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Parteien vor der Bundestagswahl:Konflikt zwischen den Generationen

Aber auch in dieser Frage seien nicht alle Spätaussiedler gleich. "Einige Freunde meiner Eltern sind Russland gegenüber kritischer als jeder Deutsche", sagt Schaad. Das habe viel damit zu tun, wie sie die Sowjetunion erlebt haben. "Diejenigen, die dort diskriminiert wurden, weil sie zum Beispiel Juden oder eben Deutsche waren, lassen an der ehemaligen Sowjetunion kein gutes Haar."

Es bleibt also kompliziert. Auch zwischen den Generationen, sagt Dmitri Geidel. "In der Krim-Krise gab es einen massiven Konflikt zwischen jüngeren Russlanddeutschen, die sich eher Deutschland verbunden fühlen, und ihren Eltern und Großeltern." Ein Konflikt übrigens, wie er in russlanddeutschen Familien bisher niemals aufgetreten ist. "Für die ältere Generation war es unheimlich schwer, dass die Kinder den Eltern auf einmal widersprechen."

Und dann kam auch noch der "Fall Lisa" - in dem es eigentlich um die deutsche Flüchtlingspolitik ging. Was störte die Russlanddeutschen? SPD-Politiker Geidel ist es erst einmal wichtig zu betonen: Nicht alle. "Es haben auch Russlanddeutsche in Marzahn Turnhallen für Flüchtlinge hergerichtet."

Dann eben: Was störte diejenigen, die die deutsche Flüchtlingspolitik falsch fanden? "Wenn man sie fragt, kommt erst einmal: Die haben eine andere Kultur, die passen nicht hierher." Eine Haltung, die viele der älteren Generation noch aus der Sowjetunion mitgebracht hätten. "Das war zwar offiziell eine multikulturelle Gesellschaft, doch gegenüber bestimmten Gruppen gab es starke Vorurteile." Muslime gehörten dazu ebenso wie Juden.

"Die Russen" hat niemand am Bahnhof begrüßt

Doch das allein sei es nicht. "Wenn das Gespräch eine Weile andauert, dann kommen ganz andere Themen", sagt Geidel. Zum Beispiel der Familiennachzug. Er nennt ein Beispiel: Ein russlanddeutscher Mann kam mit seiner russischen Frau in den 90er Jahren nach Deutschland. Die russischen Eltern der Frau, damals noch berufstätig, blieben in Russland. Heute sind sie alt, vielleicht pflegebedürftig. Die Kinder möchten sie gern nach Deutschland holen. "Sie müssten nun nachweisen, dass sie selbst für die Eltern aufkommen können, dass sie den deutschen Staat nichts kosten", sagt Geidel. Wenn das Ehepaar diesen Nachweis nicht erbringen kann, bleibt nur, nach Russland zurück zu gehen, um die Eltern zu pflegen.

Mit Problemen wie diesen müssten sich deutsche Parteien befassen, wenn sie die Russlanddeutschen erreichen wollen. "In der Flüchtlingskrise hatten dann viele den Eindruck, für Syrer sei es leichter, die Familie nachzuholen." Die Folge: Neid, Unverständnis. Dass es auch für Syrer keinesfalls leicht ist, die Familie nach Deutschland zu holen, spielt da weniger eine Rolle. Eher das Gefühl: Eine andere, noch dazu muslimische Gruppe ist in Deutschland willkommener als wir.

Und irgendwie stimmt es ja auch. "Die Russen" hat in den 90er Jahren niemand mit Blumen und Kuscheltieren am Bahnhof empfangen, in den Medien tauchten sie überwiegend als finstere Schläger mit Alkoholproblem auf. "Deutschland sah sich damals noch nicht als Einwanderungsland, es war eine völlig andere Gesellschaft", sagt Geidel.

Eltern und Kindern fehlte die gemeinsame Sprache

Eine andere Gesellschaft, in der "Integration" noch gleichbedeutend war mit "Assimilation". "Ein Beamter hat meinen Eltern vorgeschlagen, mich Dieter statt Dimitrij zu nennen", sagt Dimitrij Schaad, "es war üblich, unsere Namen einzudeutschen. Eltern wurde geraten, kein Russisch mehr mit oder vor den Kindern zu sprechen. Viele Eltern haben mit ihren Kindern nur noch Deutsch gesprochen, weil das damals als gute Integration galt." Die Folge: Die Kinder hätten schnell gutes Deutsch, aber kein Russisch mehr gesprochen. Die Eltern wiederum taten sich mit der deutschen Sprache schwer. Und plötzlich hatten die Familien keine Sprache mehr, wenn es um die komplizierten Dinge des Lebens ging: Gefühle, Identität, Kultur, private Probleme, Politik.

Stumm war eine ganze Generation russlanddeutscher Einwanderer also nicht nur gegenüber der deutschen Gesellschaft - sondern sogar gegenüber den eigenen Kindern. "Das damalige Integrationsverständnis hatte schreckliche Auswirkungen", sagt Dimitrij Schaad. Er selbst spricht mit seinen Eltern bis heute nur Russisch. Und ist ziemlich froh darüber, denn sonst würde es ihm vermutlich schwerer fallen, ihre Migrationsgeschichte künstlerisch zu verarbeiten.

Davon sind die Eltern übrigens gar nicht so begeistert. "Als mein Vater meinen Monolog in 'The Situation' das erste Mal auf der Bühne hörte, hat er danach den ganzen Abend nicht mit mir gesprochen", sagt Schaad. Und das nicht nur, weil es um sensible Themen wie Korruption ging. "Er hatte das Gefühl, ich gebe ihn dem Gelächter eines deutschen Publikums preis."

Es habe ein bisschen gedauert, bis er ihn überzeugen konnte: So ist es nicht. "Es geht ja um eine künstlerische Befragung unserer Lebenswirklichkeit. Nach dem Stück sind so viele Leute auf mich zugekommen: Genau so war das bei uns auch! Endlich sagt es mal jemand!" Das ist zwar noch kein Kinoerfolg wie "Almanya", aber ein Anfang. Denn nach jeder russlanddeutschen Geschichte, die erzählt wird, sind die Russlanddeutschen hinterher ein bisschen weniger unsichtbar.

Russlanddeutsche Der Versuch, deutscher als die Deutschen zu sein
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Kindheit einer Russlanddeutschen

Der Versuch, deutscher als die Deutschen zu sein

Unsere Autorin ist Russlanddeutsche. In ihrer Kindheit tat sie alles, um möglichst deutsch zu wirken - was ihr heute absurd vorkommt.