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Wahl-Watcher zur Bundestagswahl:"Man nimmt den Wählern die Chance, sich mit den Inhalten von Politik auseinanderzusetzen"

Vielleicht hat Martin Schulz Angst, die Menschen erst recht zu überfordern, wenn er immer wieder sagt, die Welt sei zu komplex, um sie zu überblicken.

Komplex heißt ja nicht gleich zu komplex. Schulz verspielt eine Trumpfkarte der SPD auf diese Weise. Zumal unsere Forschung auch zeigt: Sogar konservativ eingestellte Menschen tendieren zu progressiven politischen Entscheidungen, wenn sie mit zusammenhängenden Faktoren und systemischem Denken konfrontiert werden. Er könnte also sogar neue Wähler gewinnen, wenn er diese Strategie stärker verfolgt.

Wovon hängt es ab, ob jemand eher systemisches Denken oder eher direkt-kausales Denken bevorzugt?

Das ist eine psychologische Präferenz, die anders als man vielleicht vermuten könnte, nicht mit Intelligenz oder Bildungsstand zusammenhängt. Vielmehr ist sie durch bestimmte Lebenserfahrungen geprägt: Wenn etwa Menschen Literatur lesen, steigt ihr Empathievermögen und ihre Fähigkeit unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Das hilft beim systemischen Denken.

Dass Politiker eher zu einfachen Antworten tendieren, kann aber doch auch eine Folge der Berichterstattung sein: Allzu oft werden gerade komplexe Sachverhalte heruntergebrochen, um sie verständlich und anschaulich zu machen.

Das stimmt. Vor diesem Hintergrund ist auch interessant, dass Schulz sich entschieden hat, sein Interview über das Thema Flüchtlinge der Bild am Sonntag zu geben, wo nicht das gesamte Gespräch im Wortlaut, sondern nur einzelne Sätze oder sogar nur Worte zitiert wurden. Hier fand eine zusätzliche Vereinfachung statt, die seiner Aussage geschadet und ihn in der Folge zum Rückzug bei der Thematik veranlasst haben könnte.

Kommen wir noch kurz zur Medien- und also auch Selbstkritik. Gerade weil offenbar alles auf Merkels Wiederwahl hinausläuft, konzentrieren sich viele Kommentatoren darauf, die Taktik der Kandidaten zu analysieren. Werden Wahlkämpfe so lange auseinandergenommen, bis von politischen Inhalten nichts mehr übrig bleibt?

Man muss gerade in Wahlkampfzeiten die Strategien der Kandidaten und Parteien in den Blick nehmen; aber auch mir fällt auf, dass diese Ebene momentan sehr im Vordergrund steht. So provozierte Schulz' Vorstoß in der Flüchtlingspolitik vor allem die Frage: Aus welchen taktischen Gründen brachte er dieses Thema gerade jetzt und hat er sich damit ins eigene Fleisch geschnitten? Eine andere Reaktion hätte lauten können: Was genau hat er in der Sache vor? Wie will er das konkret angehen? Wenn man diese Fragen nicht stellt, nimmt man den Wählern die Chance, sich mit dem Wesentlichen, den Inhalten von Politik auseinanderzusetzen.

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Elisabeth Wehling, geboren 1981 in Hamburg, ist Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin an der University of California, Berkeley. Sie erforscht, wie politische Sprache und Ideologien wirken, unter anderem mit Hirnscans. In ihrem Buch Auf leisen Sohlen ins Gehirn (zusammen mit George Lakoff, Carl-Auer-Verlag) zeigt sie die "heimliche Macht" politischer Sprache. Zuletzt erschien von ihr der Bestseller "Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" (Halem Verlag).

Wahl-Watcher

Zur Interviewserie "Wahl-Watcher": In den Monaten vor der Bundestagswahl treten die Konturen der politischen Kultur in Deutschland besonders deutlich hervor. Deshalb beobachten vier ausgewählte Intellektuelle den Wahlkampf und erklären in regelmäßigen Interviews, was dieser über den Politikbetrieb und das Land und seine Bürger aussagt: Die Schriftstellerin Thea Dorn, der Philosoph Michael Hampe, die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling und der Historiker Martin H. Geyer werfen einen Blick auf Deutschland und seine Themen in diesem Wahljahr.

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