Theresa May Die Abtaucherin

Theresa May auf Wahlkampftour; aufgenommen am 6. Juni in Fleetwood im Nordwesten Englands.

(Foto: Getty Images)

Theresa May verschwindet gerne aus der Öffentlichkeit, wenn die Luft dünn wird - und kommt wieder, wenn sie einen Plan hat. Als Wahlkämpferin war das nicht mehr möglich. Das Ergebnis ist verheerend.

Kommentar von Christian Zaschke, London

Wenn die vergangenen Wochen eine Neuigkeit über das Personal der britischen Politik hervorgebracht haben, dann die, dass Theresa May eine fürchterliche Wahlkämpferin ist. Selbst ihre konservativen Parteifreunde dürfte verwundert haben, wie die Frau, die sich so oft als "stark und stabil" beschrieben hatte, durch ihre Kampagne taumelte. Donnerstag erhielt sie bei der Parlamentswahl die Quittung dafür: Anstatt wie erhofft ihre Mehrheit auszubauen, hat sie in der Nacht ihre absolute Mehrheit verloren. Zuzuschreiben hat sie sich das selber, denn unter anderem war es ihr gelungen, eines ihrer Wahlversprechen schon vor der Wahl zu brechen.

Eigentlich hatte sie versprochen, das Problem der Pflegekosten in den Griff zu bekommen. Ihre Idee: Ältere Menschen sollten unbeschränkt selbst für ihre Pflege aufkommen, bis ihre Reserven auf 100 000 Pfund geschrumpft sind. Die Medien sprachen von einer Demenz-Steuer, es war ein PR-Desaster. Wenn May sich mit ihren Kabinettskollegen unterhalten hätte, dann hätten diese ihr wohl gesagt, dass das Vorhaben einen interessanten Ansatz darstelle, dass man so etwas aber nicht ohne weitere Vorbereitung kurz vor der Wahl verkünde.

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Die Premierministerin will sich um elf Uhr zu dem Ergebnis äußern. Labour spielt schon mit dem Gedanken einer Minderheitsregierung.

Die Maßnahme hätte vor allem wohlhabendere Senioren getroffen, und die wählen mit überwältigender Mehrheit die Konservativen. Aber May hatte sich nicht mit ihren Kabinettskollegen unterhalten. Sie hat sich seit ihrem Amtsantritt im Juli vergangenen Jahres mit einem kleinen Kreis von Beratern verschanzt, der die Dinge unter sich ausmacht. Ergebnis: Sie musste den Vorstoß zurückziehen.

Premierministerin May hat einen desaströsen Wahlkampf geführt

Bevor sie Premierministerin wurde, war May sechs Jahre lang Innenministerin, was bemerkenswert ist, da der Posten als Schleudersitz gilt. Geschafft hat sie das unter anderem, indem sie abtauchte, wenn die Luft dünn wurde. Teilweise war sie wochen- oder gar monatelang nicht zu sehen, bis sie sich mit einer wohlgeplanten Offensive zurückmeldete.

Während der Debatte über den Brexit führte sie diese Taktik beispielhaft vor. Sie gab pro forma bekannt, dass sie natürlich an der Seite von Premierminister David Cameron stehe und für den Verbleib in der EU sei - und ward fortan nicht mehr gesehen. Als alles vorüber war und Großbritannien für den Austritt votiert hatte, tauchte sie wieder auf, um Camerons Posten zu übernehmen und den Anhängern des Brexit ein Land zu versprechen, in dem Milch und Honig fließen.

Als Premierministerin und vor allem als Wahlkämpferin ist es allerdings keine Option, einfach mal eine Weile aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, wenn es schwierig wird. In diesen Wochen hat das Land May deshalb besser kennengelernt - als Frau, die die Debatte scheut, die auf Fragen mit Phrasen antwortet und keine größere Idee von Politik zu haben scheint. Am entschiedensten äußert sie sich, wenn es darum geht, dass deutlich weniger Einwanderer kommen sollen und Großbritannien nichts mehr mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu tun haben soll. Von diesen Themen ist sie regelrecht besessen.

Da sie, als ihr Wahlkampf ins Stocken geriet und die Labour-Partei in den Umfragen aufholte, sich nicht wie gewohnt zurückziehen konnte, hat sie etwas Ähnliches versucht. Viele ihrer Auftritte hatte sie in Fabrik- und Werkshallen - meist jedoch nicht vor Menschen, die dort arbeiten, sondern vor ausgewählten Aktivisten. Die Arbeiter wurden heimgeschickt. May sagte mehrmals, sie genieße den Wahlkampf und möge es, kreuz und quer durchs Land zu reisen, um Wähler zu treffen. Das war die vielleicht bizarrste Aussage des Wahlkampfs, weil sie so erkennbar gar nichts mit der Realität zu tun hatte.

Ganz gleich, was man von den Parteiprogrammen hält: Während Labour-Chef Jeremy Corbyn auf die Menschen zuging und Begeisterung unter Anhängern entfachte, war Mays Wahlkampf eine Zumutung. Corbyn konnte vielleicht nicht mit seinem Programm überzeugen, das Fragen nach der Finanzierbarkeit aufwirft, aber mit seiner Persönlichkeit. Selbst Gegner räumten ein, dass er kohärent ist in Auftreten und Handeln.

May versuchte, die Wähler mit Slogans abzuspeisen. Sie behandelte sie nicht wie Erwachsene. Bezüglich der Verhandlungen mit Brüssel über den Austritt aus der EU hat May gesagt: "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal." Ein Leser der Financial Times griff diese Aussage auf, als er den wohl treffendsten Leserbrief des Jahres formulierte: "Sir, ich befinde mich in meinem achten Lebensjahrzehnt und finde, dass dieser Wahlkampf der erste ist, der Grund zur Erwägung eines neuen Slogans gibt: ,Kein Premierminister ist besser als ein schlechter Premierminister.' Stehe ich damit allein?" Die Antwort lautet: nein.

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