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Zweiter Weltkrieg:Das "Unsterbliche Regiment" als Teil eines globalen Trends

Man hätte ahnen können, dass so ein Auftritt die Staatsmacht nervös macht, sagt Sergej Kolotowkin, einer der Organisatoren in Omsk - eine so große Bewegung, die sie nicht selbst kontrolliert: "Wir haben das Unsterbliche Regiment als ein Projekt zur persönlichen Erinnerung gegründet. Es ging uns nicht darum, große Demonstrationen anzuführen oder zu zeigen, wie stark wir sind. Für mich geht es um das Gedenken an meinen Großvater. Aber wenn 100 000 mitmachen, ist es das Gedenken von 100 000 Menschen. Es geht nicht darum, Macht zu demonstrieren."

Die Grundregeln des "Unsterblichen Regiments" verbieten jede Politik und kommerzielle Absichten. "Es ist ein Projekt, das die Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung, ihrer politischen Einstellung oder ihrem Glauben zusammenbringt", sagt Kolotowkin. Das Verbindende ist das Gedenken an die Vorfahren.

Aber es dauerte nicht lange, bis Leute aus dem Umfeld des Kremls sich in die Organisation drängten. 2015, zum 70. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland, nahm Putin auf dem Roten Platz die größte Militärparade der Geschichte ab und marschierte dann mit dem "Unsterblichen Regiment" durch Moskau.

Monument to Panfilov's Twenty Eight Guardsmen

Denkmal für die 28 Männer von Panfilow.

(Foto: Vladimir Sergeev/dpa)

Selbst wenn die Bewegung heute teilweise vom staatlichen Hurra-Patriotismus befallen sei, glaubt Kolotowkin, dass sie weiter Gutes bewirken kann. "Wenn einer durch das ,Unsterbliche Regiment' sein altes Familienalbum wieder hervorholt, das er vielleicht zehn Jahre lang nicht mehr angeschaut hat, wenn er bedauert, dass er nicht mehr Fragen gestellt hat, als dieser Großvater noch am Leben war: Dann erwacht in ihm der Wunsch, diese Geschichten an seine Kinder weiterzugeben. Und vielleicht will er auch mehr über seinen Großvater erfahren und beginnt nachzuforschen."

Der Soziologe und Historiker Mischa Gabowitsch, der am Potsdamer Einstein Forum forscht, sieht das "Unsterbliche Regiment" als Teil eines globalen Trends. "Kriegsgedenken als Event" heißt sein neues Buch, in dem er gemeinsam mit Kollegen den Wandel der Gedenkkultur in den postsowjetischen Gesellschaften und in Osteuropa untersucht hat.

"Da gibt es unglaubliche Änderungen", stellt Gabowitsch fest. Er legt wert darauf, zwischen Erinnerung und Gedenken zu unterscheiden. Ob sich die Heldentaten der Panfilowzy so zugetragen haben oder nicht, sei eine Frage für Historiker.

Unabhängig davon gebe es einen Wandel der Art und Weise, in der des Krieges gedacht werde: "Früher gab es Sammelgräber, alles war anonym, es gab eine Parade, da wurden die Opfer nicht erwähnt." Es gehe heute darum, das Gedenken auf die Ebene der Familie zu bringen: "Das ist in den letzten Jahrzehnten in fast allen Ländern der Welt passiert."

Als die Partei sah, dass es ein Bedürfnis nach Gedenken gibt, übernahm sie die Initiative

Dass das Gedenken vom Staat nachträglich eingerahmt wird, sei im Übrigen nichts Neues. Ähnliches sei schon nach dem Krieg passiert, als die Soldaten in ihre Dörfer und Städte zurückkehrten und zunächst auf eigene Initiative Gedenkorte einrichteten. Wie etwa die ausgemusterten Panzer, die heute noch an vielen Ortseingängen stehen. Als die Partei erkannte, dass es bei Menschen ein Bedürfnis nach Gedenken gibt, übernahm sie die Initiative und verknüpfte das Gedenken an den Sieg mit der Überlegenheit des Kommunismus.

Auch wenn der Staat sich die Kontrolle über das Gedenken zurückgeholt habe, könnten die Initiatoren des "Unsterblichen Regiments" einen Erfolg verbuchen, findet Mischa Gabowitsch. "Es hat den Staat gezwungen, sein eigenes Repertoire zu transformieren. Putin stellt sich nicht nur bei der Parade auf die Tribüne, sondern läuft auch an der Spitze mit."

Dass 70 Jahre nach dem Krieg überall auf der Welt dieser Wandel zum persönlichen Gedenken stattfindet, führt der Berliner Forscher auf den Generationenwechsel zurück: Immer weniger Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind noch am Leben. Ihre Kinder aber wollen die Erinnerung an ihre Kinder weitergeben.

"Die Enkel sind am aktivsten in dieser Gedenkbewegung", sagt Gabowitsch. Vielleicht, weil die Kinder den Veteranen emotional zu nah waren und Rücksicht auf die Gefühle ihrer Eltern nahmen: "Die Enkel aber wollen etwas herausfinden."

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