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Amazonas:Kreuzfahrt durch die Hölle

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Kreuzfahrt auf dem Amazonas

"Hölle" nennen die Einheimischen den Amazonas-Abschnitt zwischen Jutai und Fonte Boa. Eindrücke einer Flusskreuzfahrt.

Auf einer Amazonas-Kreuzfahrt erleben die Passagiere die beeindruckende Natur des Regenwalds. Und erfahren zugleich, wie gefährdet sie ist.

Zur Hölle fährt man weiß Gott nicht alle Tage. Schon gar nicht in einem Kreuzfahrtschiff. Kapitän Carsten Gerke steht auf der Brücke der MS Hanseatic und prüft noch einmal die Koordinaten. Kein Zweifel, wir sind schon mittendrin: Außentemperatur beinahe 40 Grad, Luftfeuchtigkeit mehr als 80 Prozent. Die meisten Gäste haben sich deshalb in den klimatisierten Innenbereich des Expeditionsschiffes zurückgezogen. Als könnte das noch ein wenig mehr Kühlung verschaffen, hängen dort auf den Fluren Fotos von Eisbergen, auf denen Pinguine sitzen.

Hölle - so nennen die Einheimischen den Streckenabschnitt des Amazonas zwischen den brasilianischen Städten Jutaí und Fonte Boa. Dabei ist dies hier kein unwirtlicher Ort. Man fährt vorbei an kleinen Inseln und sich permanent verändernden Sandbänken. Der Fluss, der sich an manchen Stellen zum See weitet, schlängelt sich wie eine Anakonda in engen Windungen durch üppig wuchernden Regenwald. Für ein 122 Meter langes Kreuzfahrtschiff ist dies eine recht knifflige Passage, die Durchfahrt deshalb nur bei Tag erlaubt.

Ein Kind hat keinen Vater, der sich zu ihm bekennt? Dann war es wohl der Flussdelfin

16 Tage lang ist die Hanseatic unterwegs von Iquitos bis zur Amazonasmündung in Belém; in dieser Zeit legt sie mehr als 4000 Kilometer zurück. Während der Regenzeit zwischen Dezember und Juni sind die Hanseatic und ihr Schwesterschiff, die Bremen, die einzigen großen Kreuzfahrtschiffe, die trotz des höheren, unübersichtlichen Wasserstands auch den Flussabschnitt in Peru befahren, obwohl es dafür noch nicht einmal zuverlässige Karten gibt. "Ein Fall fürs Dschungelbuch", sagt Gerke und schlägt eine selbst gefertigte Kartensammlung auf, die überzeichnet wird, sobald sich der Flusslauf dauerhaft verändert hat. Eine Mühe, die sich lohnt. Schließlich ist der Amazonas ein Mythos für viele Reisende, er ist ja auch der Fluss der Superlative: der wasserreichste der Erde und der Fluss mit den meisten Nebenflüssen. Er durchquert den Großteil des südamerikanischen Kontinents. Rechnet man seinen Quellfluss mit, den Ucayali, ist er mit mehr als 6800 Kilometern vor dem Nil sogar noch der längste Fluss der Welt.

Karten

Karte: SZ-Grafik

Dauerhaft verändert hat sich mit Sicherheit das Leben der indigenen Völker entlang des Flusses. Etwa 100 Stämme, die wenig Kontakt zur Außenwelt haben, soll es im Amazonasgebiet noch geben. Großflächige Viehweiden, riesige Sojaanbauflächen, fortschreitendes Abholzen und Goldschürfer, die mit Quecksilber Boden und Flüsse verseuchen, haben nicht nur das Ökosystem massiv geschädigt. Auch sind viele indigene Stämme verdrängt worden; sie haben sich in noch unberührte Regionen zurückgezogen, leben jetzt allerdings häufig in unfruchtbaren Urwäldern im Schwarzwasser. Im Dorf Pucaurquillo, etwa 100 Kilometer östlich von Iquitos, leben einige Uitotos und Boras noch direkt am Amazonas. Sie halten sich mit Tanzaufführungen und dem Verkauf von Kunsthandwerk über Wasser. So vermitteln sie den Besuchern ein wenig von jenem animistischen Glauben, der einst ihre Welt beseelte.

"Pirarucú", sagt ein Bora-Mann, der sich mit Federschmuck und Kriegsbemalung schon für die Tanzshow zurechtgemacht hat. Er hält den Besuchern eine Kette entgegen, an der die getrockneten Schuppen eines urzeitlich aussehenden Raubfisches baumeln. Der kann mehr als zwei Meter lang und 150 Kilo schwer werden und ist der Legende nach ein verwunschener Krieger. Weiter stromaufwärts, im Gebiet des Rio Negro, sagen sie den rosafarbenen Amazonas-Delfinen sogar die Fähigkeit nach, sich in hübsche Jünglinge verwandeln zu können, um junge Mädchen zu bezirzen. Ist die Vaterschaft eines Kindes nicht geklärt, findet man noch heute Geburtsurkunden, auf denen als Vater "Boto", Flussdelfin, vermerkt ist.

Die Tierwelt des Flusses erkunden die Kreuzfahrtgäste in Zodiacs, robusten Schlauchbooten. In einem der Seitenkanäle des Rio Jutaí steuert Expeditionsleiter Ignacio Rojas Äste an, die aus dem Wasser ragen. Zwei Leguane und ein Faultier sitzen dort, sie haben sich vor dem ansteigenden Wasser in die Kronen der Bäume gerettet. Denn was aussieht wie Büsche, sind in Wirklichkeit mächtige Urwaldriesen. "Der Rest der Bäume ist unter dem Wasser verschwunden", sagt Rojas. Die Artenvielfalt, sie ist unermesslich hier. Und niemand kann sagen, wie viele Pflanzen und Tiere verschwinden werden, noch ehe sie überhaupt entdeckt worden sind. Bis heute ist laut der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) fast ein Fünftel des Amazonas-Regenwaldes durch Abholzung und Brandrodung zerstört worden.

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Wo immer das Schiff festmacht, kommen Einheimische in Holzkanus und beginnen, mit der Besatzung Handel zu treiben. Schnell sind drei Hühnchen geschlachtet, in einen Sack gepackt und über ein Seil im weißen Schiffsbauch verschwunden. Bananen, Kokosnüsse, auch lebende Hühner werden eingetauscht gegen Dinge, die im Regenwald nicht so leicht zu beschaffen sind: Plastikkanister, T-Shirts, Schuhe, Modemagazine. Die Frauen, die in den Kanus unter bunten Sonnenschirmchen sitzen, reißen dann als Erstes die Parfümproben heraus und riechen lange daran. Gerne würde man den Duft nach Manaus mitnehmen; es stinkt dort in den Straßen, da selbst manches Hochhaus in der Zwei-Millionen-Stadt nur über eine Sickergrube verfügt.

Viele hier würden wohl gern die Zeit zurückdrehen in jene Epoche, in der Manaus eine der reichsten Städte der Welt war. In der tropisch feuchten Hitze wirkt die Metropole heute nur mehr wie der verblasste Traum der Kautschukbarone, denen der Ort Ende des 19. Jahrhunderts seinen Aufstieg verdankte. Die Plantagenbesitzer, die damals schnell zu viel Geld gekommen waren, ließen Paläste errichten - die Baumeister kamen samt Material aus Europa.

Das auffälligste Gebäude ist ohne Zweifel das Teatro Amazonas, ein damals im Stil der Renaissance erbautes Opernhaus voller Plüsch. Die Kacheln der riesigen Kuppel, die das Gebäude überragt, wurden aus dem Deutschen Reich eingeführt, Spiegel und Lüster in Murano gefertigt.