Das Jahr 1918 Das Kaiserreich stirbt den Erschöpfungstod

Die alten Erklärmuster der frühen Bundesrepublik - etwa Karl-Dietrich Erdmanns These aus dem Jahr 1955, es habe damals nur die Wahl gegeben zwischen westlicher Demokratie im Bündnis mit den alten erzkonservativen Eliten oder Bolschewismus - und auch die Darlegungen der DDR-Wissenschaft, die SPD habe die Revolution "verraten", scheinen zwar überwunden zu sein.

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Doch die Debatten über "verpasste Chancen" und Überlegungen über einen "dritten Weg" sind nach wie vor präsent. Der Blick weitet sich, sobald man die Geschichte der Weimarer Republik nicht mehr von ihrem Ende her betrachtet - was lange Zeit üblich war und meist dazu führte, den Gründern der Republik in Kenntnis des Aufstiegs der NSDAP, der Hitler-Diktatur und seiner Menschheitsverbrechen zahllose Fehler und falsche Weichenstellungen zu unterstellen.

Inzwischen betonen Historiker eher die Offenheit der historischen Situation und betrachten die Handlungsspielräume der handelnden Personen, die sicher oft größer waren, als diese Menschen damals selbst dachten - aber sie betonten vor allem, vor welchen immensen Aufgaben die Politik in den Wochen zwischen dem November 1918 und dem Zusammentritt der Nationalversammlung Anfang Februar 1919 stand und wie komplex und zum Teil widersprüchlich sich die Realität jeden Tag aufs Neue darbot. Davon soll diese Serie in den kommenden Wochen handeln.

Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann rief an diesem Tag die Republik aus. Dieses Foto entstand jedoch erst 1928, als Scheidemann die Situation nachstellte.

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Wenn eine Revolution ein radikaler, gewaltsamer Wandel von Führungseliten, politischer Organisationsform, wirtschaftlich-sozialer Ordnung und Legitimationsideologien ist, dann sieht die deutsche Machtelite seit der Oktoberrevolution 1917 in Russland, was damit gemeint ist: radikale Machteroberung der zunächst kleinen Gruppe der Bolschewiki, brutale Ausschaltung der bisherigen Machtzentren, Tausende Tote, Zarenmord, Enteignung von Großgrundbesitzern und Kirche. Kurzum: Der Westen blickt in den Abgrund. Er sieht Terror, Willkür und Chaos. So etwas will niemand in Deutschland. Und doch ist plötzlich Revolution.

Das Kaiserreich (1871-1918) stirbt den Erschöpfungstod. Wilhelm II. reist aus Berlin ab. Der Aufstand beginnt aber gar nicht in der Hauptstadt, sondern in Wilhelmshaven und Kiel, wo sich zahllose Matrosen weigern, zu einem letzten, sinnlosen Gefecht gegen die Briten auszulaufen. Sie holen "Meuterer" aus dem Gefängnis und stellen moderate politische Forderungen, die Matrosen verbünden sich mit Fabrikarbeitern - sie wollen, dass der Krieg, das Morden, das Leiden endlich aufhört. "Frieden" lautet das Zauberwort. Arbeiter- und Soldatenräte gründen sich, Delegationen reisen durch das Land, das Revolutionsfieber erfasst in den ersten Novembertagen Nord- und Mitteldeutschland. In Bayern stürzt am 7. November die Wittelsbacher-Dynastie nach mehr als 700 Jahren lautlos vom Thron, der sozialistische Politiker Kurt Eisner ruft den Freistaat Bayern aus.

Angeblich hasst der SPD-Vorsitzende Ebert die Revolution "wie die Sünde"

Und dann, am 9. November, wehen rote Fahnen in Berlin. Soldaten und Arbeiter ziehen jubelnd durch die Stadt, der Reichskanzler Max von Baden gibt ohne Autorisierung die Abdankung des Kaisers bekannt und anschließend - ohne rechtliche Grundlage - das Amt des Reichskanzlers an Friedrich Ebert ab. Der SPD-Vorsitzende, der die Revolution angeblich hasst "wie die Sünde", steht nun an deren Spitze. Er will die Ordnung aufrechterhalten, Chaos vermeiden. Als sein Parteifreund Philipp Scheidemann am selben Tag die Republik ausruft, soll Ebert einen Wutanfall bekommen haben. Was aus Deutschland wird, soll eine verfassungsgebende Versammlung entscheiden, sagt Ebert - und sonst niemand. Kontinuität ist ihm wichtiger als Umwälzung.

Es gibt an diesem 9. November keine Gewaltexzesse, es rollen keine Köpfe, die alten Machteliten bleiben auf ihrem Posten und dienen sich der neuen Regierung an. Sozialdemokraten und Zivilisten sollen nun die Katastrophe, in die Kaiser und Militär die Deutschen geführt haben, verantworten. Danach wollte man die Macht wieder an sich reißen, so das Kalkül.

Zwei Tage später, am 11. November, schweigen die Waffen. Severing hat also recht, als er 1928 sagt: "Die Republik war der Friede." Der Weltkrieg ist zu Ende. Das reicht der Masse der Deutschen. Doch der Friede allein macht noch keine Republik.

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