Süddeutsche Zeitung

Stadtführer in Deutschland:Botschafter der anderen Art

Lesezeit: 5 min

Städte sind Mosaike aus vielen Tausend Geschichten. Um die passendsten zu erzählen, brauchen Stadtführer keine Ausbildung. Manche beklagen das, andere freuen sich über die Freiheit der Rede.

Von Thomas Hahn

Baulärm bricht durch den Park Planten un Blomen, die Idylle, die sich hier sonst mitten im regen Hamburger Stadtleben ausbreitet, ist gestört. Und sofort zeigt sich, dass Christina Linger in ihrem Job als Stadtführerin nicht nur die Geschichte eines Ortes kennen muss, sondern auch das aktuelle Geschehen drumherum. Den Japanischen Garten der Grünanlage, 1988 nach Plänen des Landschaftsarchitekten Yoshikuni Araki angelegt, hat sie als "Ort der Meditation" vorgestellt und gleich erklärt, warum das Ensemble aus Felsen, Pflanzen und Wasserläufen seiner Bestimmung gerade nicht so gut nachkommen kann. Die Stadt saniert nebenan für knapp 200 Millionen Euro das Kongresszentrum. "Für die Meditation ist das jetzt natürlich ganz schlecht", sagt Christina Linger, während im Hintergrund die Bagger brüllen. Sie lächelt.

Städte sind Mosaike aus vielen Tausend Geschichten, aus alten und neuen. Man kann sie in Büchern oder Zeitungen nachlesen. Oder man kann sie sich von den Frauen und Männern erzählen lassen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere auf kleine Reisen durch die Städte mitzunehmen. Stadtführer sind Chronisten für jedermann, Kenner lokaler Vergangenheit und Gegenwart. Der Bundesverband der Gästeführer in Deutschland (BVGD) spricht von "Mittlern zwischen Land, Leuten und Mentalitäten". Sascha Albertsen, Sprecher der Hamburg Tourismus GmbH, nennt sie "wichtige Botschafter". Seit der Eröffnung der Elbphilharmonie ist der Stellenwert der zweitgrößten deutschen Stadt als Reiseziel gestiegen, Stadtführer sind hier mehr denn je gefragt - und weil deren Kunden oft Auswärtige sind, kann man ohne Übertreibung sagen, dass Stadtführer das Deutschlandbild im Ausland prägen.

Man sollte deshalb meinen, dass Stadtführerin/Stadtführer ein ausgewiesener Ausbildungsberuf ist. Aber so ist es nicht, zumindest nicht in Deutschland. "Jeder, der zwei Bücher gelesen hat und meint, Hamburg zu kennen, kann hier als Stadtführer arbeiten", sagt Christina Linger und findet das "ein bisschen bitter".

Christina Linger zeigt das Teehaus im Japanischen Garten, die alten Sumpfzypressen, die immergrüne Eiche und erzählt die Geschichten des Parks ohne Dozenten-Attitüde. Im 19. Jahrhundert war hier der Hamburger Zoo. Alfred Brehm, dessen Nachschlagewerk "Brehms Tierleben" der Allgemeinheit die weltweite Fauna nahebrachte, leitete ihn zeitweise als Direktor - bis der Verwaltungsrat ihn entließ, weil der Forscher angeblich das Marketing des Zoos vernachlässigte. Und im Botanischen Garten haben die Hamburger Kaufleute einst Nutzhölzer züchten lassen, damit sie die Pflanzen kannten, die sie auf ihren großen Überfahrten erwerben wollten.

Aber Christina Linger kann auch viel über ihren Berufsstand erzählen. Sie ist die Vorsitzende des Hamburger Gästeführer-Vereins, BVGD-Mitglied und noch nicht ganz zufrieden mit der Anerkennung, die ihr und ihren Kollegen zuteilwird.

In Italien, Spanien oder Griechenland gibt es ein Studium für Stadtführer. In Deutschland dagegen sind sie selbständige Kleinunternehmer, die sich ihr Wissen in Fortbildungen und Eigenrecherche erarbeiten. Der BVGD bietet solche Fortbildungen seit 2008 nach europäischen Standards an. Ansonsten bleibt es jeder Stadt selbst überlassen, wie sie ihre Stadtführer schult. In Hamburg hat die Tourismus GmbH mit den Gästeführer-Vereinen an den Qualitätsvorgaben gearbeitet und vermittelt nur noch Stadtführer, die diese erfüllen. Aber im Grunde stehen die Lobbyverbände allein. Christina Linger sagt: "Wir Gästeführer müssen unsere eigene Ausbildung organisieren und bezahlen."

Stadtführer sind meistens Quereinsteiger, Christina Linger zum Beispiel entschied sich nach dem Archäologie-Studium zunächst gegen den Beruf. Erst nach der Familienzeit fing sie an, als Begleiterin von Doppeldeckerbus-Rundfahrten den Gästen die Stadt zu erklären. Heute führt sie Touren in ganz Hamburg, aber auch in der Metropolregion. Nebenbei hat sie mit ihrem Verein eine Gästeführer-Ausbildung nach den Richtlinien des Bundesverbandes für das Drei-Sterne-Zertifikat nach EU-Standard umgesetzt: 600 Stunden voller Seminare über Geschichte, Ökologie, Wirtschaft, Kultur, Kommunikation. Wirtschaftssenator Frank Horch übergab im Dezember 2016 die Zertifikate. 2016 fand außerdem der erste deutsche Gästeführertag in der Handelskammer statt - mit Senatsempfang. Es geht voran, das freut Christina Linger. Trotzdem: Anderswo nimmt man die Stadtführer ernster.

Stadtführer beackern ein weites Feld, gerade in Hamburg: Die elegante Hafencity, der widerspenstige Charme St. Paulis, die Stadtvillen in Blankenese, alte Modellsiedlungen wie Steilshoop, der Hafen, die lasterhafte Reeperbahn - das alles und noch viel mehr ist Hamburg. Die Hansestadt fordert die kreative Vielfalt der Stadtführer regelrecht heraus. Ist ihre Unabhängigkeit deshalb nicht ein Wert an sich? Ein Symbol für die demokratische Meinungsgesellschaft? Christina Linger stimmt zu: "Es wäre nicht gut, wenn es zu stark reglementiert würde." Sie kennt Orte, in denen die Stadt reinregiert ins Programm der Stadtführer. Und mancher greift dankbar nach der Chance, die Nischen der Stadt zur Bühne einer späten Berufung zu machen.

Jörg Beleites steht auf der Treppe des Paulsenhauses ans Geländer gelehnt. Mit seinem Teleskop-Zeigestab sieht er aus wie ein Dirigent, der von seinem Pult aus ein Orchester führt. In Wirklichkeit will er der kleinen Reisegruppe, die zu ihm aufschaut, nur was erzählen über die Foyers der Kontorhäuser, die Hamburger Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Innenstadt erbauen ließen. Beleites, 76, gebürtiger Hamburger, ist ein Treppenhausspezialist. Er hat sich selbst dazu gemacht, weil er nach seiner Zeit als Mathematik- und Physiklehrer am Charlotte-Paulsen-Gymnasium in Wandsbek nicht in einen tatenlosen Ruhestand treten wollte. In den Fünfzigerjahren hat er mit seinem Großvater schon ab und zu Spaziergänge durch die Bürogebäude der City gemacht. Er mochte die vornehme Architektur der Treppenhäuser, die mit ihren gefliesten Wänden und raffinierten Geländern den Wohlstand der Bauherren inszenierten, aber auch deren Gespür für Stil und Zweckmäßigkeit zeigten.

Später hat er im Rahmen von Lehrerverbandstagungen Führungen gemacht. Und als er frei war vom Schuldienst, begann er allmählich, sich zum Stadtführer umzuschulen. Genauer gesagt zum "Stadtbilderklärer", wie Beleites sagt.

In Bibliotheken hat er sein Wissen gesammelt und während eines Kontaktstudiums an der Universität Hamburg bei dem Kunsthistoriker Hermann Hipp. Vor allem bei Hipp hat Beleites gelernt, wie man ein Haus betrachtet, und nun lenkt er also schon seit 14 Jahren die Blicke auf die übersehenen Details des Hamburger Alltags. Auf Treppenläufe, Antrittspfosten, Paternoster, Wandmosaike, Bodenfliesen - auf die ganze gediegene Pracht jener Foyers also, die wie ein Spiegel des hanseatischen Selbstverständnisses wirken: Die teure Architektur soll hier nie mit zu viel Prunk vom nüchternen Geschäftsinteresse ablenken. "Die Kunden sollten aus den Eingangsbereichen schließen: Wenn mein Kaufmann sich ein Büro in so einem Haus leisten kann, bin ich bestimmt gut bei ihm aufgehoben", erklärt Beleites.

Jörg Beleites hat einen Anstecker an der Jacke, auf dem sein Name neben einem Hamburg-Wappen steht. "Das ist nicht das Hamburg-Wappen", korrigiert er freundlich, "das ist das Hamburg-Symbol." Es zeigt auch eine weiße Burg auf rotem Schild, nur in etwas schlichterer Zeichnung, und anders als das Wappen darf das Symbol jeder tragen. "Es sieht schön offiziell aus", sagt Beleites und lächelt. Er möchte eine Stimme seiner Stadt sein. Aber er möchte frei sein von amtlichen Pflichten.

Die Zertifikate der Verbände hat er nicht erworben. "Nachdem ich in meinem Leben genügend Prüfungen gemacht und auch abgenommen habe, wollte ich darauf verzichten." Er weiß, dass er genug weiß, um seine Kundschaft richtig zu informieren. "Als Bestätigung kommt dazu, dass ich immer wieder nachgefragt werde."

Von der Nachdenklichkeit der Kollegin Linger ist Jörg Beleites weit entfernt. Es reicht ihm, seinen Lehrerberuf in aller Ruhe auf eine neue Ebene gehoben zu haben - und dabei als freier Wissensmensch auch mal über die Grenzen seiner Heimatstadt blicken zu können. Seine Tochter hat ihn mal dazu gebracht, an ihrem Wohnort für die Schulklasse des Enkels als Stadtbilderklärer auszuhelfen. Das war was! Beleites lacht. Seine Tochter lebt in München.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3478578
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 27.04.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.