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Andermatt in der Schweiz:"Hauptsache, wir können bauen"

Märchenfiguren Schneewittchen und die sieben Zwerge in Andermatt in der Schweiz

Böse Hexe oder verkleidete gute Fee? Die meisten Bewohner halten das Großprojekt Andermatt Swiss Alps, für einen Glücksfall.

(Foto: Hans Gasser)

Eine kleine Gemeinde in der Schweiz und der große ägyptische Investor: Die Verwandlung Andermatts in ein Luxus-Resort mit neuem Skigebiet schreitet voran. Trotz Rückschlägen.

Der Zirkusdirektor ist vergnügt. Seine knallrote Jacke leuchtet vor dem Hintergrund der verschneiten Berge am Oberalppass. Die Nebel ziehen nur langsam höher, das Wetter kann sich nicht entscheiden: Waschküche oder Sonnentag. Bo Halvardsson, so heißt der Zirkusdirektor, steigt in Skistiefeln aus der Matterhorn-GotthardBahn, die unbehelligt von den Schneemassen von Andermatt auf den Oberalppass geglitten ist. Er nimmt einen tiefen Atemzug und spricht sein Mantra in die kalte Bergluft: "Wir machen jeden Tag eine Zirkusshow mit unseren Pisten und Liften. Das kostet uns immer gleich viel, egal, ob das Zelt voll oder halb leer ist. Deshalb müssen wir das Zelt füllen."

Halvardsson ist eigentlich technischer Direktor des schwedischen Unternehmens Skistar. Seine Firma managt fünf große Skigebiete in Skandinavien und ist in Europa der zweitgrößte Skigebietsbetreiber - nach der französischen Compagnie des Alpes. "Beim Gewinn sind wir aber an erster Stelle", sagt er feixend. "Wir haben in Schweden keine richtigen Berge. Also müssen wir alles andere besser machen." Bo, wie er sich gerne nennen lässt, ist seit einigen Monaten in Andermatt stationiert. Er soll hier aus zwei kleinen, veralteten Skigebieten ein großes neues machen. Eines, das gut genug ist für die Gäste, die im gerade entstehenden Luxus-Resort "Andermatt Swiss Alps" Urlaub machen werden.

Luxusvillen statt Schießscharten

Das Resort ist wohl die größte touristische Einzelinvestition, die die Schweiz je gesehen hat. Für umgerechnet 1,5 Milliarden Euro will Orascom, die Firma des ägyptischen Unternehmers Samih Sawiris, insgesamt sechs Hotels, knapp 500 Wohnungen, 25 Luxusvillen samt Tiefgaragen und Golfplatz bauen. Das alles entsteht auf dem ehemaligen Schießplatz der Schweizer Armee, der unmittelbar an das alte Dorf mit seinen alten Holzhäusern und Plattenbausünden aus den 1960er Jahren angrenzt. Die Armee, die von hier aus die mythische Gotthardfestung gegen deutsche und andere Eindringlinge halten sollte, ist großteils abgezogen. Auch die Schweiz muss sparen.

Da traf es sich gut, dass der Kanton Uri, zu dem Andermatt gehört, Samih Sawiris in das Dorf auf 1400 Metern Höhe lotste. Der hat schon mehrere Feriendörfer vom Reißbrett weg gebaut, das bekannteste ist El Gouna am Roten Meer. Weil Orascom, mittlerweile vom krisengeschüttelten Ägypten in die Schweiz übergesiedelt, viel Erfahrung mit Yachthäfen, aber gar keine mit Skigebieten besitzt, hat Sawiris die Schweden von Skistar ins Boot geholt.

Und deshalb sieht ein guter Arbeitstag von Bo Halvardsson nun manchmal so aus, dass er auf seinen Skiern die Pisten hinuntergleitet, dabei über Headset mit seinem Chef in Schweden telefoniert und bei der Fahrt auf langsam zuckelnden Liften auf unverbaute Hänge zeigt: "Hier muss ein Sechser-Sessellift hin, und da oben, über der Lawinenverbauung, gibt es eine wunderschöne hellblaue Piste für Anfänger." Nur mit blauen und roten Pisten verdiene man Geld, erklärt er, die schwarzen seien nur für eine kleine Minderheit "und für die Börse uninteressant". Die Pisten sind längst geplant, sie wurden zusammen mit Bernhard Russi konzipiert, dem aus Andermatt stammenden Abfahrer, der in den 1970ern alles gewann. Das Skigebiet von Andermatt und das von Sedrun, auf der Graubündner Seite des Oberalppasses gelegen, sollen bis 2015 verbunden werden. 14 neue Lifte werden gebaut, insgesamt sollen es dann rund 120 Pistenkilometer sein.

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Ein ägyptischer Milliardär will den Schweizer Kurort Andermatt in ein Luxus-Skigebiet verwandeln - doch ein Teil der Dorfbewohner fürchtet ein Touristenghetto.   Thomas Kirchner

Das Projekt stand allerdings schon zweimal auf der Kippe. Zunächst wollten die von den Geldern der Armee verwöhnten Andermatter nicht mitmachen, dann gab es Widerstand der Schweizer Naturschutzverbände. Erst als Sawiris zu einem ziemlich hohen Preis die Aktienmehrheit beider Liftgesellschaften kaufte, stieg Skistar ein. Und vor einigen Wochen gab es einen Kompromiss mit den Naturschutzverbänden: ein paar Lifte und knapp ein Drittel weniger Pisten als ursprünglich geplant.

"Ich verstehe, dass die Schweizer da sensibler sind als wir im dünn besiedelten Schweden", sagt Halvardsson. Aber weshalb ein Gebiet, das jahrzehntelang militärisches Manövergelände gewesen sei, plötzlich einen solchen naturschützerischen Wert hat, verstehe er nicht. "Egal, Hauptsache wir können bauen."

Skigebietsbauer Bo Halvardsson (l.) und Liftmann Baseli Huonder in Andermatt in der Schweiz

"Wir brauchen nicht mehr Personal." Skigebietsbauer Bo Halvardsson (l.) und Liftmann Baseli Huonder. 

(Foto: Hans Gasser)
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