bedeckt München 18°

Griechenlands Wahlgewinner Tsipras:Spott für die "Merkelisten"

Besonders die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wurde von Tsipras immer wieder verbal angegriffen. Und die Vorsitzenden der griechischen Traditionsparteien, Antonis Samaras (Konservative) und Evangelos Venizelos (Sozialisten), nannte er verächtlich "politische Verräter" und "Merkelisten" - eben Leute, die der deutschen Kanzlerin nichts entgegenzusetzen hätten - anders als er.

Tsipras sagt, was viele Griechen, die in den vergangenen Jahren und Monaten ihren Job verloren haben, die sich Sorgen um ihre Zukunft und die ihrer Kinder machen, hören wollen. Sie versprechen sich von ihm ein besseres Leben. "Die Hoffnung kommt", das rief der Hoffnungsträger den Hoffnungssuchenden in den vergangenen Wochen immer wieder zu. Und: Dass jetzt Schluss sei mit der Ausbeutung des Landes durch die internationalen Kreditgeber, mit Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Und vor allem mit der Korruption im Land. Dafür jubelten ihm Tausende bei seinen Wahlkampfauftritten zu.

In Griechenland hat Tsipras in den vergangenen zehn Jahren viel erreicht. Unter seiner Führung - 2004 wurde Tsipras zum Präsidenten gewählt - erlebte das einst lose, randständige Bündnis der radikalen Linken einen fulminanten Aufstieg - von 4,6 Prozent im Jahr 2009 auf über 35 Prozent jetzt, 2015.

Tsipras' Anhänger finden sich in der alten Generation der Linken, aber auch bei den Kommunisten - bei all denjenigen, die seit Jahrzehnten auf eine sozialistische Wende warten und immer wieder enttäuscht wurden. Gleichzeitig spricht er auch die junge Generation an. Es sei an der Zeit, einen Schlussstrich unter das Klientelsystem der Konservativen und Sozialisten zu ziehen, die seit 1974 Griechenland regieren.

Zu Beginn seiner Karriere gab Tsipras ganz den Kommunisten, forderte die Verstaatlichung der Produktionsmittel. Zuletzt kopierte er den früheren griechischen Sozialistenführer Andreas Papandreou. Endlich werde das Volk an die Macht kommen, proklamierte er - so wie Papandreou 35 Jahre zuvor. Und in den Monaten vor der Wahl gab er sich sogar fast zahm. Den Euro wolle er retten, nicht zusammenbrechen lassen. Seine Partei sei "kein Ungeheuer". Um diplomatische Kontakte zu knüpfen, reiste Tsipras durch Europa, versuchte Ansprechpartner auch in Berlin zu finden.

Schreckensszenario für die Geldgeber

Von dort hieß es da, man werde sich schon arrangieren mit dem Radikalen. In den europäischen Hauptstädten bereitete man sich auf das Unvermeidliche vor - hoffte aber insgeheim, dass Tsipras einen Koalitionspartner wie die neue Mitte-Links-Partei To Potami ("Der Fluss") brauchen würde, der mäßigend auf ihn einwirkt. Doch diese Hoffnung könnte enttäuscht werden, wenn Syriza doch noch die absolute Mehrheit erreicht.

Ein Linksbündnis Syriza mit Alexis Tsipras an der Spitze, das Griechenland alleine regiert: für die internationalen Geldgeber des Landes ist das ein Schreckensszenario. Berlin, die EU-Kommission, der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank - alle für das Land wichtigen Partner lehnen einen Schuldenschnitt ab. Trotzdem werden die Euro-Partner wohl mit Tsipras verhandeln. Es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl. Tsipras wird seine Verhandlungspartner ohne Krawatte empfangen. Vorerst.

© Süddeutsche.de/leja/fued
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema