Winter-WM in Katar 2022:Götzendienst im Advent

Die Winter-WM in Katar 2022 bringt die Kirchen in Deutschland in eine schwierige Lage: Sie wollen keine Spaßbremsen sein, aber einen Advent im Fußball-Vollrausch wollen sie noch weniger. Die Kritik wird lauter.

Von Matthias Drobinski

Advent. Die Zeit vor Weihnachten duftet nach Zimtstern und Kerze; für Christen ist sie die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, die Zeit der Stille, egal, wie viel Kommerz die Adventszeit mittlerweile durchtränkt. Die Adventszeit im Jahr des Herrn 2022 könnte aber anders aussehen: Torjubel statt Kerzenschein, Public Viewing am Glühweinstand, ein Endspiel am vierten Advent.

An diesem Donnerstag berät das Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes Fifa in Zürich über den Terminplan der Weltmeisterschaft in Katar, vermutlich einigen sich die 25 Herren auf November und Dezember. Aus ihrer Sicht liegt das nahe: Im Sommer wird es in Katar bis zu 50 Grad heiß, ab November ist das Klima erträglich.

Die christlichen Kirchen bringt das in eine schwierige Lage: Sie wollen keine Spaßbremsen sein, in Deutschland werden in vielen Gemeinderäumen Spiele übertragen, und der oberste Katholik, Papst Franziskus, ist glühender Fußballfan. Andererseits kämpfen die Kirchen gerade in Deutschland gegen die Kommerzialisierung des Advents, gegen verkaufsoffene Sonntage, für den Nikolaus und das Christkind und gegen den Weihnachtsmann. Ein Advent im Fußball-Vollrausch kann ihnen da nicht recht sein.

"Falsche Zeit und falsches Land"

So mehren sich vor der Abstimmung die kritischen Stimmen. Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, erklärt, als "einer der vielen christlichen Fußballfreunde" wolle er sich "nicht zwischen Advent und WM entscheiden müssen". Der angestrebte Wintertermin und die "Vielzahl kritischer Berichte zu Arbeitsbedingungen von Bauprojekten machen eine Umsteuerung notwendig, sonst stellt sich die WM ins Abseits".

"Falsche Zeit und falsches Land", urteilt der Berliner evangelische Bischof Markus Dröge. Ilse Junkermann, Bischöfin der mitteldeutschen Landeskirche, fürchtet, dass die "Advents- und Weihnachtszeit Schaden nehmen" könnte. Der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig fordert die "gelb-rote Karte für die Terminfindung".

Der katholische Sportbischof Jörg Michael Peters zeigt immerhin Verständnis für den Termin - er gehe davon aus, "dass das Endspiel nicht an Heiligabend oder am ersten Feiertag stattfindet". Kritischer ist da der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, immerhin Fan des 1. FC Köln: Public Viewing auf dem Weihnachtsmarkt sei für ihn "kaum vorstellbar". Viel mehr aber empöre ihn, "dass laut Medienberichten jeden Tag ein Toter auf den Baustellen für die WM zu beklagen ist".

Ein Land, das die Menschenrechte missachtet und im Verdacht steht, die WM-Vergabe mit Schmiergeld beeinflusst zu haben, dämpft nun mal die Fußballbegeisterung der Christen. "Sport und Menschenrechte werden hier auf dem Altar des schnöden Mammons geopfert", sagt Renke Brahms, Chef der bremischen Kirche. "Die Spiele müssen nicht in den Winter, sondern in ein anderes Land verlegt werden."

Das ist so unwahrscheinlich wie die Rücksichtnahme der Fifa auf den Advent. Das Exekutivkomitee gilt als wenig beeindruckbar durch ethische oder kulturelle Argumente. Dass während der WM 2014 in Brasilien der Ramadan begann, der Fastenmonat der Muslime, hat dort auch keinen interessiert.

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