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Schmähplastik:"Das Judentum auf so drastische Weise anzugreifen, ist eklig"

Gerichtsentscheidung zu antijüdischem Kirchenrelief im Mai

Die Kirchengemeinde in Wittenberg weigert sich, die Schmähplastik an der Fassade der Kirche zu entfernen.

(Foto: dpa)

Der Anblick der "Judensau" an der Fassade seiner Kirche erfüllt den Wittenberger Pfarrer Johannes Block mit Scham. Warum lässt er sie dann nicht entfernen?

Ein Sandsteinrelief an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche St. Marien beschäftigt seit Monaten die Justiz. Die Darstellung aus der Zeit um 1300 zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein in den Anus schaut, während als Juden gekennzeichnete Männer an dessen Zitzen saugen. Das Mitglied einer jüdischen Gemeinde will die Entfernung der "Judensau" gerichtlich durchsetzen und hat gegen die Kirchengemeinde geklagt. Ohne Erfolg. Das Oberlandesgericht in Naumburg wird die Berufung gegen ein früheres Urteil am Dienstag wahrscheinlich ablehnen. Johannes Block ist Pfarrer in Wittenberg und verteidigt die Entscheidung der Gemeinde, die Schmähplastik hängen zu lassen.

SZ: Herr Block, Sie sind seit 2011 Pfarrer in Wittenberg. Wie haben Sie reagiert, als Sie zum ersten Mal die mittelalterliche Schmähplastik an der Fassade Ihrer Kirche entdeckten?

Johannes Block: Ich war erschrocken und empört. Das Judentum auf so drastische Weise anzugreifen, ist eklig und geschmacklos. Als Pfarrer erfüllt es mich auch mit Scham und Schmerz, dass diese Plastik an der Fassade unserer Kirche hängt.

Sie können die Gefühle des Klägers, der das Relief für eine Beleidigung gegen das gesamte Judentum hält, also nachvollziehen?

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Ich verstehe jeden, der sich durch den Anblick der Plastik verletzt fühlt. Aber die Gerichte haben festgestellt, dass es sich nicht um eine Beleidigung im juristischen Sinne handelt - und schon gar nicht von Seiten der Stadtkirchengemeinde Wittenberg. Wir haben die Plastik nicht initiiert, sondern versuchen mit diesem schwierigen Erbe verantwortlich umzugehen.

Wenn das Relief Sie so belastet, könnten Sie es doch einfach abnehmen. Der Kläger hat vorgeschlagen, es in einem Museum auszustellen.

Die Schmähplastik ist ein Geschichtszeugnis und erinnert an den Antijudaismus im Mittelalter. Daran, dass die Theologie Luthers antijüdische Züge trug. Die Gemeinde hat sich entschieden, zu dieser dunklen Vergangenheit zu stehen. Wir belassen die Plastik an ihrem Platz. Durch die Konfrontation soll ein Bewusstsein entstehen, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf. Ein Bewusstsein, das angesichts des zunehmenden Antisemitismus umso wichtiger ist.

Ihre Gegner finden, die Schmähplastik sei Teil des Problems. Deswegen soll sie verschwinden.

Ich glaube nicht, dass der Antisemitismus schlagartig zurückgeht, weil die Gemeinde die Schmähplastik abnimmt. Sie steht an dem Ort auch nicht allein. Als Teil einer Mahnstätte erinnert das Relief auch an die widerliche Wirkungsgeschichte des 20. Jahrhunderts, als in Europa Juden ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Wir halten an dem Ort regelmäßig Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Holocausts ab.

Unterhalb des Reliefs, auf dem Boden, befindet sich eine Gedenktafel: Eine Platte aus Bronze, zerborsten. Dazu der Satz "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen." Sie müssen zugeben, dass das als Kommentierung des Ortes recht kompliziert ist.

Diese Gedenktafel ließ die Gemeinde 1988 anbringen. Außerdem steht an dem Ort eine Zeder als Zeichen des Friedens. Zu DDR-Zeiten einen solchen Ort der Mahnung zu etablieren, finde ich rühmenswert. Ich kenne keine andere Gemeinde, die das in dieser Zeit geschafft hat. Aber dem unbedarften Besucher wird tatsächlich sehr viel abverlangt. Das polemische Bild der mittelalterlichen Plastik so einfangen zu wollen, ist sehr schwierig. Deswegen setze ich mich für eine Weiterentwicklung der Mahnstätte ein. Er soll nicht nur ein Ort des Erinnerns, sondern auch der Versöhnung sein.

Was schwebt Ihnen vor?

Ich möchte die einzelnen Elemente noch besser miteinander verknüpfen. Meine Idee wäre ein Lichtband, das Mahnplatte, Zeder und Schmähplastik verbindet. Außerdem schwebt mir eine Art Prisma vor, durch das die Besucher das Relief in einer gebrochenen Perspektive wahrnehmen können, so dass dessen Bildprogramm als überwunden vor Augen steht. Wir haben noch kein finales Konzept - aber ich bin deswegen auch im Gespräch mit dem Zentralrat der Juden.

Sie haben dem Kläger angeboten, an dem Konzept mitzuarbeiten.

Er lehnt das ab. Die ganze Situation hat eine gewisse Tragik: Da provoziert eine Klage die Kontroverse zweier Seiten, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: den Kampf gegen den Antisemitismus.

© SZ.de
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