Spaniens Umgang mit der Diktatur Im Tal der Gefallenen

Im April 1949 wurde dem "Generalissimus" Franco noch gehuldigt.

(Foto: imago)

40 Jahre nach Francos Tod: Warum Spanien die Ära des "Caudillo" erst jetzt aufgearbeitet.

Von Thomas Urban

Auch aus großer Entfernung ist das gewaltige Kreuz auf einem der Gipfel der Sierra de Guadarrama auszumachen. Es ist das größte Kreuz der Welt - mit 155 Metern fast so hoch wie der Kölner Dom. Darunter, im Tal, wartet der nächste Superlativ: die weltweit längste Kathedrale, die sich in einer künstlichen Höhle im Berg befindet.

Es handelt sich um das "Tal der Gefallenen", rund 50 Kilometer nordwestlich von Madrid. Gemeint sind die Opfer des Spanischen Bürgerkriegs. Mit Kreuz und Kirche hat sich der spanische Diktator Francisco Franco unter die großen Baumeister der Weltgeschichte einreihen wollen.

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Zu seinem 40. Todestag an diesem Freitag wird in der Basilika eine Messe gelesen, an seinem Grab werden Blumengebinden abgelegt werden, von seinen Anhängern in rechtsextremen Gruppierungen, die indes in Spanien nur noch ein Schattendasein führen. Doch Politiker werden nicht an dem schlichten Grab hinter dem Hochaltar erwartet.

Denn Franco wird von der Politik beschwiegen, so als habe es weder den mörderischen Bürgerkrieg, noch die folgenden brutalen Repressionen nach dem Motto "Wehe den Besiegten!" gegeben. Anders halten es Historiker und Publizisten: Hunderte von Büchern sind erschienen, ebenso über die Zwangsarbeiter, die den Berg für die Basilika aushöhlten, wie über den Generalissimus als Retter des Vaterlandes vor den Anarchisten und Stalinisten, die ja ebenfalls Zehntausende ermordet haben.

Zum Jahrestag ist auch in der Presse eine Fülle von Texten über das Verhältnis der heutigen Spanier zu dem Diktator erschienen. Und es melden sich erneut die Verbände der Franco-Opfer, sie fordern juristische, materielle und moralische Rehabilitation. Die Politiker der etablierten Parteien aber verweisen auf das Amnestiegesetz von 1977, das einen Schlussstrich unter die Franco-Zeit ziehen sollte. In der Tat garantierte es den für den Übergang zur Demokratie unabdingbaren innenpolitischen Frieden.

Aber es befriedete die Gesellschaft nicht. Denn faktisch bedeutete es die Straffreiheit für die Schreibtischtäter und Folterknechte des Regimes, gleichzeitig aber ignorierte es die Opfer. Erst der damalige sozialistische Premier José Luis Zapatero erklärte vor einem Jahrzehnt die Aufarbeitung der Franco-Zeit zu einem Kernanliegen seiner Regierung.

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Doch Zapatero machte bald einen Rückzieher, die Regierung wollte doch nicht das Problem der Entschädigungen für die Opfer angehen. Schließlich verabschiedete das Parlament 2007 das "Gesetz des historischen Andenkens", das zwar das Franco-Regime verurteilte, aber keineswegs dessen rechtlichen Akte gegen Gegner aufhob. Immerhin aber waren nun politische Kundgebungen im Tal der Gefallenen verboten.

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Doch sonst blieb der bedrohlich wirkende Riesenkomplex mit Basilika, Benediktinerabtei und Aufmarschplatz unangetastet. 1940, ein Jahr nach dem Sieg im Bürgerkrieg, hatte Franco die Arbeiten beginnen lassen, sie dauerten fast zwei Jahrzehnte. In einem Beinhaus wurden die sterblichen Überreste von rund 34 000 Toten aus den Gefechten zwischen den Aufständischen unter Franco und dem republikanischen Lager beigesetzt.

Ein Signal für die Aussöhnung ging von dem Tal nicht aus, vielmehr wurde es zur Kultstätte der Franquisten. José Antonio Primo de Rivera, der am 20. November 1936 unter der republikanischen Regierung exekutierte Faschistenführer, bekam in der Basilika sein Grab. Als Franco auf den Tag genau 39 Jahre nach ihm starb, wurde auch er dort beigesetzt - die katholische Kirche hatte in beiden Fällen keine Einwände.

Dabei hatte Franco selbst verfügt, dass er dort gar nicht begraben werden wolle, das Tal solle den Opfern des Bürgerkrieges vorbehalten bleiben. Diesen letzten Willen des Diktators führte Zapatero an, als er 2011 eine Umbettung Francos ins Gespräch brachte. Der Vorschlag kam allerdings zu spät: Ausgerechnet am Todestag Francos unterlag seine sozialistische Partei wenig später dem Konservativen Mariano Rajoy bei den Parlamentswahlen, er wurde von den Wählern für den Absturz der Wirtschaft abgestraft.

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Unter Rajoy verschwand das Konzeptpapier eines von Zapatero eingesetzten Expertengremiums für die Umgestaltung des Tals der Gefallenen in eine Versöhnungsstätte schnell in den Akten. Somit versandete auch die Kontroverse um das Grab Francos in der Basilika; ohnehin müsste darüber die katholische Kirche befinden.

Ausgerechnet der Reformpapst Johannes XXIII. hatte die gewaltige Höhlenkirche ein Jahr nach ihrer Einweihung 1960 zur Basilika erhoben, ihr also einen besonderen Rang verliehen. Seine Nachfolger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sprachen mehrere Tausend Priester und Nonnen heilig, die rote Verbände im Bürgerkrieg ermordet hatten. Zehntausende von Opfern der Franco-Truppen aber wurden in Massengräbern verscharrt, nie wurde ihnen offiziell Ehre erwiesen, wie die Opferverbände erklären.

Doch nun, 40 Jahre nach Francos Tod, könnte alles anders werden. Bei den Kommunalwahlen im vergangenen Mai haben links orientierte Gruppierungen viele Rathäuser erobert. Ihre Vertreter haben begonnen, in ihren Städten die Zeugnisse des Franquismus zu eliminieren, beginnend mit Straßennamen und Symbolen an öffentlichen Gebäuden. Die Arbeiten an Massengräbern, für die die Regierung Rajoy die Mittel gestrichen hatte, wurden in einigen Gemeinden wieder aufgenommen.

In Madrid wird auch die Schleifung des riesigen Triumphbogens gefordert, den Franco nach dem Sieg im Bürgerkrieg errichten ließ, er steht an der Ausfallstraße zum Tal der Gefallenen. Genau einen Monat nach dem 40. Todestag Francos wird am 20. Dezember ein neues Parlament gewählt. Die bislang mit absoluter Mehrheit regierende Partido Popular (PP) Rajoys wird dabei vermutlich schwere Einbußen erleiden. Allerdings sind auch dort die unerbittlichen Franco-Verehrer nur noch eine kleine Minderheit.

Die Aussichten für einen neuen amtlichen Anlauf bei der Aufarbeitung seiner Ära sind also ausgesprochen gut.

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