Flüchtlingshelfer "Zur Wut reicht die Kraft nicht mehr"

Flüchtlingshelfer in München: Elvira Bittner lernt mit Matin Rasoli aus Afghanistan Deutsch.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Der Alltag von Flüchtlingshelfern wird überlagert von der politischen Diskussion.
  • Manche wirken resigniert, einer sagt: "Zur Verzweiflung reicht die Kraft nicht mehr".
  • Andere politisieren sich noch stärker, manche radikalisieren sich sogar. So ertappt sich ein Christ bei Nazivergleichen.
  • Die Gemeinsamkeit aller Helfer in diesem Report: Sie geben nicht auf.
Von Bernd Kastner

Es ist nicht lange her, da hat sich Bernd Scheffer noch selbst bremsen müssen: "Um ein Ziel zu erreichen, ist pure Empörung ein ganz schlechtes Mittel." Scheffer hatte sich mit ein paar Bekannten verabredet, um über ihr gemeinsames Ziel zu diskutieren, eine humane Asylpolitik. Er ist Psychologe, sie saßen in seiner Praxis und sinnierten, was die Politik mit den Flüchtlingshelfern macht. Als Therapeut, der auch Literaturwissenschaftler ist, weiß Scheffer mit Sprache und Stimmungen umzugehen. "Wir sind ein gnadenloses Land geworden", hatte er in einem Brief an die SZ geschrieben und dann Herbert Achternbusch, den Regisseur und Provokateur, zitiert: "Heimat ist da, wo man am liebsten speien möchte." Das war im Frühjahr, Scheffer, 70, war voller Kampfgeist. Und heute? "Ich bin müde geworden."

"Masterplan", Zurückweisungen, Seenotrettung - darum kreist seit Wochen die Debatte. Flüchtlinge selbst kommen fast nur versteckt in Statistiken vor. Und jene, die 2015 das Asylsystem vor dem Zusammenbruch bewahrten und seither die Integration voranbringen, die Millionen Ehrenamtlichen? Was sie sagen und denken, interessiert die Regierenden kaum mehr.

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"Fassungslosigkeit." Werner Schiffauer braucht nur ein Wort für die Stimmung an der Helferbasis. Fassungslos seien die meisten darüber, wie "in einem Pingpong" zwischen Medien und Politik das Thema Flucht skandalisiert werde und wie die Sprache verrohe: Asyltourismus, Antiabschiebe-Industrie et cetera. Schiffauer, 66, ist als Vorsitzender des Rates für Migration eng vernetzt mit der Helferszene, wo sich viele fragten: "Spinnen die alle?" Gemeint sind die in Berlin und München, in den Parlamenten und Ministerien. Der Graben zwischen denen, die regieren, und denen, die helfen, ist tief. Bis ins Private wirke die Großwetterlage, im Freundeskreis müssten sich viele Helfer kritisieren lassen, sie spürten permanenten Rechtfertigungsdruck. "Es legt sich ein Mehltau über die Motivation", sagt Schiffauer. "Das lähmt."

Bernd Scheffer, der Therapeut, hat gerade erfahren, dass ein Afghane aus Kaufbeuren abgeschoben wurde, ein junger Mann, schwer krank, suizidgefährdet. Er saß in dem Flugzeug, das an Horst Seehofers 69. Geburtstag startete. Jetzt ist er in Kabul, ohne Hilfe, Scheffer macht sich große Sorgen. Und wie geht es ihm, dem verhinderten Helfer? Voller Wut? "Verzweiflung. Zur Wut reicht die Kraft nicht mehr."

Die Helfer sind Widrigkeiten gewohnt, sei es bei Behörden, sei es, weil es Konflikte gibt im direkten Kontakt mit den Flüchtlingen. Dieser Alltag aber wird derzeit überlagert von der politischen Diskussion. Zwischen Frust und Trotz pendeln die Gefühle der Helfer, zwischen Ärger über Abschottung und Freude über den ersten Job eines Betreuten. Es gibt nicht die eine Stimmung unter den Helfern, zu heterogen ist die Szene, aber ein paar Strömungen fallen auf: Die einen politisieren sich noch stärker, die nächsten resignieren, und wieder andere radikalisieren sich.

"Wir werden nicht ernst genommen"

Nicht dass sie Steine werfen, aber sie werden rigoroser im Denken und Reden, und kommen gerne aufs absolut Böse. Während AfD-Politiker die Nazis verharmlosen, dienen diese manchen Helfern als Warnung: Wenn wir nicht schnell umsteuern, ist es bald wieder so weit. "Lager", "Stacheldraht", "konzentrieren" - solch eine Begriffskombination weckt Assoziationen. Stephan Reichel hat sie gebraucht, um die aktuellen Massenunterkünfte zu kritisieren. Das war, als er vorigen Herbst in Nürnberg den Verein Matteo vorstellte, der engagierte Christen vernetzen will. Reichel, 65, war früher als Manager viel im Ausland, und als er schon in Rente war, diente er eine Weile der Evangelischen Landeskirche Bayern als Koordinator fürs Kirchenasyl. Man wolle die aktuellen "Lager" nicht mit KZs vergleichen, sagte er noch, aber es gebe eben doch manches, was "an diese schlimme Zeit" erinnere.

Das sehen Claudia Kuss und Elvira Bittner genauso. Sie sind eher Einzelkämpferinnen, Kuss im schwäbischen Obergünzburg, Bittner in München. Sie haben eine Erklärung verschickt, darin geißeln sie "menschenverachtende Vorgänge", nennen Abschiebung "Deportation" und beklagen, dass man "Menschen in Lagern konzentriert". Sie habe ganz bewusst diese Worte verwendet, sagt Kuss. "Die Parallelen werden immer deutlicher. Das Ganze macht mir Angst."

Beide Frauen sind 2015 zur Asylarbeit gekommen, beide stehen idealtypisch für jene, auf die Deutschland so stolz war. Bittner, 53, aufgewachsen in einem CSU-Haushalt, ist Übersetzerin von Beruf, Kuss, 57, arbeitet in der Verwaltung einer Schule. Sie sind erschüttert ob der politischen Entwicklung: Eine "Faschisierung" der Sprache registriere sie bei den Regierenden, sagt Bittner, und die erinnere sie an jene Zeit, als die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen begonnen habe. Höchste Zeit, dass man diese "Eskalation der Sprache" stoppe. Sie sagt es zu Politikern, aber auch zu sich und der Helferszene.

An wen sie nicht alles Briefe geschrieben hat, an Minister und Abgeordnete, weil sie nicht akzeptieren will, wie man etwa Afghanen die Arbeit verweigert und sie untätig herumsitzen lässt, um sie nach Jahren doch noch abzuschieben, weil sie nicht versteht, wie der Staat Familien auseinanderreißt. Viele Seiten hat sie geschrieben, zurück kamen fast nur Floskeln. "Wir werden nicht ernst genommen", sagt Bittner. "Man läuft ins Nichts."