Wahl in den Niederlanden Wie der junge Grünen-Chef zum großen Wahlgewinner wurde

"Es hat sich doch gelohnt, oder?" Die niederländischen Grünen unter Führung von Jesse Klaver, 30, haben die Anzahl ihrer Mandate im Parlament fast vervierfacht.

(Foto: Robin van Lonkhuijsen/AFP)

Jesse Klavers Partei hat die Zahl ihrer Mandate bei der Wahl in den Niederlanden fast vervierfacht. Die nationale Rechtsdrift hat Platz für klassische linke Politik geschaffen.

Von Frank Nienhuysen

Als er seiner Frau genug Küsschen gegeben und sich für all die Abende ohne ihn entschuldigt hatte, da senkte er den Kopf, ließ die Schultern hängen, atmete tief aus und fragte: "Aber es hat sich doch gelohnt, oder?" Jesse Klaver, 30, die Ärmel des weißen Hemdes lässig aufgekrempelt, hat gezeigt, dass man dem europaweiten Rechtstrend selbstbewusst trotzen und damit sogar erfolgreich sein kann.

Klaver ist Vorsitzender der niederländischen Grün-Links-Partei, und er hat die Zahl ihrer Parlamentssitze fast vervierfacht. In Amsterdam, der größten Stadt der Niederlande, einst eine uneinnehmbare Hochburg der Sozialdemokraten, ist Grün-Links nun sogar die stärkste Partei. Eine Überraschung? Eine Sensation.

Klaver stammt aus einer der vielen Einwandererfamilien

Klaver liegt insofern im Trend, als er so wenig Polit-Establishment verkörpert wie kein anderer seiner angetretenen Konkurrenten. Geert Wilders poltert immerhin schon seit mehr als zehn Jahren gegen Europa und den Islam. Die niederländischen Medien können sich nicht daran erinnern, dass jemals ein Parteichef derart jung war wie Jesse Klaver. Und er versprüht eine neue Lust auf alte landestypische Eigenschaften: Weltoffenheit, Toleranz, radikales Umweltbewusstsein. Die nationale Rechtsdrift mehrerer Parteien, ausgelöst durch Wilders, sowie der Absturz der Sozialdemokraten haben in den Niederlanden neuen Platz geschaffen für klassische linke Politik. Und der junge Grünenchef hat ihn entschlossen besetzt.

Die Kraft der Windräder will er stärker nutzen, Kohlekraftwerke schließen. Im Klimawandel sieht Klaver eine fundamentale Bedrohung, und wer, wenn nicht die Niederländer, müsste sich fürchten vor einem Anstieg des Meeresspiegels und steigenden Wassermengen, die flussabwärts auf das flache Nordsee-Land zuströmen. Auch mit seiner einwandererfreundlichen Haltung erreicht er offenbar große Teile der Bevölkerung.

Klaver stammt selbst aus einer der vielen Einwandererfamilien. Sein Vater, den er kaum kannte, ist aus Marokko, seine Mutter hat indonesische Wurzeln. Solidarität, Gerechtigkeit, bereichernde Vielfalt, all das fordert der Grünenchef wieder ein für die Niederlande. Ein junger Bernie Sanders, ein bisschen Justin Trudeau - Jesse Klaver sind derlei Vergleiche nicht unrecht. Aber reicht sein Erfolg auch für die Regierung?

Grün-Links zählt zu den Parteien in den Niederlanden ohne jegliche Regierungserfahrung, bisher stets zu unbedeutend, zu links. Nun aber spielt sie in den Spekulationen über eine Vier-Parteien-Koalition eine Rolle. Der starke Stimmenzuwachs macht Klaver zum "einzigen echten Gewinner" der Wahl, wie ein Kolumnist des NRC Handelsblad schreibt - und mit einem Mal attraktiv. Er verdiene "einen königlichen Sessel" bei der Koalitionsbildung. Für eine linke Regierung reicht das Ergebnis nicht. Aber Klavers Erfolg, schreibt der Kolumnist, könne Premier Mark Rutte dazu zwingen, den verschwundenen Idealismus in der niederländischen Politik wieder hervorzuholen.

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