Wahlkampf in Spanien Sie nennen sie "La Merkel"

Die Konservativen haben großes mit Soraya Sáenz de Santamaría vor. Statt Regierungschef Rajoy soll sie im Wahlkampf die TV-Debatte führen.

(Foto: Angel Diaz/dpa)

Sie ist hart, verbindlich - und nicht so dröge wie Regierungschef Rajoy: Im Wahlkampf setzen die spanischen Konservativen ganz auf Soraya Sáenz de Santamaría.

Von Thomas Urban, Madrid

Es war am späten Sonntagabend keines der üblichen lobhudelnden Politikerporträts im spanischen Fernsehen: Die stellvertretende Ministerpräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría wurde zwar als fitte Wanderin mit Rucksack und als flotte Jeepfahrerin auf einer Schlammpiste gezeigt. Doch der Fernsehjournalist ersparte ihr auch nicht die Momente, die sie ratlos wirken ließen, etwa bei der Frage nach der Korruption unter Spitzenleuten der regierenden Volkspartei (PP) oder nach dem Namen von Pilzen, die sie volksverbunden im Wald sammelte.

Auch gab sie zu, dass ihr Englisch aufpoliert werden müsste, und verbarg ihr Unbehagen nicht, als sie eine Ballonfahrt über ihre Heimatprovinz Valladolid antreten sollte. Doch es war wohl so gewollt: eine Spitzenpolitikerin, die nicht glatt ist, sondern auch Gefühle hat und zeigt, dass sie lernen möchte.

Rajoy ist dröge, Sáenz de Santamaría ein Energiebündel

In Spanien ist Wahlkampfzeit, am 20. Dezember wird ein neues Parlament gewählt. Und alles spricht dafür, dass die 44-Jährige dabei eine zentrale Rolle spielen soll. Ihren Landsleuten ist sie gut bekannt, da sie auch Regierungssprecherin ist: Energisch hat sie auf Pressekonferenzen nicht nur die Sparpakete des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy verteidigt, sondern sich auch vielen Rededuellen im Parlament gestellt. Die nur 1,55 Meter große Politikerin ist schlagfertig und kann witzig sein, aber auch sehr scharf attackieren. Ihr Markenzeichen: Sie krempelt vor jeder Rede im Parlament die Ärmel hoch.

Nach den Umfragen kann die PP derzeit mit lediglich einem Viertel der Stimmen rechnen, in Madrid wird also zur Jahreswende eine Koalitionsregierung entstehen. Doch haben die Vertreter der anderen großen Parteien klargemacht, dass sie auf keinen Fall mit Rajoy zusammengehen würden. Diesem wird nicht nur das umstrittene Sparprogramm, das Spanien allerdings wieder in die Wachstumszone gebracht hat, angelastet, sondern auch die Affäre um eine schwarze Parteikasse. Seine Sympathiewerte sind im Keller, auch ist er dröge.

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Daher tritt nicht er in der bevorstehenden Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten der vier größten Parteien an, sondern das Energiebündel Sáenz de Santamaría. Rajoy hatte die Einserjuristin aus der Provinz vor sieben Jahren zur Fraktionssprecherin gemacht, ein im spanischen Parlament wichtiges Amt. Für einen Teil der Madrider Kommentatoren steht nun fest: Sollte es für die PP nach den Wahlen zur Beteiligung an der kommenden Regierung reichen, so soll sie auch dort die erste Rolle spielen. Schon macht das Wort von der spanischen "La Merkel" die Runde.

Hart und trotzdem kompromissfähig

Bei den Machtkämpfen innerhalb der PP hat sie Rajoy den Rücken gegen die Franco-Nostalgiker und gegen die Nationalkatholiken gestärkt. Dort hatte schon für Stirnrunzeln gesorgt, dass sie nicht kirchlich geheiratet und bei ihrer Amtseinführung nicht auf die Bibel, sondern die Verfassung geschworen hat. Dabei entstammen ihrer adligen Familie mehrere Bischöfe, einer gehörte sogar dem Rat der Inquisition an.

Doch sie ist beim liberalen Flügel der Konservativen zu verorten. Auch streitet sie immer wieder gegen die Macho-Traditionen in der spanischen Politik, hat sich allerdings den Zorn von Frauenrechtlerinnen zugezogen, als sie selbst nach der Geburt ihres Sohnes vor vier Jahren auf den Mutterschutz verzichtete.

Noch ein wichtiges Signal ging von dem Fernsehporträt am Sonntagabend aus: Der Ballonlenker bei dem Ausflug stellte sich als Katalane vor. Er sagte in die Kamera, die Katalanen fühlten sich von Madrid unverstanden. Sie widersprach ihm erst ein wenig, dann sagte sie: "Es gibt vieles, was wir berichtigen müssen. Wir müssen mehr aufeinander hören."

Damit setzte sie sich von ihrem Ziehvater Rajoy ab, der unter Verweis auf die spanische Verfassung jeden Dialog mit den Katalanen ablehnt und stattdessen nur mit dem Staatsanwalt droht. Vertreter anderer Parteien bescheinigen Soraya Sáenz de Santamaría Härte, aber auch Zuverlässigkeit und vor allem Kompromissfähigkeit.

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