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Weltkriegsgedenken 2014:Europas Glück

EU-Gipfel in Ypern

Die Staats- und Regierungschefs der EU gedenken den Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

(Foto: dpa)

Was bleibt von diesem Jahr des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg? Die Erkenntnis darüber, welch weiten Weg dieser Kontinent zurückgelegt hat. Von einem Ort des Hasses und Krieges zu einem geeinten Europa.

Der Erste Weltkrieg ist fast vorbei. Jedenfalls das große Gedenken an den Großen Krieg. In einigen Tagen endet das Jahr 2014, dann wird wohl auch die erstaunliche Flut an Büchern, Artikeln, Filmen und Ausstellungen abebben, in denen in den vergangenen Monaten an den Ausbruch des Weltkriegs erinnert wurde. Das ist etwas unhistorisch, denn an den Fronten hatte um diese Zeit vor einhundert Jahren das Sterben erst begonnen - an der Marne, bei Tannenberg, in Flandern. Doch 2015 steht schon das nächste Kriegsjubiläum an. Der Gedenkbetrieb wird dann vom Ende des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren beherrscht werden. Das ist verständlich: Dresden und Auschwitz sind für die meisten Menschen aus guten Gründen näherliegende Orte der Erinnerung und Mahnung als Verdun und Gorlice-Tarnów.

Was also bleibt von diesem Jahr des Gedenkens an einen lange vergangenen Krieg? Es bleibt zum Beispiel ein überraschender (und überraschend verbissener) Streit um Schuld. Niemand hätte wohl erwartet, dass 2014 in deutschen Feuilletons noch einmal darüber gestritten würde, wer den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu verantworten hat. All die "Schlafwandler" in Berlin und Wien, Paris, London und Sankt Petersburg gemeinsam, wie der Historiker Christopher Clark die beteiligten Politiker, Diplomaten und Generäle genannt hat? Oder doch der tumbe, weltmachthungrige deutsche Kaiser und die preußischen Militaristen? Die Heftigkeit, mit der darüber debattiert wurde, zeigt, dass es selbst einhundert Jahre nach jenem verhängnisvollen Sommer 1914 nicht nur um neue historische Erkenntnisse geht, sondern auch immer noch um die Verteidigung alter ideologischer Dogmen.

Ausgelöst wurde dieser Streit durch den ungewöhnlichen Erfolg von Clarks Buch. Kritiker sahen die hohen Verkaufszahlen als Beleg für den Wunsch vieler Deutscher, endlich von der Schuld am Ersten Weltkrieg freigesprochen zu werden; und damit, als sei das überhaupt möglich, von der Schuld an all dem Grauen, das dieser Krieg in den Jahrzehnten danach noch gebar. Aber das war ein Missverständnis. Die wenigsten Menschen, die Clarks "Schlafwandler" gekauft und gelesen haben, taten das, weil sie Revisionisten sind. Eher war es so: Clark und die vielen anderen Autoren, die 2014 neue Bücher zum Ersten Weltkrieg vorlegten, trafen - wohl zu ihrer eigenen Verwunderung - bei einem bemerkenswert breiten Publikum schlicht auf Neugier; auf ein großes, echtes Interesse an einem Ereignis, das trotz seines apokalyptischen Schreckens fern und rätselhaft geblieben ist.

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In dieser Hinsicht war 2014 ein Jahr, in dem man viel lernen konnte - über deutsche und europäische Geschichte; darüber, wie Kriege beginnen können (auch wenn der oft bemühte Vergleich zwischen Sarajewo im Jahr 1914 und der Krim im Jahr 2014 nie richtig passte); manchmal auch nur über den eigenen Großvater und dessen von Kriegen gezeichnete Generation. Vor dem Gedenkjahr wussten gerade viele jüngere Menschen kaum mehr über den Ersten Weltkrieg als das, was sie als Schüler in "Im Westen nichts Neues" gelesen hatten. Wer mehr erfahren wollte, für den war es ein fruchtbares Jahr.

Über Schuld und Vergebung - und, wenn man wollte, vielleicht auch über Demut und Dankbarkeit - konnte man andernorts mehr lernen als in Büchern. Auf dem Hartmannsweilerkopf etwa, jenem zerschossenen Hügel in den Vogesen, wo die Präsidenten Frankreichs und Deutschlands der Gefallenen gedachten; oder in Ypern, einst schlammiger Schauplatz der Flandernschlachten, wo die Bundeskanzlerin zusammen mit den Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union an die Toten des Grabenkriegs erinnerte. Denn egal, welchen Schuldanteil genau nun das Deutsche Reich am Ausbruch des Kriegs gehabt haben mag - dass der Krieg nicht aufhörte, dass das Töten und Sterben Jahr für Jahr weiterging, das war in hohem Maße die Schuld der Deutschen.

Die Deutschen hätten das Blutvergießen beenden können

Wären die deutschen Truppen nach dem ersten großen, blutigen Zusammenprall Ende 1914 heimgegangen - der Krieg wäre wohl rasch vorbei gewesen. Aber sie gingen nicht heim, sie kämpften weiter, vier fürchterliche Jahre lang. Es gibt bei Verdun einen amerikanischen Soldatenfriedhof, auf dem unter einem makellosen Rasen 14 000 Tote liegen, von denen die meisten in den letzten sechs Kriegswochen gefallen sind. Sie kamen aus Montana oder Kansas und starben in den französischen Argonnen und an der Maas, weit weg von zu Hause. 14 000 tote Amerikaner - nur weil die Pickelhaubenträger in Berlin selbst im Oktober 1918, als alles längst verloren war, noch immer nicht aufgeben wollten.

Solche Friedhöfe gibt es in Belgien und Frankreich zu Dutzenden. Und dort zwischen den weißen Kreuzen wird klar, was für ein Glück es für Deutschland ist, nach diesem jahrelangen Gemetzel wieder in die Gemeinschaft der Europäer aufgenommen worden zu sein. Und was für ein Glück es für Europa ist - zumindest für den westlichen Teil -, dass diese blutige Art, Streitereien unter Ländern auszutragen, vorbei ist.

Karikaturen im Ersten Weltkrieg

Dienst mit der Zeichenfeder

Beides war 1918 keineswegs selbstverständlich, und es wurde ja auch erst nach 1945, nach einem zweiten großen Krieg erreicht. Und es stimmt schon: Ständig die furchtbare Vergangenheit zu beschwören, löst keine Probleme in der Gegenwart. Aber es lohnt sich durchaus angesichts all der gehässigen Kassenwart-Rhetorik, mit der heute über das geeinte Europa geredet wird, in einer Gedenkstunde auf einem alten Schlachtfeld daran zu erinnern, dass das in Vater- und Mutterländer gespaltene Europa, zu dem manche heute zurückkehren wollen, ein Kontinent des Hasses und des Krieges war.

Am Ende freilich soll das Gedenken nicht den Lebenden dienen, sondern den Toten. Etwa zehn Millionen Soldaten sind im Ersten Weltkrieg gefallen. Ihnen wurde ein Heldenmäntelchen umgehängt, doch die meisten hätten ihr Leben wohl lieber daheim bei ihren Familien verbracht, anstatt es in irgendeinem dreckigen Graben hergeben zu müssen. Wenn das Gedenkjahr 2014 ein Anlass war, dass auf ihre Gräber wieder einmal ein Kranz gelegt wurde, dann hat es sich schon gelohnt.