Stadtführer in Deutschland Botschafter der anderen Art

Städte sind Mosaike aus vielen Tausend Geschichten. Um die passendsten zu erzählen, brauchen Stadtführer keine Ausbildung. Manche beklagen das, andere freuen sich über die Freiheit der Rede.

Von Thomas Hahn

Baulärm bricht durch den Park Planten un Blomen, die Idylle, die sich hier sonst mitten im regen Hamburger Stadtleben ausbreitet, ist gestört. Und sofort zeigt sich, dass Christina Linger in ihrem Job als Stadtführerin nicht nur die Geschichte eines Ortes kennen muss, sondern auch das aktuelle Geschehen drumherum. Den Japanischen Garten der Grünanlage, 1988 nach Plänen des Landschaftsarchitekten Yoshikuni Araki angelegt, hat sie als "Ort der Meditation" vorgestellt und gleich erklärt, warum das Ensemble aus Felsen, Pflanzen und Wasserläufen seiner Bestimmung gerade nicht so gut nachkommen kann. Die Stadt saniert nebenan für knapp 200 Millionen Euro das Kongresszentrum. "Für die Meditation ist das jetzt natürlich ganz schlecht", sagt Christina Linger, während im Hintergrund die Bagger brüllen. Sie lächelt.

Städte sind Mosaike aus vielen Tausend Geschichten, aus alten und neuen. Man kann sie in Büchern oder Zeitungen nachlesen. Oder man kann sie sich von den Frauen und Männern erzählen lassen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere auf kleine Reisen durch die Städte mitzunehmen. Stadtführer sind Chronisten für jedermann, Kenner lokaler Vergangenheit und Gegenwart. Der Bundesverband der Gästeführer in Deutschland (BVGD) spricht von "Mittlern zwischen Land, Leuten und Mentalitäten". Sascha Albertsen, Sprecher der Hamburg Tourismus GmbH, nennt sie "wichtige Botschafter". Seit der Eröffnung der Elbphilharmonie ist der Stellenwert der zweitgrößten deutschen Stadt als Reiseziel gestiegen, Stadtführer sind hier mehr denn je gefragt - und weil deren Kunden oft Auswärtige sind, kann man ohne Übertreibung sagen, dass Stadtführer das Deutschlandbild im Ausland prägen.

Man sollte deshalb meinen, dass Stadtführerin/Stadtführer ein ausgewiesener Ausbildungsberuf ist. Aber so ist es nicht, zumindest nicht in Deutschland. "Jeder, der zwei Bücher gelesen hat und meint, Hamburg zu kennen, kann hier als Stadtführer arbeiten", sagt Christina Linger und findet das "ein bisschen bitter".

Christina Linger zeigt das Teehaus im Japanischen Garten, die alten Sumpfzypressen, die immergrüne Eiche und erzählt die Geschichten des Parks ohne Dozenten-Attitüde. Im 19. Jahrhundert war hier der Hamburger Zoo. Alfred Brehm, dessen Nachschlagewerk "Brehms Tierleben" der Allgemeinheit die weltweite Fauna nahebrachte, leitete ihn zeitweise als Direktor - bis der Verwaltungsrat ihn entließ, weil der Forscher angeblich das Marketing des Zoos vernachlässigte. Und im Botanischen Garten haben die Hamburger Kaufleute einst Nutzhölzer züchten lassen, damit sie die Pflanzen kannten, die sie auf ihren großen Überfahrten erwerben wollten.

Aber Christina Linger kann auch viel über ihren Berufsstand erzählen. Sie ist die Vorsitzende des Hamburger Gästeführer-Vereins, BVGD-Mitglied und noch nicht ganz zufrieden mit der Anerkennung, die ihr und ihren Kollegen zuteilwird.

In Italien, Spanien oder Griechenland gibt es ein Studium für Stadtführer. In Deutschland dagegen sind sie selbständige Kleinunternehmer, die sich ihr Wissen in Fortbildungen und Eigenrecherche erarbeiten. Der BVGD bietet solche Fortbildungen seit 2008 nach europäischen Standards an. Ansonsten bleibt es jeder Stadt selbst überlassen, wie sie ihre Stadtführer schult. In Hamburg hat die Tourismus GmbH mit den Gästeführer-Vereinen an den Qualitätsvorgaben gearbeitet und vermittelt nur noch Stadtführer, die diese erfüllen. Aber im Grunde stehen die Lobbyverbände allein. Christina Linger sagt: "Wir Gästeführer müssen unsere eigene Ausbildung organisieren und bezahlen."

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Stadtführer sind meistens Quereinsteiger, Christina Linger zum Beispiel entschied sich nach dem Archäologie-Studium zunächst gegen den Beruf. Erst nach der Familienzeit fing sie an, als Begleiterin von Doppeldeckerbus-Rundfahrten den Gästen die Stadt zu erklären. Heute führt sie Touren in ganz Hamburg, aber auch in der Metropolregion. Nebenbei hat sie mit ihrem Verein eine Gästeführer-Ausbildung nach den Richtlinien des Bundesverbandes für das Drei-Sterne-Zertifikat nach EU-Standard umgesetzt: 600 Stunden voller Seminare über Geschichte, Ökologie, Wirtschaft, Kultur, Kommunikation. Wirtschaftssenator Frank Horch übergab im Dezember 2016 die Zertifikate. 2016 fand außerdem der erste deutsche Gästeführertag in der Handelskammer statt - mit Senatsempfang. Es geht voran, das freut Christina Linger. Trotzdem: Anderswo nimmt man die Stadtführer ernster.