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Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern:Anleihen bei Joseph Goebbels

Pastörs verwendet seit jeher immer wieder Vokabular, dass der NS-Zeit entlehnt ist: Mal forderte er "diese ganze verfaulte Republik (zu) unterwühlen!", mal rief er seinen Kameraden entgegen: "Lasst uns Sturm sein" - die Paralellen zu Joseph Goebbels berüchtigter Sportpalastrede sind frappierend. Pastörs Bewunderung für Hitler und dessen Stellvertreter Rudolf Hess tat er in der Vergangenheit offen kund, seine Verachtung für die Parteiendemokratie des bundesrepublikanischen Grundgesetzes ebenso.

Auch dem sichtlich um Mäßigung bemühten Pastörs in besagtem Schüler-Video entfährt eine typische nationalsozialistische Formulierung. Er redet über den Begriff "Kraft durch Freude", als ob es ein physikalisches Gesetz wäre. Dass "Kraft durch Freude" der Name des gigantischen NS-Wohlfühlprogramms war, das im Dritten Reich die Freizeit von Tausenden steuerte und kontrollierte, scheint keinem der Schüler bekannt zu sein. Als ihn ein Schüler fragt, warum er denn etwas gegen Ausländer habe, die schließlich oft Arbeiten verrichteten, die Deutsche nicht machen wollten, reagiert der Rechtsextreme betont sanft: Er spricht von Ausländerrecht, dann meint er, er wolle ja nur kriminelle Ausländer loswerden.

Wie Pastörs wirklich denkt, zeigt ein Blick in die 25 Punkte des NPD- Wahlprogramms (die NSDAP legte bei ihrer Gründung 1920 ebenfalls 25 Punkte vor): Dort agitiert man in NS-Jargon gegen "Fremdarbeiter", fordert "Arbeit zuerst für Deutsche" und eine "Ausländersozialgesetzgebung", die bei "ihrer Ausgestaltung dem Rückführungsgedanken Rechnung zu tragen hat." Dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht Deutsche sein dürfen, dass die NPD in den Kategorien "Arier - Nichtarier" denkt, findet sich verklausuliert in Punkt 19: "Volk ist grundlegend eine biologische (...) Angelegenheit."

Solche Sätze kamen bei Pastörs Schülervortrag ebensowenig vor wie in einem anderen Video, das am selben Tag im nahen Ueckermünde entstand: Pastörs tauchte auf einer Veranstaltung der Linkspartei mit deren Spitzenkandidat Helmut Holter auf - den NPD-Kameramann im Schlepptau. Man fordert Pastörs auf, zu gehen, doch der besteht freundlich auf Mitsprache. Als er den sitzenden Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi erkennt, stellt er sich vor ihm auf. Als Gysi davon spricht, dass er Deutscher sei, blickt Pastörs auf ihn herab und fragt: "Sind sie das wirklich, Herr Gysi?" Eine Anspielung auf Gysis Familie: Der Linken-Politiker hat jüdische Vorfahren - daraus macht er weder einen Hehl, noch betont er das.

Pastörs' Antisemitismus tritt immer wieder zutage. Eine Tirade über die "Judenrepublik" brachte ihm wegen Volksverhetzung eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten ein. Aber vom geifernden Wüterich ist Pastörs bei seinem Störversuch bei den Linken weit entfernt gewesen. Als Polizisten dazukamen, sagte der NPD-Mann noch ein paar freundliche Worte zum Publikum und verließ die Veranstaltung. Dann endet das Video. Was die NPD nicht zeigte, ist die lautstarke Beschallung von außen, zu der Pastörs Truppe danach überging.

Gysi selbst bleibt gelassen: "Diskussionen mit rechtsextremistischen Führern wie Pastörs werde ich nie führen", sagt Gysi zu sueddeutsche.de, "das ist sinnlos." Allerdings wolle er die Mitläufer nicht aufgeben. Man müsse Ausbildung Bildung und Aufklärung dagegensetzen. Jugendlichen eine Reise nach Auschwitz zu ermöglichen lohne mehr, als in Jugendgefängnisse zu investieren.

Gysis Revanche

Gysi revanchierte sich auf seine Weise: Er ist an diesem Freitag nach Jamel in Mecklenburg-Vorpommern gefahren und durch das kleine Dorf gegangen, in dem die Rechtsextremen inzwischen die Mehrheit stellen - ein Zeichen, dass der Ort keineswegs den Rechtsextremen "gehört".

170 Kilometer entfernt, in Ferdinandhof, wo Pastörs sich vor den Schülern produzierte, bemühte man sich derweil um Schadensbegrenzung. Man ist fassungslos, dass es ausgerechnet hier passiert ist: Die Schule ist nach Hanno Günter benannt, einem kommunistischen Widerstandskämpfer, den die Nazis ermordeten. Bildungsminister Tesch kam extra aus Schwerin angefahren, sprach mit den Schülern, mit der Schulleitung, mit dem Lehrer, der Pastörs nicht stoppte. Tesch nennt Pastörs "perfide und skrupellos", das den Lehrers kritisiert er für sein klares Fehlverhalten. Allerdings nimmt Tesch ihn auch in Schutz.

Der Christdemokrat beschreibt, wie sehr der ansonsten untadelige Pädagoge bereut, nicht eingeschritten zu sein, und möchte offenbar verhindern, dass auch der junge Mann ein dauerhaftes Opfer des Udo Pastörs wird: "Der Lehrer ist sehr zerknirscht", sagt Tesch, "er wird den Fehler sicherlich nicht noch einmal machen."

© sueddeutsche.de/liv
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