bedeckt München

Altes Handwerk:Wo der Wald wild sein darf

Denn es hat sich viel verändert in dieser Region, die lange Zeit das Etikett "strukturschwach" trug. Schlechte Verkehrsanbindung, wenig Jobs. Und dann noch die langen Winter. Heute sind viele längst froh, dass es etwas entspannter zugeht, passend zu diesem sanft geschwungenen grau-blauen Hügelmeer, das die Erosion übrig gelassen hat von einem Millionen Jahre alten Hochgebirge und das viele als Wanderziel schätzen - aber nicht so viele, dass ganze Täler zugeparkt werden und die Gipfelstürmer Schlange stehen. Strukturschwach ist der Bayerische Wald schon lange nicht mehr, die Arbeitslosenquote liegt um zwei Prozent. Und in die 8500-Einwohner-Stadt Viechtach holt Reinhard Schmid Kunstausstellungen, die vorher in Paris zu sehen waren.

Dass Tourismus und Handwerk voneinander profitieren können, erkannte man beim Glashersteller Joska in Bodenmais, Weltmarktführer für gläserne Pokale, schon früh, lange vor Eröffnung der Glasstraße, und öffnete die Türen der Glashütte. Früher undenkbar, war das Rezept für das perfekte Glas doch streng geheim. Aus einem kleinen Werksverkauf auf Bierbänken wurde ein "Glasparadies" auf 70 000 Quadratmetern, mit Verkaufshallen, Schau-Werkstätten und Glaskugeln zum Selberblasen.

Bayerischer Wald Glas

Glasmacher bei der Arbeit: Das glühende Material wird in Handarbeit in Form gebracht.

(Foto: Eva Dignös)

Auch in der Glasmanufaktur der Freiherren von Poschinger in Frauenau können Besucher den Glasmachern bei der Arbeit zuschauen, auch dort hat man sich erfolgreich eine Nische gesucht: Seit 2001 produzieren die Mitarbeiter hauptsächlich Sonderanfertigungen und Einzelstücke, vom Ersatz für einen zerbrochenen historischen Lampenschirm im Opernhaus von Bayreuth bis zur Kleinserie an Trinkgläsern mit integriertem Magneten für die Minibar einer Luxusyacht. Mehr als 1000 Grad heiß und bis zu 20 Kilo schwer ist das glühende Stück Glasschmelze, das sie aus einem der vier feuerfesten Tontöpfe im Ofen in der Mitte der Werkshalle holen. An der langen Pfeife bläht es sich auf zu einem leuchtenden Ballon, der in einer Holzform seine endgültige Gestalt erhält. Schnell muss es gehen, bei einer Temperatur unter 500 Grad schließt sich das Zeitfenster für die Verarbeitung wieder. "Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen" steht als Inschrift hoch oben an der Wand der Halle, ein Spruch aus der Zeit der Waldglashütten. Schon im Jahr 1568 wird die erste Poschinger-Glashütte erwähnt, seitdem ist das Unternehmen in Familienbesitz, ebenso wie ausgedehnte Wälder, in denen früher die Hütten angesiedelt waren.

Wer in Ostbayern dem Glas folgt, der kommt am Wald einfach nicht vorbei, nicht nur weil dort die Glastradition ihren Ursprung hatte. Zusammen mit dem Böhmerwald auf der anderen Seite der Grenze zu Tschechien bildet der Bayerische Wald das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas. Mehr als 24 000 Hektar zwischen Bayerisch Eisenstein im Norden und Mauth im Süden dürfen ganz besonders wild wachsen: Der Nationalpark Bayerischer Wald war das erste Schutzgebiet dieser Art in Deutschland. Am 7. Oktober 1970 wurde er eröffnet, im nächsten Jahr wird er 50 Jahre alt. 350 Kilometer markierte Wanderwege gibt es, Aussichtsgipfel und Bergseen und natürlich Wald, unendlich viel Wald.

Ein Wald, in den der Mensch nicht eingreift: Diese Idee passt gut in Zeiten, in denen viele gern nachhaltiger unterwegs wären, und war doch noch vor wenigen Jahren hoch umstritten. Anfang der 90er Jahre hatten mehrere Stürme tiefe Schneisen in die Wälder geschlagen. Im toten Holz vermehrten sich die Buchdrucker, eine Unterart des Borkenkäfers. Die Insekten brachten selbst gesunde Fichten zum Absterben. Vor allem zwischen Rachel und Lusen, den beiden höchsten Bergen des Nationalparks, kommt der Wanderer an unzähligen kahlen grauen Stämmen vorbei.

"Viele hatten Angst, dass nie wieder etwas wächst, wenn man nichts gegen den Borkenkäfer tut. Und dass die Urlauber nicht mehr kommen, wenn sie nur noch tote Bäume sehen", sagt Max Kufner, der als Ranger im Nationalpark arbeitet. Beide Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. Zwischen den toten Stämmen wachsen längst wieder junge Bäume und verwandeln die Fichten-Monokulturen in einen gesünderen Mischwald. Und die Urlauber kommen auch. Mehr als 300 000 informierten sich im vergangenen Jahr in den beiden modernen Nationalparkzentren in Neuschönau und Ludwigsthal.

Bayerischer Wald Nationalpark

Abgestorbene Stämme sind Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

(Foto: Eva Dignös)

70 Prozent der Nationalparkfläche sind Naturzonen, in die der Mensch nicht eingreift, bis zum Jahr 2027 sollen es 75 Prozent sein. Dass vor allem in den Randbereichen vom Borkenkäfer befallene Bäume gefällt und abtransportiert werden dürfen, ist ein Zugeständnis an die Besitzer der angrenzenden Waldstücke. Manchmal führt Max Kufner einige von ihnen durch den Nationalpark. Sie lästerten dann gerne über diesen unaufgeräumten Wald, in dem gebrochene Stämme kreuz und quer am Boden liegen, erzählt er. "Aber wenn ich sie dann frage, ob in ihren ordentlichen Wäldern auch so viel junges Grün aus dem Boden sprießt, dann werden sie ganz leise." Kufner kennt beide Seiten. Er hat in der Forstwirtschaft gearbeitet, hat im Akkord Bäume gefällt, bevor er im Nationalpark anheuerte. Gelernt hat er übrigens Glasmacher: Das Glas und der Wald - sie finden immer wieder zusammen.

Der Nationalpark ist Schutzraum für Auerhuhn, Fischotter oder Habichtskauz, auch Luchse sind wieder heimisch. Noch wichtiger für das Waldleben aber sind dessen unscheinbare Bewohner, die Insekten, die im toten Holz leben, die Pilze, die mit den Bäumen einen regen Nährstoffaustausch betreiben. Manche brauchen den toten Wald, um zu überleben. Der seltene Duftende Feuerschwamm zum Beispiel, ein heller Flaum am Stamm, den Pilzkenner schon aus der Ferne erschnuppern. Ein Hauch von Rose und Flieder liegt dann in der Luft.

Die ältesten Bäume stehen im Urwaldgebiet Mittelsteighütte. Schon seit dem 18. Jahrhundert ist dort kaum mehr Waldwirtschaft betrieben worden. Einige der Rotbuchen, Weißtannen und Fichten sind mehrere Hundert Jahre alt. Viel totes Holz liegt neben dem Wanderweg am Boden. Nationalpark-Ranger Max Kufner zeigt auf einen mächtigen Stamm am Boden. Er zerfällt, die Oberfläche ist vermoost - und zwei winzige grüne Triebe recken sich nach oben. Aus Altem wächst Neues, das gilt für den Wald ebenso wie fürs Glas.

Reiseinformationen

Anreise: Viele Orte im Landkreis Regen sind über Plattling mit der Waldbahn erreichbar, Frauenau zum Beispiel von München aus in knapp drei Stunden. Die Züge halten auch unmittelbar am Nationalpark (Haltestelle Ludwigsthal/Haus zur Wildnis).

Nationalpark Bayerischer Wald: Die Nationalparkzentren Falkenstein und Lusen bleiben bis 25. Dezember geschlossen, die Tierfreigelände sind trotzdem zugänglich, auch Führungen und Veranstaltungen finden statt.

Unterkunft: z.B. Adventure Camp Schnitzmühle, Viechtach, DZ mit Frühstück ab 108 Euro; Hotel Sonnenhof, Lam, DZ mit Halbpension ab 190 Euro

Weitere Auskünfte: www.bayerischer-wald.de, www.die-glasstrasse.de, www.nationalpark-bayerischer-wald.bayern.de/

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ.de/ihe
Zur SZ-Startseite
Europaeischer Elch Alces alces alces Elchkuh mit Kalb in einem Wald Deutschland Bayern Bayeris

Bayerischer Wald
:Diva im Filz

Weil sich der Bayerische Wald seit Jahrzehnten ungestört entwickeln darf, sind viele seltene Tierarten zurückgekehrt. Nur der Elch zögert noch. Warum eigentlich?

Von Monika Maier-Albang

Lesen Sie mehr zum Thema