Deutsch-türkische Beziehungen:Warum Deniz Yücel plötzlich hoffen darf

  • An diesem Donnerstag trifft der türkische Ministerpräsident Angela Merkel in Berlin.
  • Im Vorfeld machte Yıldırım Andeutungen, dass er sich über eine Freilassung Deniz Yücels freuen würde.
  • Ein Jahr nach seiner Verhaftung könnte es für den deutschen Journalisten nun schnell gehen.

Von Stefan Braun, Berlin

Nichts ist entschieden. Mindestens nicht bis zum Besuch des türkischen Ministerpräsidenten. An diesem Donnerstagabend wird Binali Yıldırım Angela Merkel im Berliner Kanzleramt treffen. Dann weiß man vielleicht genauer, ob aus einer Andeutung im Fall Deniz Yücel freudige Realität werden könnte. Daran muss man in diesen Stunden erinnern, da plötzlich Hoffnung aufkeimt. Hoffnung, dass Yücel nach genau einem Jahr in Haft doch bald frei kommt.

Genährt wird diese Hoffnung durch ein überraschendes Interview des türkischen Regierungschefs. In der ARD hatte Yıldırım erklärt, er treffe zwar nicht die Entscheidung, aber er hoffe, dass Yücel "in kurzer Zeit freigelassen wird".

Auf die Nachfrage, warum er das glaube, fügte Yıldırım hinzu, Yücel werde vor Gericht erscheinen. Und damit verbinde sich stets die Chance, "dass er freikommt".

Bemerkenswerte Sätze nach einem Jahr voller Misstöne

Das sind bemerkenswerte Sätze nach einem langen Jahr der Aggressionen und Misstöne zwischen Berlin und Ankara - und nach zwölf Monaten, in denen der 44-jährige Yücel so gut wie keine Signale erhielt, dass sich an seiner Lage etwas ändern könnte. Noch bemerkenswerter ist allerdings eine weitere Aussage Yıldırıms. Danach gefragt, wie seine Sätze zu denen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan passten, der bis heute eine Freilassung Yücels ausschließt, solange er im Amt ist, erklärte er, die Türkei sei ein Rechtsstaat, deshalb würden die Gerichte entscheiden. So nüchtern das klingt, so keck ist es politisch. Denn wenn man es wörtlich nimmt, heißt es nichts anderes als: Der Präsident hat da nicht mehr viel hinzuzufügen.

Entweder weiß Yildirim also mehr - oder er hat mittlerweile ein großes Selbstbewusstsein. Eine solche Botschaft zu versenden, ohne über den weiteren Ablauf klare Kenntnis zu haben, könnte im Reich des Recep Tayyip Erdoğan gefährlich werden. Yıldırıms Vorgänger mussten immer wieder erfahren, wie schnell ein großes Selbstbewusstsein zu einer Ablösung führen kann.

Gleichwohl: Plötzlich gibt es die Chance, dass für Deniz Yücel das Leben im Gefängnis bald vorbei sein könnte. Ob es schon in den kommenden Stunden oder Tagen so weit sein wird, kann im Augenblick in Berlin niemand sagen. Yıldırıms Äußerungen könnten aber dafür sprechen, dass es noch ein klein wenig dauert. Sonst wäre ausgerechnet die Unabhängigkeit der türkischen Gerichte, die er so hervorhebt, schnell wieder Makulatur. Andererseits sollte man heute, so hört man es in Berlin, auf jede Überraschung gefasst sein.

An der Vorfreude von Yücels vielen Unterstützern wird das freilich wenig ändern. Pünktlich zum Jahrestag seiner Verhaftung hatten sie sich am Mittwoch auch in Berlin wieder in großer Zahl versammelt. Prominente Künstler wie die Schauspielerin Hanna Schygulla lasen aus seinem Buch, andere wie der Liedermacher Herbert Grönemeyer sangen; wieder andere fuhren in langen Autokorsos durch die Hauptstadt. Und sie alle zeigten, dass damit in zwölf Monaten eines auf alle Fälle erreicht wurde: Yücel ist nie vergessen worden.

Wenig spricht allerdings dafür, dass ihr Engagement der Grund dafür ist, dass sich nun diese Chance auftut. Wahrscheinlicher ist, dass die türkische Führung eine anfänglich nützliche, inzwischen aber unangenehme Front begradigen möchte. Zu groß sind die wirtschaftlichen Probleme am Bosporus, und zu sehr braucht Ankara bessere Beziehungen zu Berlin. Denn nur so dürfte es dem Land dauerhaft gelingen, seine Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen und das dafür so wichtige Verhältnis zur EU zu stabilisieren.

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