Zygmunt Bauman über Zukunft:Das wahre Abenteuer Europas

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Zygmunt Bauman

Für die "allgemeine Vereinigung des Menschengeschlechts": Zygmunt Bauman, hier bei einer Preisverleihung 2010.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat ein Pamphlet über Brüssels Aufgaben verfasst. Es passt gut in eine Zeit, in der der Kontinent um seine Identität ringt.

Von Martin Winter

Die großen europäischen Träume verwehen derzeit im kalten Wind der Krise. Rezession, Euro-Krise, Konflikt mit Russland, Flüchtlingselend, islamistischer Terror, Gewalt und menschliche Katastrophen - wohin immer die Europäer in ihre Nachbarschaft auch blicken, das ist mehr Abenteuer, als sie gewollt haben.

Das in der Euphorie des Endes des Kalten Krieges vor einem Vierteljahrhundert mit großem Ehrgeiz befrachtete Ziel einer "immer engeren Union" rückt in weite, möglicherweise unerreichbare Ferne. In solch einer Zeit muss mutig sein, wer Europa zu einem unvergleichlich größeren Abenteuer drängt.

Wer es auffordert, in die Rolle eine "globalen Vorbilds" zu schlüpfen, um dafür zu sorgen, dass aus einer "Ansammlung von territorial beschränkten Gebilden, die in ein Null-Summen-Überlebensspiel verwickelt sind" eine "umfassende, universale humane Gemeinschaft" wird.

Europas wahres Abenteuer sieht der polnische Soziologe und Träger des Theodor-W.-Adorno-Preises, Zygmunt Bauman, in seinem 2004 verfassten und nun auf Deutsch erschienen Text "Europa - ein unvollendetes Abenteuer" also nicht in einer europäischen Staatswerdung, sondern in der Überwindung der staatlichen Fragmentierung der Welt.

Einer der zornigen Alten

Der 1927 geborene Bauman ist einer jener zornigen alten Männer, die ihre nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geschöpften Hoffnungen auf eine bessere Welt in dem zunehmenden Chaos des Planeten untergehen sehen.

Der Globalisierung von Wirtschaft und Finanzen, die die Politik entmachtet und die Menschen zu Spielbällen anonymer Mächte macht, begegnet Bauman darum mit Immanuel Kants Utopie einer "allgemeinen Vereinigung des Menschengeschlechts".

Die voranzutreiben seien die Europäer geradezu prädestiniert, weil sie in ihrer Europäischen Union Methoden der transnationalen Kooperation entwickeln wie sonst keiner auf der Welt. Die EU also als ein Labor, in dem die Rezepte entwickelt werden, wie das von Europa erfundene Prinzip der Nation durch das der vereinigten Menschheit ersetzt werden kann?

Schön wäre es, aber Baumans Idee von einem Europa, das "die globale Hefe einer gemeinsamen globalen Geschichte" sein sollte, krankt daran, dass es dieses Europa so nicht gibt.

Auch sein Hinweis, dass Europa schon einmal die globale Geschichte maßgeblich bestimmt hat, nämlich vom 15. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, hilft nicht weiter. Das waren Mächte aus Europa, aber das war nicht Europa.

Doch auch wenn Bauman so etwas leichtfüßig über die Geschichte hinweggeht, passt sein Pamphlet - und das ist es im besten Sinne des Wortes - gut in eine Zeit, in der Europa um seine Identität ringt und in der es erforderlich ist, auch die utopischen Horizonte auszuloten, um letztlich in einer erfolgreichen Realität anzukommen.

Zygmunt Bauman, Europa - Ein unvollendetes Abenteuer. Als Nachwort eine Laudatio von Ulrich Beck. CEP Europäische Verlagsanstalt 2015, 216 Seiten.

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