Reisebuch "Weiß":Schilderung einer monströsen Alpenüberquerung

Reisebuch "Weiß": Der Dôme de Goûter in Weiß getaucht - eine "Quelle des Hypnotischen", wie Sylvain Tesson beschreibt.

Der Dôme de Goûter in Weiß getaucht - eine "Quelle des Hypnotischen", wie Sylvain Tesson beschreibt.

(Foto: Jeff Pachoud/AFP)

Vier Winter, ein Abenteuer: Auf Skiern durchquert Sylvain Tesson gemeinsam mit zwei Freunden die Alpen von West nach Ost. Und schreibt darüber ein bemerkenswertes Buch, das gerade kein Heldenepos sein will.

Rezension von Stefan Fischer

Es war ein Tag Anfang März und also noch Winter. Dennoch muss es ein merkwürdiger Anblick gewesen sein, als der Reiseschriftsteller Sylvain Tesson und sein Freund Daniel du Lac de Fugères ihr großes Abenteuer begannen: Sie standen, jeder mit einem Paar Ski in den Händen, am Strand von Menton, einem bilderbuchschönen Ort an der französischen Mittelmeerküste, unmittelbar an der Grenze zu Italien gelegen.

Drei Jahre später wollten Tesson und du Lac wieder am Mittelmeer sein, irgendwo in der Nähe von Triest. Ihr Weg dorthin: immer den Alpen-Hauptkamm entlang. "Ein Ritt, nur auf Skiern, zwischen zwei Meeren." So fasst Sylvain Tesson, dessen Buch "Der Schneeleopard" über eine Reise nach Tibet 2022 auch hierzulande ein Bestseller war, das Vorhaben lapidar zusammen in seinem neuen Werk "Weiß".

Vier Winter haben er und sein Gefährte für diese besondere Alpendurchquerung vorgesehen, jeweils für etwa drei Wochen wollen sie in jeder Saison unterwegs sein. Die Tour stets dort fortsetzend, wo diese im Jahr zuvor aufgehört hat. Bald sind sie zu dritt: Philippe Rémoville, den sie am Ende der ersten Woche auf einer italienischen Berghütte kennenlernen, schließt sich ihnen an.

Das extreme Skibergsteigen ist für den Autor eine Meditation

Es gibt einfachere Wege, um von der Riviera an die Adria zu gelangen. Was Tesson, du Lac und Rémoville da durchziehen, "das klang nach Sklavenarbeit. In Wirklichkeit war es ein Geschenk des Himmels". Denn es sei ein Glück, sich in etwas verbeißen zu können. "Beim Bergsteigen", so Tesson, "löst sich unvermittelt die Zeit auf, der Raum wird weit und der Geist tief ins Innere gedrängt ... Die Anstrengung löscht alles - Erinnerung und Reue, Wünsche und Schuldgefühle."

So werden die Treppen des in Hanglage erbauten Menton zu einem Weg, der wird zu einer Piste, die wiederum zu einer Spur. Auf 1300 Metern Höhe gelangen die Männer in den Schnee, im Verlauf des zweiten Tages können sie erstmals die Ski anschnallen. Das Mittelmeer ist da noch zu sehen. Doch "künftig gehörten wir dem Gebirge an. Der Schnee war alles: Verlobte, Leichentuch, Verheißung, sexuelle Reinheit und kosmische Kraft, Matrix der Vergebung und der Waschungen".

Anfangs kreuzen sich die Wege Tessons und du Lacs mit denen von Polizisten und Legionären sowie von Mitgliedern diverser Hilfsorganisationen. Engagierte Bewohner des Mercantour im Hinterland von Menton haben 2018 Geflüchtete aus dem Sahel und Nahost aufgenommen, die auf ihrem Weg nach Frankreich durch das hochalpine Gelände irrten. Diese Grenze zwischen Italien und Frankreich ist über die Jahrhunderte zwar immer wieder befestigt worden. Doch jeder Schutzwall, konstatiert Tesson, hat seine Schwachstellen: "Hannibals Elefanten, Handelsreisende und italienische Schmuggler, die Flüchtlinge des 21. und der Wolf des 20. Jahrhunderts, alle kannten sie diese Passage."

Kurz nachdem Rémoville zu den beiden Skibergsteigern stößt, sind sie dann jedoch allein im Hochgebirge. Oberhalb von 2000 Metern sind keine Patrouillen mehr unterwegs. Auch sind die meisten der Hütten, in denen sie übernachten, nicht bewirtschaftet, sondern Schutzräume. Wenn das Wetter besonders garstig ist, dann seien die Türen dieser Hütten, so Tesson, die Grenze zwischen Hölle und Paradies. So spartanisch sie sind und oft auch so kühl: Sie sind behaglich, ermöglichen die notwendige Regeneration.

Sylvain Tesson beschreibt diesen Moment der Ankunft an einer Stelle mit einer charmanten Klarheit: "Kaum waren die Skier verstaut, brodelte auf du Lacs Gaskocher schon der Veilchentee. Das Bergsteigen: täglicher Wechsel zwischen dem Leben eines Sportlers und dem einer alten Dame."

Obwohl "Weiß" chronologisch erzählt ist, mit einem eigenen kleinen Kapitel für jeden einzelnen Tag, unterscheidet sich dieses Buch sehr deutlich von den meisten Schilderungen ähnlich gelagerter Abenteuer. Um die körperliche Anstrengung, um Kuriositäten, Missgeschicke und Blessuren geht es hier nur am Rande. "Weiß" ist kein klassisches Tagebuch, in dem das Relevante und das Nebensächliche gleich (un-)wichtig nebeneinanderstehen. Das Buch und sein Autor protzen auch nicht mit der Meisterung von Gefahrenmomenten. "Weiß" ist keine Heldensaga. Die reine Berichtsebene interessiert Tesson nicht. Nicht das Erlebte steht im Fokus, sondern dessen Folgen für ihn, für seine Persönlichkeit, seine Sicht der Dinge.

"Weiß" ist eine poetische, beinahe philosophische Betrachtung dieser Unternehmung. Stellenweise ist sie auch selbstironisch. Wie du Lac einen Skistock wieder aufsammelt, den Tesson verloren hat und der einen Hang hinabgerutscht ist, beschreibt der Autor als kleine Komödie, beäugt von einem Publikum aus Gämsen. Manchmal schrammt "Weiß" auch am Rand einer Tragödie entlang. Vor allem ist dieses hervorstechende Werk der Reiseliteratur ein sehr reduzierter, ziemlich nüchterner und trotzdem pointierter, auf die Essenz des zu Erzählenden ausgerichteter Text.

Am Abend, auf der Hütte, ist der Kopf frei für Gedichte von Rimbaud

Am Ende des zweiten Winters, das Trio hat den Mont Blanc, das Matterhorn und den Splügenpass passiert und marschiert auf Sils Maria zu, dekretiert Sylvain Tesson: "Die Landschaft darf nicht zu spektakulär sein." Ohnehin, das hatte er schon früh erfahren: "Immer wenn die Welt mir ihre Schönheit offenbarte, würde ich dieses Glück mit einer Ohrfeige bezahlen müssen." Mit einem Wetterumschwung, einer besonderen Strapaze. Obendrein lenke die landschaftliche Verzauberung ab.

Am Beispiel der beiden Maler Nicholas Roerich und Cuno Amiet und ihrer Darstellung hochalpiner Szenerien erläutert Tesson, was ihn an der verschneiten, vereisten, vergletscherten Bergwelt fasziniert: Das Weiß habe die Kraft der Auslöschung. Es raube der Szenerie ihre Konturen, löse die Unordnung auf: "Ja, das Weiß war eine Quelle des Hypnotischen." Es "stellte kein natürliches Umfeld dar, schon gar nicht eine Landschaft, eher eine Substanz".

Darin einzutauchen, darin aufzugehen und alles andere abstreifen zu können durch eine gleichförmige Anstrengung, daran ist Tesson gelegen. Auch wenn es nicht immer leicht gefallen ist: "Ich wollte umkehren, du Lac wollte weitergehen, wir gingen weiter. Freundschaft ist Gehorsam."

Abends, in den Herbergen, wenn der Kopf frei ist von allem, liest Tesson dann Gedichte von Arthur Rimbaud zum Beispiel. Als sie wieder am Mittelmeer sind, in Duino, gehen die drei Männer schließlich baden, obwohl das Wasser märzkalt ist. Das Blau löst das Weiß ab: "Eine andere Ordnung, eine andere Taufe."

Sylvain Tesson: Weiß. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Verlag Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2023. 256 Seiten, 23 Euro.

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