Süddeutsche Zeitung

Griechenlands Wahlgewinner Tsipras:"O Alexis" - Ein Revoluzzer triumphiert

Sein Aufstieg in der griechischen Polit-Szene ist beispiellos, die Wähler hat Alexis Tsipras mit jungenhaftem Charme überzeugt. Doch der linke Syriza-Chef punktete auch mit Parolen gegen Deutschland und Kanzlerin Merkel.

Von Sebastian Gierke

Alexis Tsipras' Krawatte, davor fürchten sich viele europäische Politiker und Notenbanker. Denn die Krawatte, die will der Wahlgewinner in Griechenland erst anlegen, wenn er für Griechenland einen Schuldenschnitt erreicht hat. Einen Schuldenschnitt, den in Europa außerhalb von Griechenland kaum einer will. Der gewaltige Triumph bei der griechischen Parlamentswahl, der es ihm sogar ermöglichen könnte, alleine zu regieren, ist für Tsipras jedenfalls nur ein erster Schritt.

Am Abend des Triumphes erklärte der designierte Premierminister, Griechenland schlage eine neue Seite auf. "Wir haben heute Geschichte geschrieben", sagte Tsipras vor Tausenden jubelnden Wählern seiner Partei im Zentrum Athens. Gleichzeitig aber signalisierte er seine Bereitschaft, über die Lösung des Problems des griechischen Schuldenberges zu verhandeln. "Ab morgen beginnt die harte Arbeit", sagte Tsipras.

Ein Showtalent, rhetorisch brillant, freundlich, jugendlich, das ist Alexis Tsipras. Ein Polit-Star. Der 40-Jährige versteht es, die Menschen für sich und seine Ideen zu begeistern. Mit offenem Hemdkragen, einem breiten offenen Lächeln, mit großen, ausladenden Gesten. "O Alexis" (Der Alexis), so nennen sie ihn in seiner Heimat. Und ohne "O Alexis" wird künftig im politischen Griechenland nicht mehr viel entschieden werden.

"Barbarei" und "große Verbrechen"

Der streitlustige Vorsitzende der griechischen Linkspartei Syriza hat große Pläne, radikale Pläne, Pläne, die von den europäischen Partnern nicht sonderlich freundlich aufgenommen werden dürften. Die Vereinbarungen Griechenlands mit den Kreditgebern von EU und Internationalem Währungsfonds kritisiert Tsipras als "Barbarei" und als "großes Verbrechen", begangen am griechischen Volk. "Wutfänger" haben sie den 40-Jährigen deshalb in Griechenland getauft.

Zum Abschluss seiner Reden lässt Tsipras gerne Leonard Cohen spielen: "First we take Manhattan then we take Berlin". Eine Kampfansage, wie sie der 40-Jährige so gerne macht. Im Wahlkampf hat er angekündigt, eine Allianz gegen Deutschland schmieden zu wollen. Spanier, Portugiesen, Italiener, Franzosen und Griechen sollen sich gemeinsam erheben, gegen das Spardiktat aus Berlin kämpfen.

Spott für die "Merkelisten"

Besonders die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wurde von Tsipras immer wieder verbal angegriffen. Und die Vorsitzenden der griechischen Traditionsparteien, Antonis Samaras (Konservative) und Evangelos Venizelos (Sozialisten), nannte er verächtlich "politische Verräter" und "Merkelisten" - eben Leute, die der deutschen Kanzlerin nichts entgegenzusetzen hätten - anders als er.

Tsipras sagt, was viele Griechen, die in den vergangenen Jahren und Monaten ihren Job verloren haben, die sich Sorgen um ihre Zukunft und die ihrer Kinder machen, hören wollen. Sie versprechen sich von ihm ein besseres Leben. "Die Hoffnung kommt", das rief der Hoffnungsträger den Hoffnungssuchenden in den vergangenen Wochen immer wieder zu. Und: Dass jetzt Schluss sei mit der Ausbeutung des Landes durch die internationalen Kreditgeber, mit Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Und vor allem mit der Korruption im Land. Dafür jubelten ihm Tausende bei seinen Wahlkampfauftritten zu.

In Griechenland hat Tsipras in den vergangenen zehn Jahren viel erreicht. Unter seiner Führung - 2004 wurde Tsipras zum Präsidenten gewählt - erlebte das einst lose, randständige Bündnis der radikalen Linken einen fulminanten Aufstieg - von 4,6 Prozent im Jahr 2009 auf über 35 Prozent jetzt, 2015.

Tsipras' Anhänger finden sich in der alten Generation der Linken, aber auch bei den Kommunisten - bei all denjenigen, die seit Jahrzehnten auf eine sozialistische Wende warten und immer wieder enttäuscht wurden. Gleichzeitig spricht er auch die junge Generation an. Es sei an der Zeit, einen Schlussstrich unter das Klientelsystem der Konservativen und Sozialisten zu ziehen, die seit 1974 Griechenland regieren.

Zu Beginn seiner Karriere gab Tsipras ganz den Kommunisten, forderte die Verstaatlichung der Produktionsmittel. Zuletzt kopierte er den früheren griechischen Sozialistenführer Andreas Papandreou. Endlich werde das Volk an die Macht kommen, proklamierte er - so wie Papandreou 35 Jahre zuvor. Und in den Monaten vor der Wahl gab er sich sogar fast zahm. Den Euro wolle er retten, nicht zusammenbrechen lassen. Seine Partei sei "kein Ungeheuer". Um diplomatische Kontakte zu knüpfen, reiste Tsipras durch Europa, versuchte Ansprechpartner auch in Berlin zu finden.

Schreckensszenario für die Geldgeber

Von dort hieß es da, man werde sich schon arrangieren mit dem Radikalen. In den europäischen Hauptstädten bereitete man sich auf das Unvermeidliche vor - hoffte aber insgeheim, dass Tsipras einen Koalitionspartner wie die neue Mitte-Links-Partei To Potami ("Der Fluss") brauchen würde, der mäßigend auf ihn einwirkt. Doch diese Hoffnung könnte enttäuscht werden, wenn Syriza doch noch die absolute Mehrheit erreicht.

Ein Linksbündnis Syriza mit Alexis Tsipras an der Spitze, das Griechenland alleine regiert: für die internationalen Geldgeber des Landes ist das ein Schreckensszenario. Berlin, die EU-Kommission, der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank - alle für das Land wichtigen Partner lehnen einen Schuldenschnitt ab. Trotzdem werden die Euro-Partner wohl mit Tsipras verhandeln. Es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl. Tsipras wird seine Verhandlungspartner ohne Krawatte empfangen. Vorerst.

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