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Ideologie:Es gibt ein wachsendes Gerechtigkeitsbedürfnis - aber dieses ist politisch heimatlos

Der Niedergang der Linken ist umso erstaunlicher, als es eigentlich ein wachsendes Gerechtigkeitsbedürfnis auf der Welt gibt. Doch dieses ist politisch heimatlos. Schon der Postmarxismus von Ernesto Laclau und Thomas Piketty war keine originär linke Ideologie mehr, sondern forderte eine Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz. In Lateinamerika und Südeuropa erlebte der Postmarxismus in den Nullerjahren und kurz danach eine Blüte. Gescheitert ist er, weil er nur mit Abschottung und Autarkie funktioniert. Sich aber außerhalb des gängigen Wirtschafts- und Finanzsystems zu stellen, hält heute außer Nordkorea keiner mehr durch.

Inzwischen wird die freie Waren- und Datenwelt von den meisten Menschen akzeptiert, wenn nicht begrüßt. "Vergessen Sie die Revolution, die Leute wollen ihr iPhone", sagt der spanische Soziologe Manuel Arias Maldonado. Umwälzungen sind nicht erwünscht, wenn sie mit Verzicht einhergehen. Auch diejenigen, die am Ende der Lohnpyramide stehen, brauchen den Packerjob bei Amazon, um zu überleben. Und andere Jobs hatten auch die Postmarxisten nicht zu bieten.

Antikapitalismus, früher fester Bestandteil des Linksseins, ist längst eine Attitüde mehr inmitten der liberalen Vielfalt, wohlfeil wie das Che-Guevara-Shirt im Internet-Shop. Heute definiert sich eine dynamisch-mobile Linke über Werte wie Minderheitenschutz, Feminismus, Transparenz, die genauso gut als liberale Forderungen durchgehen. Das Scheitern der klassischen Linken aber war die Voraussetzung dafür, dass sich Rechtspopulisten nun als einzige Alternative zum Marktliberalismus aufspielen können. Ja, sie stahlen der Linken Kapitalismuskritik und Antiamerikanismus - und fügten den Fremdenhass hinzu.

Vielleicht lernen die Liberalen von den alten Linken

Die ideologische Heimatlosigkeit vieler Wähler hat irrwitzige Konstellationen entstehen lassen: Donald Trump etwa ist im Diskurs ein Identitärer, wirtschaftlich aber könnte er mit argentinischen Linksperonisten konkurrieren. Ein europäischer TTIP-Gegner müsste Trump wegen dessen Abschottungspolitik zujubeln; geht aber nicht - denn es ist ja Trump. In Ungarn kokettieren die Rest-Linken mit den Identitären von Jobbik, um die anderen Identitären von Viktor Orbán zu stoppen. In Katalonien haben sich Parteien aller Couleur unter dem identitären Banner gefunden, um das kleine Katalonien von der bösen, korrupten Welt abzukapseln.

Mit solchen Herausforderungen muss der Liberalismus lernen umzugehen. Denn allen Segnungen der Freiheit zum Trotz: Es gibt in vielen Menschen jene Sehnsucht nach Gerechtigkeit, familiärer Verankerung und Identität, die im Rausch der Datengeschwindigkeit eher wächst. Das war schon im 19. Jahrhundert so, als die Industrialisierung als Gegenbewegungen die Romantik hervorrief. Empathie entwickeln, Menschen einbinden, die sich ängstigen um ihren Job in einer Welt, in der die Arbeit verschwindet - das aber müssen Liberale erst noch lernen; vielleicht ja von den Werten der alten Linken.

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