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Globalisierung:Mit Bescheidenheit dem Untergang entrinnen

Fridays for Future - Schülerdemonstration in München, 2019

Gäbe es weniger Menschen, reichten die Ressourcen für alle, meinen manche - und irren. Fridays-for-Future-Demo in München 2019.

(Foto: Robert Haas)

Norden und Süden, Hunger und Konsum, Energiemangel und Erderwärmung - der Publizist Reiner Klingholz erklärt klug und klarsichtig, wie die Welt zu retten wäre.

Rezension von Friederike Bauer

Auf der einen Seite Überfluss, auf der anderen Seite Mangel: hier rauschhafter Ressourcenverbrauch, Überalterung und Fettleibigkeit, dort Energiemangel, Bevölkerungswachstum und Hunger. Längst ist allen bekannt, dass die Welt in "Verbrauchs"-Lager geteilt ist, dass sich die einen müde konsumieren und die anderen schon müde aufwachen.

Das Buch von Reiner Klingholz eröffnet hingegen eine andere, nicht jedem vertraute Perspektive. Darin liegt der besondere Reiz seiner Ausführungen: Klingholz verbindet Nord- und Süd-Problematik, verquickt den Hunger mit dem Konsum, den Energiemangel mit der Erderwärmung, das Bevölkerungswachstum mit der Überalterung, und das alles auch noch über Kreuz.

Vor allem zieht er daraus Schlüsse, nicht plump oder moralisierend, sondern mit bestechender Logik. Dabei kann der Autor von seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Journalist einerseits und als Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung andererseits zehren. Das macht das Buch zu einer anregenden, aber auch aufrüttelnden Lektüre.

Liegt die Misere an der Bevölkerungs"explosion"?

So erklärt Klingholz, dass nur drei, bestenfalls vier Jahrzehnte bleiben, um die ökologischen Probleme von Klimawandel bis Artenschwund in den Griff zu bekommen. Wäre es da nicht am einfachsten, den größten Klimasünder und Naturzerstörer, den Menschen, zu dezimieren? Oder seine Präsenz wenigstens nicht noch zu steigern?

Ein Argument, das es längst über Stammtische hinausgebracht hat und immer wieder zu hören ist: Schuld an unserer Misere sei letztlich die Bevölkerungs-"Explosion", die historisch betrachtet erst im Norden der Welt einsetzte, dort abflaute, und dann viel massiver im Süden des Globus eine Fortsetzung fand. Gäbe es weniger Menschen, reichten die Ressourcen, wäre die Erderwärmung erträglich, von allem für alle ausreichend vorhanden, so der Gedanke.

Reiner Klingholz: Zu viel für diese Welt. Wege aus der doppelten Überbevölkerung. Edition Körber, Hamburg 2021. 360 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Dass er nicht trägt, führt Klingholz eindrucksvoll aus. Und zwar, indem er nachzeichnet, wie und unter welchen Umständen sich Bevölkerungen entwickeln oder wieder verkleinern: Nämlich erst dann, wenn sie ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Sicherheit erreicht haben. Sonst gilt der Nachwuchs als Sicherheit. Die Geburtenquote sinkt mit Bildung und Einkommen, vor allem der Frauen, lautet eine Faustregel der Bevölkerungswissenschaftler.

Wie eine solche Entwicklung funktioniert, führt Klingholz am Beispiel verschiedener Länder wie Korea, Thailand oder Bangladesch aus. Das Land hat sein Bevölkerungswachstum durch die Beachtung von vier Grundregeln unter Kontrolle gebracht: Es hat in Gesundheit, Bildung, Jobs und Frauenrechte investiert, so Klingholz.

Heißt aber auch, der mittlerweile stärker bevölkerte Süden der Welt muss erst noch ein wenig mehr konsumieren, ehe er seine Bevölkerungskurve wieder drücken kann. Er muss mehr Menschen mit mehr Gütern, Energie, Wasser, Bildung und Essen versorgen als bisher und am besten noch möglichst vielen ein Leben im Mittelstand ermöglichen.

Dann sinkt irgendwann auch die Zahl der Kinder pro Frau, die in Ländern wie dem Niger derzeit noch bei um die sieben, in Mali bei um die sechs liegt. Zum Vergleich: In Deutschland bringt eine Frau im Schnitt 1,4 Kinder zur Welt. Abgesehen davon, dass der Kampf gegen Armut ein Gebot der Mitmenschlichkeit ist, sprechen also auch handfeste, "bevölkerungstechnische" Gründe dafür, alle Länder so schnell wie möglich auf ein höheres Niveau zu bringen.

Ein Kreislauf des doppelten Wachstums

Aber genau an der Stelle beginnt das Dilemma: Wer mehr konsumiert, verbraucht auch mehr Rohstoffe, produziert mehr klimaschädliche Gase, vergrößert seinen ökologischen Fußabdruck und verschärft damit die globale Umweltkrise. Kaum in der Mittelklasse angekommen, nehmen Platzbedarf, Fleischkonsum und Mobilität zu. Ein Leben auf Kosten der Umwelt, das wir uns eigentlich schon jetzt nicht im bisherigen Maße leisten können, obwohl es doch nur auf einen kleinen Teil der Welt beschränkt bleibt.

Wie wird das erst bei acht, neun oder zehn Milliarden Menschen? Wenn ein immer größerer Teil davon satt wird und konsumbereit ist, obwohl doch das der Schlüssel zu einer geringeren Geburtenrate ist, die wiederum den Druck auf die Ressourcen mindern könnte?

Ein Kreislauf des doppelten Wachstums. Wie kann man ihm entrinnen? Nur durch "Suffizienz" meint Klingholz. Und zwar im Norden, dort wo die Menschen "ihren" Anteil an den globalen Gütern schon reichlich aufgebraucht haben. Bescheidenheit ist nicht gerade eine populäre Rezeptur.

Aber Klingholz liefert im letzten Teil des Buches auch gleich Vorschläge mit, wie das Maßhalten konkret aussehen könnte. Und zwar für die große Bühne, die Politik, und für jeden Einzelnen. Nicht alle sind originell und neu, wie der Emissionshandel für CO₂ oder das Plastiksparen, aber in der Summe zeigen sie, dass Umsteuern und Umdenken möglich und vor allem nötig ist. Alles andere führt mit ziemlicher Sicherheit in eine dystopische Welt.

Klingholz' Buch ist klug und faktenreich. Manchmal hat es Längen, aber insgesamt hat er eine schlüssige und sehr gut geschriebene Analyse vorgelegt, die vor allem eins zeigt: Damit die Lage wieder einfacher werden kann, muss sie erst schwieriger werden.

Friederike Bauer ist freie Journalistin und schreibt vor allem über Außen- und Entwicklungspolitik.

© SZ vom 12.07.2021
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