Wahl-Watcher zur Bundestagswahl "Dank Trump wissen die Menschen, was bei einer Wahl auf dem Spiel steht"

Falls es diese starke Konzentration auf die Außenpolitik gibt - wird sie sich eher positiv oder negativ auf die politische Debatte in den kommenden Wochen auswirken?

Ich erwarte, dass der Wahlkampf ein ruhiger und besonnener sein wird, mit eher wenig Emotionalisierungspotenzial. In Deutschland steht - zum Glück - keine solche Schicksalsentscheidung an wie vor einigen Monaten in den USA oder jetzt in Frankreich. Unsere beiden Kandidaten, Schulz und Merkel, verkörpern ja nur zwei Ausrichtungen eines sehr ähnlichen Programms: der bürgerlichen Sozialdemokratie. Der eine ist ein wenig sozialdemokratischer, die andere ein wenig bürgerlicher. Die einzig entscheidende Frage wird sein, ob es zu Rot-Rot-Grün kommen könnte.

Früher hätten Sie diese Gleichförmigkeit vermutlich heftig kritisiert. In Ihrem Buch "Ach, Harmonistan" von 2010 warfen Sie der deutschen Politik vor, die Harmonie zur Ideologie zu erheben, und forderten mehr Auseinandersetzung und klarere Fronten.

Ja, tatsächlich sind es für mich gerade verwirrende Zeiten. Inzwischen bin ich froh darüber, dass in Deutschland die Politik so langweilig ist. Denn das heißt auch, dass Politiker zivilisiert miteinander reden können und dass wir eine stabile Mitte haben. Ich war gerade längere Zeit in den USA - was ich dort erlebt habe, hat mich umdenken lassen. Dort sind die Fronten nicht nur klar, sondern so verhärtet, dass Hemmschwellen fallen. Denken Sie daran, wie Hunderte Leute "Lock her up!" skandierten und forderten, Hillary Clinton solle eingesperrt werden. Da wurden Mobgelüste entfesselt. Angesichts dessen bin ich froh über den Kuschelkurs in der Bundesrepublik.

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In einem Ihrer Essays wünschten Sie Angela Merkel zum Amtsantritt Erfolg - auch, weil sie eine Frau ist. Wie fällt Ihre Bilanz nach zwölf Jahren Merkel aus?

Ich habe von Angela Merkel nie erwartet, dass sie feministische Politik macht. Und das hat sie auch nicht. Vielmehr fand ich es angenehm zu sehen, wie es ist, wenn da oben eine Frau ist. Aber das reicht jetzt auch wieder. Inhaltlich bin ich von Merkel enttäuscht. Die Kanzlerin hält das Steuer sehr, sehr fest in der Hand, aber sie segelt auf Sicht, ohne festen Kurs. Obwohl sie Protestantin ist, fehlt ihr die Sturheit, die etwa ein Helmut Schmidt hatte, und die ich ihr anfangs auch zugetraut hätte. Sie handelt mir nicht konsequent genug. Insbesondere gegenüber Erdoğan tritt sie mir viel zu defensiv auf. Außerdem gelingt es ihr nicht, den Bürgern in Deutschland das Gefühl zu vermitteln, sie würde ihre Gegenwartsängste wirklich verstehen.

Welche Ängste meinen Sie?

Unsere Welt befindet sich seit zehn, fünfzehn Jahren im Turbobeschleunigungsgang: die Digitalisierung, die Veränderungen in Arbeitswelt und Familienstrukturen, die Folgen der Globalisierung - wer heute sagt, dass ihn das überfordert, der wird lächerlich gemacht oder als rückständig wahrgenommen. Dabei kann einem bei dieser Geschwindigkeit tatsächlich Angst und Bange werden. Man ist noch lange nicht reaktionär, wenn man sagt: "Holla, mir geht das alles zu schnell." Dass es da eine Sehnsucht gibt nach Leuten, die Beständigkeit versprechen und sich gegen den fortschrittsbeschwipsten Zeitgeist positionieren, ist ein verständliches Bedürfnis. Der Politik, aber auch den Medien gelingt es nicht, damit klug umzugehen.

Bietet nicht die Literatur eine Möglichkeit, mit der Unsicherheit und diesem Unbehagen produktiv umzugehen?

Sicher, das ist einer der Gründe, warum ich mich in meinem letzten Roman mit Gentechnik beschäftigt habe. Aber natürlich haben wir Schriftsteller es leichter als die Politiker: Wir haben unsere Arbeit getan, wenn es uns gelingt, dem Unbehagen nachzuspüren, die Ängste präzise aufs Papier zu bringen. Politiker müssen Lösungen vorschlagen.

Eine Partei, die zumindest versucht, auf die Unsicherheit und Überforderung vieler Menschen zu reagieren und aus ihnen politisches Kapital zu schöpfen, ist die AfD.

Indem sie simple Lösungen verspricht, die natürlich nicht funktionieren. Ich glaube, die große AfD-Welle ist inzwischen durch, der momentane Zustand der Partei ist lausig, wie man auch auf dem Parteitag gesehen hat. Einerseits fehlt ihr - zum Glück - eine starke Führungsfigur. Andererseits hat ihr der Trump-Schock geschadet. Die Welt sieht ja gerade, dass es nichts bringt, aus einem Protestgefühl heraus eine rabiate Laienspielgruppe an die Macht zu wählen. Statt der versprochenen Stärke erleben die Amerikaner vor allem eins: Inkompetenz und Chaos. Vermutlich ist es das Einzige, wofür wir Trump dankbar sein sollten: Dass er den Unzufriedenen in Europa die Illusion nimmt, es wäre eine gute Idee, sein Kreuz aus Zorn beim Lautesten zu machen.

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Thea Dorn, geboren 1970 in Offenbach am Main, ist Schriftstellerin und Moderatorin, seit Kurzem auch regelmäßig im "Literarischen Quartett". In ihren Essays und Büchern ergründet sie die politische Kultur und die Gesellschaft in Deutschland, zum Beispiel in "Ach, Harmonistan" oder "Die deutsche Seele". Zuletzt erschien von ihr der Roman "Die Unglückseligen" (Knaus-Verlag).

Wahl-Watcher

Zur Interviewserie "Wahl-Watcher": In den Monaten vor der Bundestagswahl treten die Konturen der politischen Kultur in Deutschland besonders deutlich hervor. Deshalb beobachten vier ausgewählte Intellektuelle den Wahlkampf und erklären in regelmäßigen Interviews, was dieser über den Politikbetrieb und das Land und seine Bürger aussagt: Die Schriftstellerin Thea Dorn, der Philosoph Michael Hampe, die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling und der Historiker Martin H. Geyer werfen einen Blick auf Deutschland und seine Themen in diesem Wahljahr.

Hier können Sie sich an der Serie beteiligen und uns Ihre Fragen und Anregungen schicken.