Wahlkampf:Merkel hatte nie den Anspruch, ihr Tun zu erklären

Überdies hat Angela Merkel den Deutschen das Gefühl gegeben, in der Euro-Krise immer das Unvermeidbare zur Abwendung einer Katastrophe getan zu haben, aber nie mehr. Auch das kam gut an. Merkel hatte nie den Anspruch, den Bürgern ihr Tun in der Euro-Krise zu erklären. Die Menschen sollten nur glauben, dass die komplizierte Sache in guten Händen ist. Das ist ihr gelungen. Für die Zwecke des Wahlkampfs hat sie die Euro-Krise auf diese Weise tatsächlich vergiftet. Wer sie anrührt, dem droht Lähmung.

Das bekommt vor allem SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zu spüren. Eigentlich müsste er als früherer Finanzminister Kompetenz ausspielen können, stattdessen verzettelt er sich, indem er Merkel fehlende europäische Leidenschaft vorhält. Steinbrücks Problem besteht darin, dass es gerade Merkel ist, die die Gefühlslage der Deutschen trifft.

Niemand, nicht einmal die Linken, wagen es, ihre Kritik an der von Merkel durchgesetzten Sparspirale zu plakatieren, unter der die Südeuropäer leiden. Merkels Gift wirkt - und zwar in beide Richtungen. Das Empörungspotenzial wegen der Kredite für Krisenländer scheint fürs Erste erschöpft zu sein. Darunter leidet die Euro-skeptische Alternative für Deutschland mindestens ebenso sehr wie unter ihren inneren Querelen.

Es hat sich der Eindruck verfestigt, dass die schlimmsten Zeiten der Euro-Krise vorüber sind. Das mag stimmen, wäre aber - nebenbei bemerkt - weniger das Verdienst Merkels als das des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, und seines Machtwortes zur Rettung der europäischen Währung. So oder so ist den Bürgern nicht zu verdenken, wenn sie nach mehreren turbulenten Jahre die Ruhe als angenehm empfinden.

Und doch besteht genau darin das Problem. Unabhängig davon, ob nach der Bundestagswahl ein neuer Schuldenschnitt für Griechenland lauert, harrt die EU einer großen Klärung. Die Währungsunion wird auch künftig ohne eine echte politische Union nicht funktionieren. Darüber wird es Streit geben, ja geben müssen. Ein Streit, in dem Deutschland, für viele Deutsche dann vermutlich überraschend, eine zentrale Rolle spielen wird.

Im Mai des kommenden Jahres wählen die Bürger der EU ein neues Parlament. Gut wäre es, wenn der Bann, der eine echte Europa-Debatte in deutschen Wahlkämpfen verhindert, bis dahin gebrochen wäre. Sehr wahrscheinlich ist es nicht.

© SZ vom 12.08.2013/ebri
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