Süddeutsche Zeitung

Andermatt in der Schweiz:"Hauptsache, wir können bauen"

Eine kleine Gemeinde in der Schweiz und der große ägyptische Investor: Die Verwandlung Andermatts in ein Luxus-Resort mit neuem Skigebiet schreitet voran. Trotz Rückschlägen.

Der Zirkusdirektor ist vergnügt. Seine knallrote Jacke leuchtet vor dem Hintergrund der verschneiten Berge am Oberalppass. Die Nebel ziehen nur langsam höher, das Wetter kann sich nicht entscheiden: Waschküche oder Sonnentag. Bo Halvardsson, so heißt der Zirkusdirektor, steigt in Skistiefeln aus der Matterhorn-GotthardBahn, die unbehelligt von den Schneemassen von Andermatt auf den Oberalppass geglitten ist. Er nimmt einen tiefen Atemzug und spricht sein Mantra in die kalte Bergluft: "Wir machen jeden Tag eine Zirkusshow mit unseren Pisten und Liften. Das kostet uns immer gleich viel, egal, ob das Zelt voll oder halb leer ist. Deshalb müssen wir das Zelt füllen."

Halvardsson ist eigentlich technischer Direktor des schwedischen Unternehmens Skistar. Seine Firma managt fünf große Skigebiete in Skandinavien und ist in Europa der zweitgrößte Skigebietsbetreiber - nach der französischen Compagnie des Alpes. "Beim Gewinn sind wir aber an erster Stelle", sagt er feixend. "Wir haben in Schweden keine richtigen Berge. Also müssen wir alles andere besser machen." Bo, wie er sich gerne nennen lässt, ist seit einigen Monaten in Andermatt stationiert. Er soll hier aus zwei kleinen, veralteten Skigebieten ein großes neues machen. Eines, das gut genug ist für die Gäste, die im gerade entstehenden Luxus-Resort "Andermatt Swiss Alps" Urlaub machen werden.

Luxusvillen statt Schießscharten

Das Resort ist wohl die größte touristische Einzelinvestition, die die Schweiz je gesehen hat. Für umgerechnet 1,5 Milliarden Euro will Orascom, die Firma des ägyptischen Unternehmers Samih Sawiris, insgesamt sechs Hotels, knapp 500 Wohnungen, 25 Luxusvillen samt Tiefgaragen und Golfplatz bauen. Das alles entsteht auf dem ehemaligen Schießplatz der Schweizer Armee, der unmittelbar an das alte Dorf mit seinen alten Holzhäusern und Plattenbausünden aus den 1960er Jahren angrenzt. Die Armee, die von hier aus die mythische Gotthardfestung gegen deutsche und andere Eindringlinge halten sollte, ist großteils abgezogen. Auch die Schweiz muss sparen.

Da traf es sich gut, dass der Kanton Uri, zu dem Andermatt gehört, Samih Sawiris in das Dorf auf 1400 Metern Höhe lotste. Der hat schon mehrere Feriendörfer vom Reißbrett weg gebaut, das bekannteste ist El Gouna am Roten Meer. Weil Orascom, mittlerweile vom krisengeschüttelten Ägypten in die Schweiz übergesiedelt, viel Erfahrung mit Yachthäfen, aber gar keine mit Skigebieten besitzt, hat Sawiris die Schweden von Skistar ins Boot geholt.

Und deshalb sieht ein guter Arbeitstag von Bo Halvardsson nun manchmal so aus, dass er auf seinen Skiern die Pisten hinuntergleitet, dabei über Headset mit seinem Chef in Schweden telefoniert und bei der Fahrt auf langsam zuckelnden Liften auf unverbaute Hänge zeigt: "Hier muss ein Sechser-Sessellift hin, und da oben, über der Lawinenverbauung, gibt es eine wunderschöne hellblaue Piste für Anfänger." Nur mit blauen und roten Pisten verdiene man Geld, erklärt er, die schwarzen seien nur für eine kleine Minderheit "und für die Börse uninteressant". Die Pisten sind längst geplant, sie wurden zusammen mit Bernhard Russi konzipiert, dem aus Andermatt stammenden Abfahrer, der in den 1970ern alles gewann. Das Skigebiet von Andermatt und das von Sedrun, auf der Graubündner Seite des Oberalppasses gelegen, sollen bis 2015 verbunden werden. 14 neue Lifte werden gebaut, insgesamt sollen es dann rund 120 Pistenkilometer sein.

Das Projekt stand allerdings schon zweimal auf der Kippe. Zunächst wollten die von den Geldern der Armee verwöhnten Andermatter nicht mitmachen, dann gab es Widerstand der Schweizer Naturschutzverbände. Erst als Sawiris zu einem ziemlich hohen Preis die Aktienmehrheit beider Liftgesellschaften kaufte, stieg Skistar ein. Und vor einigen Wochen gab es einen Kompromiss mit den Naturschutzverbänden: ein paar Lifte und knapp ein Drittel weniger Pisten als ursprünglich geplant.

"Ich verstehe, dass die Schweizer da sensibler sind als wir im dünn besiedelten Schweden", sagt Halvardsson. Aber weshalb ein Gebiet, das jahrzehntelang militärisches Manövergelände gewesen sei, plötzlich einen solchen naturschützerischen Wert hat, verstehe er nicht. "Egal, Hauptsache wir können bauen."

Euphorie und Goldgräberstimmung

Nach ein paar Abfahrten hat es aufgerissen, und vom Oberalppass sieht man Schneehüenerstock und Schijenstock, an deren Hängen die Verbindungslifte entstehen werden. Heute führt von hier ein einziger Anker-Schlepplift hinauf. Der Liftmann an der Talstation begrüßt Bo freudig und lädt ihn zu einem Nescafé in sein hölzernes Kabuff. "Ich habe gerade die Webcam von Trysil angeschaut, ihr habt aber auch nicht viel mehr Skifahrer als wir", scherzt Baseli Huonder. Er ist redselig und hauptberuflich Bauer unten in Sedrun, sitzt auch im Gemeinderat. "In Sedrun waren die Leute gleich dafür, weil wir haben kein Militär", sagt Huonder. Er sei gespannt, ob "die schwedische Kultur von Skistar" auch hier in der Schweiz funktioniere. Deshalb war er sogar zu einer Informationstour in Skandinavien.

Der Ankerlift, um den herum im Sommer seine Kühe weiden, soll als erster durch einen Sechser-Sessellift ersetzt werden. Dafür brauche es nicht mehr Personal als heute, gibt Bo zu: einen Mann oben und einen unten. Huonder, der seit fast 30 Jahren für die Bergbahn arbeitet, stört das nicht. Es gebe keine Alternative zum Tourismus, deshalb müsse das Skigebiet ausgebaut werden. "Ein Lift ohne Skifahrer ist wie ein Stall ohne Kühe - dafür gibt es keine Subventionen." "Ja, das Zirkuszelt!", fängt Halvardsson wieder an. Er will es unter anderem mit zusätzlichen 30.000 skandinavischen Gästen füllen. "Für die ist die Schweiz nicht teuer, und sie kommen vor allem im Januar, wenn es bei uns zu kalt ist."

Die stagnierende Zahl von Skifahrern in den Alpen führt er darauf zurück, dass so ein Urlaub zu kompliziert sei. "Wir stehen in Konkurrenz zu Mallorca, wo einer in Shorts zum Flughafen geht, und alles andere ist schon organisiert." Das Prinzip von Skistar sei es, alles aus einer Hand anzubieten: Auf der Website könne man von der Übernachtung über die Lifttickets bis zu Leihskiern alles buchen. Skistar vermittelt, kassiert eine Provision und kontrolliert die Qualität. 5000 neue Betten sollen rund um Andermatt entstehen. "So etwas ist einzigartig im ganzen Alpenraum", sagt Bo, und seine Augen glänzen dabei wie die des Dompteurs vor der Raubtiernummer.

Die Dimension des Projekts kann man sich am besten auf einem Spaziergang durch das verschneite Andermatt vor Augen führen. Diesseits des Bahnhofs das alte Dorf mit bunten Stein- und dunklen Holzhäusern, Gaststätten, die Sternen, Ochsen und Bären heißen, Käsefondue und Cordon Bleu anbieten, Souvenirshops mit Schweizer Messern und einer Tankstelle mitten im Dorf. Am Dorfrand zum Bahnhof hin steht schon das Gebäude des The Chedi Andermatt, es wird ein Fünf-Sterne-Plus-Hotel mit 55 Suiten und 119 Apartments und soll im kommenden Dezember eröffnen.

Der Rest des Resorts wird in den nächsten Jahren hinter dem Bahnhof gebaut, auf dem ehemaligen Schießplatz. Zu sehen sind bisher nur das 40.000 Quadratmeter große Beton-Podium mit Tiefgarage, auf dem zwei Apartment-Blocks in die Höhe wachsen: Haus Hirsch und Haus Steinadler. Durch Finanz- und Ägyptenkrise ist man etwas in Verzug, auch das der durchwegs enthusiastischen Bevölkerung versprochene Hallenbad kann erst 2018 und nicht wie geplant in diesem Jahr eröffnet werden. Solange bezahlt der Investor den Andermattern Fahrt und Eintritt ins nächstgelegene Hallenbad. Der riesige Golfplatz ist bereits fertig und harrt unter einer dicken Schneeschicht des Sommers.

Es gibt wenige Kritiker des Projekts, der entschiedenste ist der Gemeindearzt Andreas von Schulthess, ein Mann mit weißem Rauschebart. Er empfängt in seiner schönen Praxis mit Kachelofen und Rautenparkett und redet nicht lange um den heißen Brei. Sawiris nennt er einen "schlauen Fuchs" und "skrupellosen Spekulanten", dem die Andermatter auf den Leim gegangen seien. Die Mieten seien in die Höhe geschnellt, Aufträge für lokale Firmen könne man "an einer Hand abzählen", und die neuen Jobs würden hauptsächlich von unqualifizierten portugiesischen Arbeitern übernommen. "Die schöne Talebene wird durch das Resort zerstört und die Berglandschaft durch das Skigebiet, das sich Skistar unter den Nagel gerissen hat." Dass früher überall geschossen wurde, lässt er nicht gelten. Die Festungsbauten und Schießstände seien gut in die Landschaft eingepasst gewesen. Außerdem sei der Gotthard ein Mythos für die ganze Schweiz. "Und das opfert man nun für ein Disneyland für Touristen."

Nicht weit von der Praxis des Doktors befindet sich der Kiosk 61. Inmitten von Zeitungen, Süßigkeiten, Glückslosen und Bergkristallen steht Bänz Simmen, mit Schiebermütze, Karohemd, Dreitagebart. Er bietet Führungen durchs Tal an und kennt wie kaum ein anderer dessen Geschichte. "Durch das Militär wurde der Tourismus hier kastriert", sagt er. Es habe in Andermatt Anfang des 20. Jahrhunderts schon Fünf-Sterne-Hotels gegeben, das Bellevue etwa, auf dem Grund, wo nun das Chedi gebaut wurde. Den zweiten Skilift der Schweiz habe man hier errichtet, doch als in den 1930er Jahren das Militär gekommen ist, sei das alles eingeschlafen. "Man wusste jedes Jahr: Soundso viele Tausend Soldaten kommen, also braucht man eine Tonne Schnitzel, egal ob gut oder nicht - das waren fast sozialistische Verhältnisse." Doch nach dem schrittweisen Abzug des Militärs hatte das Dorf keinen Plan, Hotels und Lifte waren veraltet, die Jungen zogen weg. Kein Wunder, so Simmen, dass nach Sawiris Einstieg "Euphorie und Goldgräberstimmung herrschten".

Doch von der Größe des Projekts seien der Kanton, vor allem aber die Gemeinde und der Verkehrsverein massiv überfordert. Es gebe immer noch "so eine saudumme Wir-sind-wir-Mentalität" und kaum innovative Ideen, was man ergänzend zum entstehenden Luxus-Resort im alten Dorf bieten wolle. Insgesamt findet er das Projekt gut. "Aber es ist doch eigentlich himmeltraurig, dass es einen Ägypter braucht, der uns über drei Pässe denken lässt."

Informationen

Anreise: Mit der Bahn etwa von München über Zürich und Göschenen in etwa 6,5 Stunden nach Andermatt. Hin- und Rückfahrt ca. 220 Euro, Sparpreise ab 180 Euro, www.bahn.de; oder mit dem Flugzeug nach Zürich, von dort in zwei Stunden nach Andermatt.

Unterkunft: z. B. Alpenhotel Schlüssel, Doppelzimmer ab 150 Franken (ca. 120 Euro), zentral im Dorf gelegen, www.hotelschluessel.com. Der Verkehrsverein vermittelt Ferienwohnungen und Privatzimmer.

Informationen zum Projekt:www.andermatt-swissalps.ch, www.gigantismus-andermatt.ch

Allgemeine Informationen: Verkehrsverein Andermatt, www.andermatt.ch; Verkehrsverein Sedrun, www.disentis-sedrun.ch; Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com

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Quelle:
SZ vom 21.02.2013/cag
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