Hotelkritik Bewegt euch!

Schluss mit anonym: In der Sitzlandschaft "The Stairs" sollen Gäste miteinander ins Gespräch kommen.

(Foto: Christoph Schöch)

Ein neues Hotel an der Ostsee will Fremde miteinander ins Gespräch bringen. Stillsitzen ist in dem Haus fast so verpönt wie Industriefleisch.

Von Jan Freitag

Mascha-Lou sagt Du. Aber gut, Mascha-Lou sieht auch nicht nach Siezen aus. Schließlich hat Mascha-Lou diesen Turm schwarz gefärbter Haare über dem exaltierten Make-up, von dem allenfalls ihr mannigfaltiges Portfolio an bunten Tattoos ablenkt. Mascha-Lou ist halt keine "Rezeptionistin", wie die Empfangsdamen der gehobenen Gastronomie anderswo heißen; im "Arborea Marina Resort Neustadt" nennt sie sich "Welcome Host".

Und der Gast mag es mit Blick auf die Ostsee offenbar zutraulich. Zumindest im "Gasthaus von morgen", wie Johann Kerkhofs das erste Haus seiner frisch gegründeten Hotelgruppe schon heute nennt. Vor gut vier Jahren hatte er die Idee einer "total neuen Art von Gasthaus mit kommunikativem Konzept". Nun wurde es mit zwölfmonatiger Verspätung in Neustadt nahe Lübeck eröffnet. Bis 2028 sollen 19 weitere hinzukommen. Das zweite entsteht bereits im Vorarlberger Dorf St. Gallenkirch, gefolgt vom dritten im Harzer Ort Schierke. Gemeinsames Motto: "Experience. Together." Der Slogan klingt erst mal nach der handelsüblichen PR-Prosa, die jede Sauna im Keller zum Spa verklärt und Strukturholzkubismus mit Design verwechselt. Der hemdsärmelige Hotelier allerdings, seit drei Jahrzehnten in der Spitzengastronomie auf drei Kontinenten tätig, hat nun tatsächlich Innovatives an den Rand von Nordeuropas größtem privat betriebenen Yachthafen gebracht. Dorthin, wo zuvor jahrelang ein wilder Parkplatz für Verdruss im Dorf sorgte.

Die Neuartigkeit liegt keineswegs nur am optisch kapriziösen Personal wie Mascha-Lou, die Neuankömmlinge auf dem iPad registriert und en passant veganen Cappuccino aus der teuren Siebträgermaschine nebenan serviert; es hat auch mit dem Ort zu tun. Rein äußerlich mag der dreistöckige Staffelbau im Sandsteindekor noch recht unspektakulär zwischen Ankerplatz und Naturschutzgebiet errichtet sein. Im Inneren herrscht aber wenig Tradition, noch weniger Gewöhnlichkeit und kaum Glamour, stattdessen gibt es viel Holz, noch mehr Sichtbeton, große Räume und reichlich Licht.

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Vorbei am sorgsamen Durcheinander der luftigen Lobby geht der erste Blick unweigerlich durch ein gewaltiges Panoramafenster aufs sanft gekräuselte Meer vor der Tür. Und dazwischen, quasi als Pufferzone saturierter Ferienkonzepte: "The Stairs". Die affenfelsenartige Sitzlandschaft ist das Herz des Hotels. Hier materialisiert sich sein Prinzip unbedingter Kommunikation ohne Sicht- und Kontaktbeschränkung. Der Gast soll hier auf andere Gäste treffen und so zum Gesprächspartner werden. Soweit die Theorie. Und die Praxis? Ist, nun ja, ausbaufähig, aber auf dem richtigen, dem gewünschten Weg.

An einem noch angenehm warmen Tag sitzt das Gros der Besucher naturgemäß in den Strandkörben am hoteleigenen Strand. Dennoch sind die Polsterbuchten der gestaffelten Sitzlandschaft schon tagsüber gut besetzt. Beim "Tatort" auf der Großbildleinwand findet man kaum einen freien Platz - vom Disco-Samstag ganz zu schweigen, als ein DJ aus Hamburg "The Stairs" in etwas zappeligen House taucht. Alles wie gemacht für Digital Natives der Generationen X bis Z, könnte man meinen. Der Server im Untergeschoss liefert jedenfalls rasend schnelles Wlan. Für analogere Altersgruppen gibt es ein Set klassischer Brettspiele. Und in einer Sitzecke, diesen Anschein erweckt zumindest der merkliche Alters- und Kleidungsunterschied der drei Gesprächspartner, reden tatsächlich Fremde miteinander über das, was hier "Activity" heißt.

Das neu gebaute Haus an der Ostsee ist das erste von geplanten 20 Hotels der neuen Gruppe.

(Foto: Christoph Schöch)

Trotz der vielen "Hangout-Areas" ist längeres Stillsitzen in diesem Hotel fast ebenso verpönt wie Industriefleisch. Während junge Animateure mit umgedrehtem Basecap noch im Akkord E-Bikes verteilen, wird in der offenen Restaurantküche "Grand Grand Grill" gerade ein ganzer Holstein-Büffel fürs Abendessen zerlegt. "Der kommt frisch vom regionalen Bauern", erklärt der selbstredend tätowierte Hoteldirektor Jens Lassen die Herkunft des Tieres, das "vorher sogar einen Vornamen hatte". Lassen kennt ihn zwar ebenso wenig wie den seines Grillmeisters. In der betont urbanen Atmosphäre des Arborea nennt ihn aber ohnehin jeder nur "Gonzo", was irgendwie auch besser zu seiner uralten St.-Pauli-Mütze passt als irgendwelche förmlichen Anreden.

Die Schollen auf der Karte sind am Morgen zuvor direkt vom Kutter und die Brötchen zum Frühstück vom Bäcker ums Eck gekommen. Das Gemüse ist regional, das Obst saisonal, vom Ei über den Schinken bis zur Milch alles so nachhaltig, wie es das elegante "Arbor" (lateinisch: Baum) im Namen der neuen Hotelgruppe gebietet. Aber ist das schicke Label mit dem blätterumrankten Weingott am Ende nicht doch bloß gutes Marketing? Natürlich verschwinden in 124 Zimmern der gehobenen Kategorie, die erst mal gebaut, dann geheizt und gekühlt werden müssen, zudem in Hallenbad und Wellnessbereich, enorme Mengen Energie. Und natürlich ist der ökologische Fußabdruck dieser Art von Hotel groß.

Ein E-Bike ausleihen oder doch lieber in der Tischlerwerkstatt selbst was schreinern? Stillsitzen ist im Arborea verpönt.

(Foto: Christoph Schöch)

Darüber hinaus aber versucht das Arborea der Verschwendungssucht mit allem Komfort, aber wenig Abfall und wenig Stromverbrauch, Einhalt zu gebieten. Und wenn der fest angestellte Tischler Hannes in der hauseigenen Werkstatt mit Kindern Müll upcycelt, also aus Altglas oder Restholz Lampen und Möbel bastelt, hängt die Moral nach der Abreise womöglich zu Hause beim Gast an der Wand. Die Flut hipper Anglizismen nervt bisweilen ebenso wie der unterschwellige Zwang, dauernd irgendwie aktiv zu sein - vom horrenden Getränkepreis an den Bars, der den Aufenthalt zusätzlich verteuert, bis hin zum unverputzten Zimmer, das zu selten erholsame Gemütlichkeit verströmt, ganz zu schweigen.

Alles in allem aber ist vieles, wenn schon nicht jedermanns Sache, so doch sehr stimmig. Johann Kerkhofs Wunsch nach mehr Geselligkeit im anonymisierten Hotelgewerbe jedenfalls, das ihn selbst auf Reisen so lange gestört hat, wird hier mit großer Gelassenheit umgesetzt. Und wer das "Du" nicht will, beteuert Jens Lassen, kriege auf Wunsch sogar sein "Sie", kein Problem. Das Arborea sei jenem Robinson-Club, in dem er 16 Jahre lang gearbeitet hat, zwar durchaus ähnlich. "Aber wir wollen dessen Fehler nicht wiederholen." Gerade an der Ostsee müssten Coolness und Spießigkeit sorgfältig kombiniert werden.

Doppelzimmer mit Frühstück ab 124 Euro, Familienzimmer ab 189 Euro, www.arborea-resorts.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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