die Regierungen scheuen sich weiterhin, das Reisen zu vereinfachen, auch wenn die Genauigkeit der Tests bei über 97 Prozent liegen soll und das Restrisiko, Infizierte nicht zu erkennen, in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens akzeptiert wird - Maskenpflicht vorausgesetzt. Immer noch gelten in praktisch jedem Land andere Regeln, allein die Unübersichtlichkeit hält viele vom Reisen ab, die trotz allem noch fliegen würden.

Auch weitere Airlines bieten Schnelltests

Lufthansa ist nicht die einzige Airline, die auf Corona-Tests setzt, bis sich das Thema hoffentlich irgendwann durch Impfen erledigt hat. Austrian hatte schon im Oktober ein Pilotprojekt auf der Strecke Wien - Berlin gestartet. Alitalia hatte im September ein ähnliches Programm für einige Flüge zwischen Rom und Mailand eingeführt.

Tuifly bietet ihren Kunden auf den Kanaren-Verbindungen Schnelltests. Die Passagiere müssen diese sieben bis zehn Tage vor Abflug über einen Link auf der Webseite für 55 Euro bestellen und sich für eine Online-Sprechstunde registrieren. Den Test führen sie dann selbst unter Aufsicht eines Experten durch und überprüfen mit diesem gemeinsam das Ergebnis. Fällt dieses negativ aus, bekommen sie eine Bestätigung. Diese müssen sie auf den Kanaren beim Einchecken in den Hotels vorlegen. Condor hat Anfang November die Passagiere des ersten Winterfluges von Frankfurt nach Varadero / Kuba auf freiwilliger Basis Antigen-Tests machen lassen, was einer Sprecherin zufolge sehr gut angekommen ist. Die Airline prüft nun, ob sie eine Kooperation mit Spezialisten eingeht oder das Testen selbst übernimmt. Es sei auch vorstellbar, die Tests künftig bereits in den Buchungsprozess zu integrieren.

Auch anderswo setzen Airlines auf Testprogramme. Seit Mitte Oktober können sich etwa United-Airlines-Passagiere von der Quarantäne-Pflicht auf Hawaii befreien lassen, wenn sie von San Francisco aus fliegen und sich dort vor Abflug einem Schnelltest unterziehen. Die Tests stehen den Passagieren auf Hawaii-Flügen von San Francisco nach Lihue, Honolulu, Kona und Maui zur Verfügung, in Kona ist bei Ankunft noch ein zweiter Test fällig. Hawaiian Airlines hat ein ähnliches Angebot für Abflüge in San Francisco und Los Angeles eingeführt - die Passagiere müssen wie bei United die Kosten selbst tragen. Von kommenden Montag an bis 12. Dezember bietet United kostenlose Schnelltests für einige Flüge zwischen New York / Newark und London an.

© SZ vom 12.11.2020/ihe
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