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Fernreisen und Entwicklung:Besser noch etwas abwarten

Antje Monshausen

Antje Monshausen ist Tourismusexpertin bei der evangelischen Hilfsorganisation Brot für die Welt.

(Foto: Hermann Bredehorst)

Tourismus ist nicht unbedingt ein reiner Segen für Entwicklungsländer, sagt Antje Monshausen von der Hilfsorganisation "Brot für die Welt" - und sieht die wieder möglich werdenden Fernreisen deshalb kritisch.

Interview von Lara Voelter

Ab dem 1. Oktober soll die pauschale Reisewarnung des Auswärtigen Amts aufgehoben werden. Dadurch erhoffen sich manche Entwicklungsländer wieder Einnahmen durch wiederkehrende Touristen. Antje Monshausen setzt sich beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt für nachhaltigen und sozial verantwortlichen Tourismus ein. Sie sieht die wieder leichter möglich werdenden Fernreisen kritisch.

SZ: Viele Reiseveranstalter kritisieren die pauschale Reisewarnung aufgrund der geringen Coronafälle in einigen Ländern stark. Was halten Sie davon?

Antje Monshausen: Bei der Diskussion um geringe Fallzahlen in einigen Zielländern fehlt mir die Perspektive darauf, dass Reisende das Virus in ein Land bringen können. Gerade in Entwicklungsländern mit ihren sehr fragilen Gesundheitssystemen wäre dann die Belastung zu groß.

Sollen die Touristen also lieber zu Hause bleiben?

Ich würde Reisenden empfehlen, lieber länger zu warten und dann zu einem späteren Zeitpunkt eine intensivere und auch längere Reise nachzuholen. Manche Veranstalter werben damit, dass man die Hotels gar nicht verlässt und also sicher ist. Aber Tourismus ohne Begegnungen, bei dem man nur in der Hotelanlage bleibt, setzt zu wenige wirtschaftliche Impulse vor Ort.

Aber die kleinen Afrika- und Lateinamerikaveranstalter bieten doch meist begegnungsreiche Rundreisen an.

Solche Reiseveranstalter, die nachhaltig aufgestellt sind, brauchen dringend Unterstützung, damit sie ihrer Verantwortung gerecht werden und erst wieder Reisen anbieten, wenn davon keine Gefahr für die Gastgeber mehr ausgeht.

Viele von diesen Veranstaltern sagen, dass sie gerade aus Verantwortung wieder Touristen hinbringen müssen, damit die Einheimischen etwas verdienen.

Es ist richtig, dass einige Entwicklungsländer extrem vom internationalen Tourismus abhängen - etwa kleine Inselstaaten im Pazifik oder der Karibik. Ihr Tourismusmodell ist allerdings weder nachhaltig noch krisenresistent. Es profitieren einige Großinvestoren von Steuererleichterungen und geringen Umwelt- und Sozialstandards. In vielen Ländern - auch im globalen Süden - wuchs vor Corona die Zahl der Reisenden im eigenen Land. Dass viele dieser Staaten jetzt auch den nationalen Tourismus fördern und auf die wachsende Mittelschicht setzen, kann sich langfristig sehr positiv auswirken. Die meisten Länder werden sich auch noch nicht für Reisende öffnen, und das ist meiner Meinung nach richtig.

Experten gehen davon aus, dass viele Entwicklungsländer durch Corona in der Armutsbekämpfung um Jahre zurückgeworfen werden. Kann allein der nationale Tourismus das auffangen?

Nein, natürlich nicht. Gerade in Ländern wie Brasilien und Indien. Corona ist in diesen Ländern eine gesundheitliche Katastrophe, die die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit und Armut extrem steigern wird. Es zeigt sich aber jetzt: Wo der Tourismus ein Wirtschaftssektor neben anderen ist, ist die wirtschaftliche Krisenfestigkeit viel höher.

© SZ vom 17.09.2020
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