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Weltbevölkerung:Gemeinsam gegen die Apokalypse

Menschen

Der Mensch wird seinen Lebensraum weiter ausdehnen, da ist er sehr erfinderisch, besser als jede andere Spezies.

(Foto: Mario Purisic/ Unsplash)

Knappe Ressourcen, Treibhausgase, ungeregelte Migration: Unser Planet gerät zunehmend unter Druck. Es gibt aber Möglichkeiten, das Bevölkerungswachstum einzudämmen - nur muss man schnell handeln.

Die Zahlen sind beklemmend, sie sind kein Grund für Panik - für Eile aber allemal. 82 Millionen Menschen kommen jedes Jahr hinzu auf diesem Planeten, so viele wie Deutschland Einwohner hat. Die Vereinten Nationen erwarten 2050 fast zehn Milliarden Menschen, gut zwei Milliarden mehr, als bisher schon die Erde bevölkern. Das muss nicht in die Apokalypse führen, die Forscher und Publizisten immer wieder beschwören. Zu Millionen, die verhungern, zu Kriegen um Wasser und fruchtbares Land. Der Mensch hat sich bisher meist etwas einfallen lassen, seine Nachkommen doch noch satt zu bekommen. Er trotzt den Böden noch mehr ab mit Kunstdünger und neuen Sorten, spritzt Unkraut und Insekten nieder. So dürfte es weitergehen, mithilfe grüner Gentechnik, neuer Pestizide, zusätzlicher Ackerflächen.

Der Mensch wird seinen Lebensraum weiter ausdehnen, da ist er sehr erfinderisch, besser als jede andere Spezies. Er wird Tiere verdrängen ebenso wie Pflanzen, die ihm keinen Nutzen verheißen. Wird Wiesen in Felder verwandeln, Regenwälder in Plantagen und stille Buchten in Fischfarmen. Die Erde mag so zehn Milliarden Menschen aushalten, doch sie wird dadurch nicht lebenswerter. Im Gegenteil, das Bevölkerungswachstum ist ein Antreiber globaler Miseren wie Klimakrise, Artensterben und ungeregelter Migration.

Die Weltbevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen diese Woche in Nairobi hat bekräftigt, dass man mehr unternehmen will gegen das rasante Wachstum der Menschheit. Es wurden dort viele richtige Dinge gesagt, etwa mehr Rechte für Frauen gefordert, damit diese selbst bestimmen können, wann sie wie viele Kinder bekommen. Und man hat acht Milliarden Euro eingesammelt, etwa ein Euro pro Erdenbürger. "Man" bedeutet allerdings: Bei Weitem nicht alle der rund 170 Länder beteiligen sich, die Beschlüsse sind nicht bindend. Die Staaten unterschätzen die Risiken noch immer.

Umso früher man das Problem angeht, desto besser

Was sie jetzt versäumen, wird lange nachwirken. Das Bevölkerungswachstum gleicht einem vollen Zug mit langem Bremsweg. Selbst wenn heute schlagartig alle Frauen weltweit höchstens zwei Kinder gebären würden (in Afrika sind es derzeit im Durchschnitt 4,6), würde die Menschheit bis 2050 immer noch um 1,3 Milliarden wachsen. Denn es gibt bereits so viele junge Menschen, die später Kinder haben werden. Trotzdem: Alles, was man heute in die Wege leitet, wird später einen großen Unterschied machen.

Die Rezepte sind bekannt: mehr Bildung, gleiche Rechte für Frauen, Zugang zu Pille und Kondomen, ein besseres ärztliches Angebot. Dies sind zugleich Zutaten für ein besseres Leben, für einen Aufschwung in den ärmsten Staaten, die jene mit den höchsten Geburtenraten sind. Viele Kinder können arm machen. Weniger Geburten aber können die Entwicklung beflügeln, sie trugen zu Erfolgsgeschichten wie die Taiwans oder Thailands bei.

Die Frage, wie sehr die Menschenmilliarden den Planeten unter Druck setzen, ist vor allem die Frage nach dem Verbrauch dieser Menschen. Es zählt nicht nur die bloße Zahl der Bürger, sondern auch, was diese jeweils an Ressourcen verschlingen. Und hier beginnt der Streit um die Verantwortung. Die Bewohner der Industrieländer blasen zum Beispiel ein Vielfaches an Treibhausgasen in die Luft als die Bürger armer Länder, ein US-Amerikaner das Achtfache eines Inders. Weil wir in den Industrieländern weiter im Vollgasmodus leben wollen, sollt ihr Armen euch gefälligst mit Kinderkriegen zurückhalten - dies kann nicht die Botschaft sein.

Trotzdem darf das Bevölkerungswachstum in ärmeren Ländern so nicht weitergehen. Schon deshalb nicht, weil die Armen von heute oft die Aufsteiger von morgen sein werden. Noch vor wenigen Jahrzehnten produzierte das einstige Armenhaus China nur wenige Treibhausgase, heute ist es der größte Klimaschädiger der Welt. Pro Kopf ist der Ausstoß nun im Mittelfeld, die Zahl der Köpfe aber ist hoch. Und schon jetzt stoßen Indien und Brasilien zusammen mehr Treibhausgas aus als die gesamte EU.

Reiche Länder sollten ihre Technologie teilen

Reiche und arme Länder müssen sich die Verantwortung teilen. Die Bürger der Industriestaaten stehen in der Pflicht, ihren Lebensstil zu ändern, das Wirtschaftswachstum zu entkoppeln vom Verbrauch von Öl, Kohle, von Wasser und Naturflächen. Das ist nicht nur deshalb wichtig, um die CO₂-Bilanz in Deutschland oder den USA aufzubessern. Das Leben im reichen Westen ist auch stilbildend für Bürger aufstrebender Staaten. Der Way of Life der Vorbilder, die da in Fernsehserien oder Werbung aus Amerika und Europa ihre Wirkung entfalten, muss grün sein. Nur wenn Solarzellen, E-Bikes und Innenstädte ohne Autos als cool gelten, werden sie sich auch anderswo durchsetzen. Realistisch ist das nur, wenn reiche Länder ihre Technologie teilen. Die armen Länder müssen nicht auf Wohlstand verzichten, ohne Familienplanung aber wird es nicht gehen. Das ist ihr Teil der Verantwortung. Das Problem ist zu drängend, als dass eine Seite im Nichtstun verharren kann.

Es wird nicht einfach, ärmere Länder zu diesem Beitrag zu bewegen. Es gibt viele Empfindlichkeiten, gerade in Afrika, wo die Bevölkerung besonders schnell wächst. Man hat Erfahrung gemacht mit Weißen, die einem sagen, was zu tun ist. Jedes Drängen wird schnell als neokoloniale Attitüde abgewehrt. Noch dazu, wenn es um so persönliche Angelegenheiten geht wie die Zahl der Kinder, die ein Paar haben will. Ein Erfolg scheint nur möglich zu sein über Umwege. Über Bildungsangebote für Frauen, über Geld für kooperative Regierungen, über Bündnisse mit religiösen Autoritäten. Der westliche Reflex, sich verständnisvoll herauszuhalten, da man die Ärmsten der Armen nicht bevormunden dürfe, ist hier fehl am Platz. Zwölfjährige Mädchen zu verheiraten oder Frauen die Pille zu verwehren, ist nicht schützenswert. Und die Folgen solcher Traditionen treffen die ganze Welt.

Leserdiskussion Wie könnte man das globale Bevölkerungswachstum verlangsamen?

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Wie könnte man das globale Bevölkerungswachstum verlangsamen?

Die Vereinten Nationen erwarten 2050 fast zehn Milliarden Menschen, gut zwei Milliarden mehr, als bisher schon die Erde bevölkern. Die möglichen Folgen: Knappe Ressourcen, Umweltzerstörung und gewaltsame Konflikte.