Zeuge im NSU-Prozess "Wie die SA der Neuzeit"

  • Der 38-jährige Tom T. war früher in der rechten Jenaer Szene aktiv.
  • Im NSU-Prozess will er aber sich nicht an die Zeit mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt erinnern.
  • Doch seine alte BKA-Aussage liefert interssante Informationen über Auftreten und Leben des Trios.
Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Wie bei der Katholischen Studierenden Jugend

Der Mann ist heute Bauarbeiter, er lebt in Nordrhein-Westfalen, und alles, was er an der Demokratie ablehnt, hat er nun so handlich verpackt, dass es im Alltagsleben nicht mehr stört. Das war einmal anders.

Tom T., 38 Jahre alt, gehörte in den neunziger Jahren zur rechtsradikalen Kameradschaft Jena, er war Sänger der Skinhead-Band "Vergeltung" und trieb sich mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos herum. Mit Mundlos war er sogar richtig befreundet, die beiden verbrachten die Wochenenden miteinander, gingen zelten und auf Skinhead-Konzerte. Von einem wie Tom T. könnte das Gericht viel erfahren über die politische Einstellung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, über ihre Vorstellungen von der Zukunft, von der Politik.

Allerdings erinnert sich der Mann an die Kameradschaft Jena, die er mit "KSJ" abkürzt, ganz so wie sich andere an ihre Zeit in der Katholischen Studierenden Jugend erinnern - die sich auch mit KSJ abkürzt. Als harmlose, freundliche Freundschaftsrunde.

Nie habe man über Waffen gesprochen, nie über Sprengstoff, nie wirklich über Politik. Und er selbst sei ohnehin gar nicht so verbohrt gewesen, habe Alkohol getrunken und sogar beim Griechen gegessen. Das hatten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos schon bald abgelehnt, sie waren gegen die Skinheads, die nur Spaß wollten. Als ihn Mundlos einmal angepfiffen habe, weil er ihn beim Kiffen erwischt hatte, da sei er ausgeschieden aus der Kameradschaft, sagt der Zeuge. Das Regelwerk war ihm zu hart. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aber seien gewesen wie alle anderen, nichts Besonders. Sonst erinnere er sich an nichts.

"Hat man sie nur noch im Dreierpack gesehen"

Interessant nur, dass er sich vor zwei Jahren noch sehr genau erinnerte und ganz anders. Da hatte ihn das Bundeskriminalamt befragt und ein Protokoll erstellt. Das hält ihm der Richter nun Satz für Satz vor. Und da hört sich das, was in der Kameradschaft Jena geschah, gar nicht mehr so an wie in einer harmlosen KSJ. "Ich lese Ihnen das Protokoll vor", sagt Richter Manfred Götzl. "Darin sagten Sie, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hätten sich als elitäre Gruppe abgesondert von den anderen." "Ja stimmt, da hat man sie nur noch im Dreierpack gesehen", erinnert sich der Zeuge nun plötzlich. Götzl liest weiter vor: "Sie spielten sich auf wie die SA der Neuzeit, wenn man nicht so drauf war wie sie. Sie haben sich auch so gekleidet wie die SA und sind in braunen Uniformen durch die Stadt spaziert. Die haben sich verhalten wie die Szenepolizei." Ja, stimmt, sagt der Zeuge.

Der Richter setzt nach. "Wie stellten Sie sich Ihre politische Zukunft vor?" Der Zeuge sagt, sie wollten einen Jugendklub haben wie "die Linken, die haben ja auch ihre besetzten Häuser bekommen".

"Herr T., das kann ich mir sehr schlecht vorstellen. Sollte sich die politische Zukunft darin erschöpfen? In der Gründung von Jugendklubs?", fragt der Richter. "Ich lese Ihnen aus ihrer Vernehmung von 2013 vor", sagt Götzl. "Wir waren keine Skins, sondern Scheitel-Faschos, politische Aktivisten." - Ja, nickt der Zeuge, der sich an nichts erinnert. "So haben wir uns damals gesehen." - "Und welche politischen Ziele hatten Sie?" - "Keine Ahnung", sagt der Zeuge.

Der Richter wird ein wenig ungeduldig. "Das ist sehr schwer vorstellbar. Waren Sie damals eigentlich in einer Band? - "Ja, als Sänger der Band Vergeltung." Dort habe er Texte geschrieben und gesungen, die die "Szene angesprochen haben". Beispiele? "Ausländer, Drogenprobleme, Lieder über Skinheads." Mehr weiß er nicht mehr.

Zeuge muss nochmal kommen

"Wollen Sie mir wirklich sagen, Sie wüssten heute nicht mehr, welche politischen Ziele Sie damals verfolgt haben?", setzt der Richter nach. Der Zeuge sagt: "So richtig nicht."

"Haben Sie Ihre politische Haltung denn geändert?" - Ja, er habe nichts mehr mit damals zu tun, sagt der Mann, der zur Kameradschaft Jena gehörte. Er habe zwar noch immer eine Kontra-Haltung gegen den Staat, ziehe aber nicht mehr mit den Rechten durch die Straßen. Der Richter sagt: "Das setzt logisch voraus, dass Sie wissen, was Sie damals dachten." Er habe kein Problem mit Ausländern, sagt der Zeuge noch. Sie seien keine Feindbilder für ihn. "Das sind Sachen, die sind Geschichte."

Dann hält ihm der Richter vor, woran er sich noch vor zwei Jahren sehr gut erinnerte. Beim BKA sagte Tom T.: "Unser Ziel war die Bekämpfung des Staates, bis zum Umsturz, um wieder eine nationale und soziale Gesellschaftsform zu schaffen."

Der Zeuge muss noch einmal wieder kommen, der Richter hat noch ein paar Fragen. Für ihn ist das alles nicht Geschichte.

NSU-Prozess Die Protagonisten im NSU-Prozess Bilder

Angeklagte und Anwälte

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