Wahl in Großbritannien Wie der Altlinke Corbyn Labour wiederbelebte

Jeremy Corbyn bei einer Wahlkampfveranstaltung am Wochenende vor der Wahl.

(Foto: Getty Images)

Die Konservativen haben Jeremy Corbyn als "zu links" und "unwählbar" diskreditiert. Trotzdem holte Labour 40 Prozent, so viel wie seit Tony Blair nicht mehr. Die Gründe.

Analyse von Matthias Kolb

Es ist ein äußerst bemerkenswertes Ergebnis: Die haushohe Favoritin, Premierministerin Theresa May, verliert ihre absolute Mehrheit bei der Neuwahl in Großbritannien. Sie kommt laut BBC-Prognose mit ihren Tories nur auf etwa 318 der 650 Sitze. Und Labour-Spitzenkandidat Jeremy Corbyn, den fast alle Experten als "zu links" und "unwählbar" bezeichnet haben, führt die Oppositionspartei zu einem nicht für möglich gehaltenen Erfolg: Etwa 30 zusätzliche Labour-Abgeordnete werden ins Parlament einziehen - und dabei lagen die Konservativen in Umfragen 24 Prozentpunkte vor Labour, als May die Neuwahl Mitte April ausrief.

Noch erstaunlicher allerdings: Der Stimmenanteil von Labour stieg innerhalb von zwei Jahren von 31 Prozent auf etwa 40 Prozent. Zu diesem großen Erfolg trugen mehrere Faktoren bei:

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Labour setzte auf Gerechtigkeit und verdammte den Sparkurs. Auf dem Wahlprogramm stand "For the many, not the few", der Slogan der Labour-Kampagne. Corbyns Prioritäten und das Versprechen, für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen und Millionen Bürgern zu helfen, kamen offenbar an. Corbyn verdammt seit Jahren die Sparpolitik der Tories und stand glaubwürdig für einen Kurswechsel. Er wirbt für mehr Investitionen in Bildung (etwa Abschaffung von Studiengebühren, die zuletzt verdreifacht wurden) und das Gesundheitssystem NHS, er will die Post und die Eisenbahnen verstaatlichen sowie einen Mindestlohn von zehn Pfund. Finanziert werden sollen diese Wohltaten ausschließlich durch höhere Steuern für wohlhabende Bürger und Unternehmen.

Jeremy Corbyn hat als Person überzeugt. Theresa May setzte die Neuwahl an, obwohl sie dies lange ausgeschlossen hatte - und erzwang so eine Abstimmung über sich selbst. Es ging also auch um Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit, und hier überzeugte Jeremy Corbyn viel mehr (hier ein Porträt). Ihm merkte man an, dass er vom Programm seiner Partei überzeugt ist und er ließ sich auch von den zahlreichen Kritikern innerhalb von Labour nicht einschüchtern. Anders als May, die TV-Debatten verweigerte und den Kontakt mit den Wählern scheute, war der 68-Jährige zugleich menschennah, wirkte bei seinen Auftritten gelassen, oft souverän und nicht wie der radikale Revolutionär, als den ihn die Konservativen dargestellt hatten. Sie wollten ihn als einen zeichnen, dem man die Brexit-Verhandlungen nicht anvertrauen könne. Und gleichzeitig gab es Zehntausende, die Corbyn wie einen Messias verehren und wochenlang rund um die Uhr an Haustüren klopften. Einen solchen Enthusiasmus gab es für keine andere Partei.

Die jungen Briten sind an die Urnen gegangen. Der Aktivist Owen Jones, der wochenlang für Labour trommelte, sagte eine Woche vor der Wahl zur SZ: "Die junge Generation leidet besonders unter den Folgen der Finanzkrise und der Sparpolitik der Tories." Die Millennials verfolgten genau, dass Banken nach der Finanzkrise mit Milliarden gerettet wurden und ihr Alltag immer rauer wurde. Unsichere Jobs, sinkende Lebensstandards und wenig Chancen auf eine Immobilie, wenn man sie nicht erben kann: Die jungen Briten wollten kein "Weiter so". Sie sahen in Corbyn den Mann, der dies durchsetzen könnte. Das Brexit-Votum wurde von vielen als Verrat der alten Generation angesehen, die den Jüngeren ihre Zukunft nimmt. Auch dies wird dazu geführt haben, dass gerade Studenten klar wurde: Es ist falsch und riskant, nicht wählen zu gehen.

Viele, viele neue Wähler. Dass Corbyn 2015 überhaupt Labour-Chef wurde, verdankt er den Gewerkschaften und Zehntausenden jungen Leuten, die der Partei vor allem beitraten, um ihn zu wählen. Diese Leute trommelten erneut für ihn und waren sicher, dass sie Bürger mobilisieren, die sonst nicht wählen gehen. Allein eine Million junge Briten haben sich zuletzt als Wähler registrieren lassen - so etwas hatte es nie zuvor gegeben. Aber auch Ältere ließen sich mitreißen, wie ein Guardian-Korrespondent aus Wales schilderte: "Die Menge, die in Colwyn Bay Corbyn sehen wollte, war so riesig, dass sich viele fragten: 'Leben hier überhaupt so viele Menschen?'"

Mit knapp 69 Prozent lag die Wahlbeteiligung deutlich höher als bei der Parlamentswahl 2015.

Mobilisierung durch Internet und Social Media. Das eindeutige Vorbild für die Wahlkampagne von Jeremy Corbyn ist der Wahlkampf von Bernie Sanders in den USA - und hier spielt Social Media eine große Rolle. Corbyn sieht sich als Anführer einer Bewegung, an deren Spitze er steht, und seine Anhänger posten auf Facebook und Twitter im Minutentakt kurze Videos über ihren Helden Corbyn. Das Internet wurde nicht nur genutzt, um Spenden zu sammeln - online wurden auch die Aktivisten rekrutiert und geschult, die für den 68-jährigen Corbyn trommelten.

Seine Fans schwärmen davon, dass Corbyn seit seinem Einzug ins Parlament 1983 für progressive und linke Werte steht. Dank Youtube kann jeder sehen, wie der bärtige Abgeordnete 1990 die damalige Premierministerin Thatcher attackierte und die herrschende Armut im Königreich als "nationale Schande" bezeichnete - oder wie er 2003 vor den Folgen der Invasion in den Irak warnte und sich damit gegen den Parteifreund Tony Blair stellte. Der war damals Premierminister - und hatte bei seinen Wahlsiegen 1997 und 2001 mit 43 beziehungsweise 40,3 Prozent ähnliche hohe Stimmenanteile erreicht.

Es ist ein wirklich bemerkenswertes Ergebnis.

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