bedeckt München 19°
vgwortpixel

Bamf aus Sicht der Flüchtlinge:Behörde ohne Gesicht

Identitätsprüfung von Flüchtlingen

Während der Anhörung eines äthiopischen Asylbewerbers in einer Außenstelle des Bamf

(Foto: picture alliance / Daniel Karman)
  • In der Bremer Bamf-Außenstelle sollen mehr als 1200 Asylanträge ohne ausreichende Prüfung gewährt worden sein.
  • Laut Asylsuchenden und Begleitern ist der Skandal jedoch ein anderer: überforderte Mitarbeiter, undurchsichtige Verfahren und chaotischer Papierkram.
  • So kommt es, dass 40 Prozent der Klagen gegen Asylbescheide beim Verwaltungsgericht zugunsten der Antragsteller entschieden werden.

Ein Tisch, ein PC und drei Stühle. Auf einem der Stühle sitzt eine Frau, die auf den Boden starrt, während sie erklärt, warum sie von Afghanistan nach Deutschland geflohen ist. Manchmal hebt sie den Kopf. Peinlich berührt senkt sie ihn wieder, wenn ihr Blick den der Frau auf der anderen Seite des Tisches trifft. "Das ist nicht glaubwürdig", würgt die Bamf-Mitarbeiterin die Geflüchtete ab. Warum, begründet sie nicht.

So laufen viele Asylanhörungen ab, erzählt Sayed Khan, der oft auf dem dritten Stuhl sitzt. Khan ist Dolmetscher und möchte seinen echten Namen nicht veröffentlicht wissen, weil er seinen Job behalten will. An der linken Hand zählt er auf, wie viele Sprachen er fließend spricht. Zu zählen beginnt er beim kleinen Finger und endet beim Daumen. Von rechts nach links. So wird in Afghanistan gelesen, seiner Heimat, aus der er 2013 geflohen ist.

"In Afghanistan gilt es als respektlos, jemandem lang in die Augen zu schauen." Egal, ob Mann oder Frau. Das wüssten jedoch viele Mitarbeiter der Asylbehörde nicht. Dadurch komme es zu Missverständnissen, denn in Deutschland gilt der Blick zum Boden als Indiz einer Lüge. Dass Körpersprache außerhalb Deutschlands anders interpretiert werde, darüber würden sich viele Sachbearbeiter keine Gedanken machen. "Und es erklärt ihnen auch keiner." Kein Wunder also, dass die Bamf-Mitarbeiterin die Geschichte der afghanischen Antragstellerin nicht glaubt.

Flüchtlings- und Migrationspolitik Vier Jahre Ärger und kein Ende
Chronologie der Bamf-Probleme

Vier Jahre Ärger und kein Ende

Der aktuelle Bamf-Skandal in Bremen ist nur eine Episode in einer langen Reihe von Pannen im Flüchtlingsamt. Szenen aus vier überforderten Jahren.   Von Gunnar Herrmann

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat mehr als 7200 Mitarbeiter an bundesweit knapp 70 Standorten. 2017 waren es 600 000 Asylanträge, die bearbeitet wurden. Seit Wochen steht das Bamf im Fokus der Öffentlichkeit. In der Bremer Außenstelle soll in mehr als 1200 Fällen das Verfahren manipuliert und ohne ausreichende Prüfung Asyl gewährt worden sein. Am Freitag hat Innenminister Seehofer deswegen die Chefin des Bamf, Jutta Cordt, entlassen.

Dass es beim Bamf nicht rund läuft, sagen Asylsuchende und Begleiter schon lange. Das Problem seien nicht die positiven Bescheide aus Bremen, sondern die Behörden und das Verfahren an sich. Sie erzählen von überforderten Mitarbeitern, undurchsichtigen Verfahren und chaotischem Papierkram. Diese Probleme ziehen sich vom Antrag über die Anhörung bis hin zur Entscheidung.

Der Antrag: "Viele wünschen sich, dass man mal nachfragen kann"

Nach dem Grenzübertritt muss ein Asylsuchender einen Antrag mit Personalien und kurzem Abriss der Fluchtgeschichte stellen. Für Länder, die als sicher gelten, gibt es beschleunigte Verfahren. Wer hingegen aus einem Land kommt, in dem Krieg herrscht oder in dem Menschen verfolgt werden, wartet Monate auf die Anhörung.

Die Wartezeit beschreiben viele als eine Art Schwebezustand: Arbeiten ist verboten, sich ein Leben aufzubauen kaum möglich. Dazu kommt die Unnahbarkeit der Asylbehörde. "Viele wünschen sich, dass man mal nachfragen kann, was mit dem Verfahren ist, ohne abgewiesen zu werden", sagt Angela Müller, Asylberaterin beim Sächsischen Flüchtlingsrat.

Wenn sie Antragsteller begleitet, trifft sie auf Sachbearbeiter, die "nett und aufgeschlossen sind und sich Mühe geben", aber auch überforderte, "die sehr barsch auf Nachfragen reagieren". Der Ton insgesamt sei meist "freundlich-professionell". "Aber mir berichten viele Ratsuchende, dass mit ihnen allein anders umgegangen wird."

Nicht immer garantiert ein Termin, dass die Anhörung stattfindet. Antragsteller warten oftmals stundenlang und werden am Ende des Tages vertröstet: "Sie kriegen dann einen Brief mit einem neuen Termin."

Flüchtlings- und Migrationspolitik Schuldzuweisungen statt Lösungen
Union und SPD in der Bamf-Affäre

Schuldzuweisungen statt Lösungen

Die Probleme im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sind gravierend. Doch statt zu überlegen, was sich ändern muss, zeigen die politisch Verantwortlichen bei Union und SPD nur mit spitzem Finger auf die Konkurrenz.   Kommentar von Ferdos Forudastan

Die Anhörung: ein Trauma nacherzählen in 20 Minuten

Die Krawatte der Stewardess war hellblau. Das weiß Sayed Khan heute noch. Er ist einen Teil seiner Fluchtroute mit dem Flugzeug geflogen. "Mit einem gefälschten Pass war das damals möglich", sagt Khan über seine Flucht vor fünf Jahren. Die Krawattenfarbe war eins der trivialen Details, nach denen er beim Bamf gefragt wurde, neben dem Logo der Fluglinie und der Mahlzeit, die er im Flieger gegessen hatte. Diese Details beschreiben nicht die persönliche Verfolgung, wegen der Khan am Ende Asyl gewährt wurde. Mit den Rückfragen wurde die Konsistenz seiner Geschichte sichergestellt.

"Meine Anhörung dauerte acht Stunden", sagt Khan. "Und nicht einmal das hat ausgereicht." Die Anhörungen, bei denen er heute dabei ist, sind noch kürzer. Der Zeitdruck zwinge die Anhörer, die Asylsuchenden zu unterbrechen, wenn sie detailliert über ihr Leben vor, während und nach der Flucht sprechen.

Drei Anhörungen oder zwei bis drei Entscheidungen pro Tag: Diesen Richtwert gibt das Bamf seinen Mitarbeitern vor, weil die Zahl der Anträge nach dem Sommer 2015 rasant angestiegen ist. Ohne Pausen bleiben so zweieinhalb Stunden für jede Anhörung. In der Zeit müssen Personalien abgeglichen, Fragen gestellt und das gesamte Gesprächsprotokoll rückübersetzt werden. Wenig Zeit, um auf individuelle Geschichten einzugehen.

Betroffene und Begleiter berichten sogar von Anhörungen, die nur 20 Minuten dauern. "Dabei geht es da um traumatisierende Situationen, die nie verarbeitet wurden", empört sich David Offenwanger von Arrival Aid, einer NGO, die Asylsuchende bei der Anhörung und bei Klagen unterstützt. Die Traumata nachzuerzählen, sei eine Belastung an sich. "Wir sagen nicht, dass jeder Asyl bekommen soll. Aber jeder muss die Chance bekommen, zu erzählen, was ihm passiert ist und warum er nicht zurück kann."