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Parteien vor der Bundestagswahl:Ein russlanddeutscher Film wie "Almanya" fehlt

Als Schauspieler bedauert er vor allem eins: "Es ist sehr schade, dass es uns Russlanddeutschen nicht gelungen ist, erfolgreiche künstlerische Analysten unserer Erfahrungen hervorzubringen. Wie gerne hätte ich einen Film wie 'Almanya - Willkommen in Deutschland' aus unserer Sicht gesehen." Fatih Akin oder Comedy-Programme, in denen Türken die eigene Community, aber auch die deutsche Gesellschaft verspotten und hinterfragen, kennt jeder: "Was guckst Du?". Witze über Russlanddeutsche und ihr Verhältnis zu den Deutschen würde der durchschnittliche Fernsehzuschauer wohl nicht verstehen, weil er nicht genug über die Eigenheiten der Russlanddeutschen weiß, um sie lustig zu finden.

Dimitrij Schaad

Dimitrij Schaad verarbeitet in seiner Arbeit seine Migrationsgeschichte.

(Foto: Regina Schmeken)

Dimitrij Schaad versucht das zu ändern. Zum Beispiel im von Yael Ronen inszenierten Stück "The Situation". Dort spielt Schaad den deutschen Lehrer Stefan, der eine Gruppe Einwanderer aus dem Nahen Osten unterrichtet. Stefan, so stellt es sich im Laufe des Stücks heraus, kam eigentlich als "Sergej" zur Welt. In Kasachstan, so wie Dimitrij Schaad. Er hat einen Monolog für diesen Stefan-Sergej geschrieben. Er geht in etwa so:

Es war einmal in einem Land, das war "sicher nicht perfekt, aber ein stabiler und sehr guter Ort, um dort zu leben": Dort also lebte eine Familie, die große Ähnlichkeit zur Familie Schaad hat. Mit einem Vater, der "ein leidenschaftlich bestechlicher, sozialistisch klauender Verwalter eines staatlichen Baumateriallagers" war. Die Familie lebte dort glücklich. Bis das nicht perfekte Land zerfiel - und das Chaos ausbrach, Kriminelle die Herrschaft über die Straße übernahmen, Menschen verschwanden und starben. Der Vater versuchte sich als Gangster, blieb manchmal tagelang verschwunden. Die Mutter bekam Angst und wollte weg.

Die Demütigungen der Migration

So ähnlich wie in seinem Stück war es auch in echt, sagt Schaad. Dass sich seine Eltern entschlossen, nach Deutschland auszuwandern, hatte nichts mit einer besonderen Verbundenheit zur deutschen Kultur zu tun. Weder sangen sie in Kasachstan deutsche Volkslieder noch betrachteten sie Deutschland als ihre eigentliche Heimat. "Mein Vater hat erst erfahren, dass er deutschstämmig ist, als er volljährig wurde und seinen Pass bekam", sagt Schaad. Er habe nicht einmal die deutsche Sprache beherrscht.

"Als alles zusammenbrach, ging man eben dorthin, wo man hinkonnte", sagt Schaad - und da sein Vater nun einmal das kleine Wörtchen "deutsch" im Pass stehen hatte, wurde es für sie Deutschland. "Es gab auch Leute, die die deutsche Kultur in der Sowjetunion sehr intensiv gelebt und dafür viel Diskriminierung erfahren haben." Die hätten den Vorteil gehabt, dass sie die Sprache schon beherrschten. Aber der Schock, dass sie in Deutschland auf einmal "die Russen" waren, war bei ihnen viel größer als bei seinen Eltern.

Alle Russlanddeutschen waren die nächsten Jahre damit beschäftigt, ihren Platz in einem fremden Land zu finden. Und mit den Demütigungen, die eine Migration mit sich bringt, klarzukommen: die plötzliche Sprachlosigkeit, die Enge der Flüchtlingslager, die Angst vor den fremden Behörden, die schlechten Jobs. Für deutsche Politik hätten sich seine Eltern nie interessiert, sagt Schaad. Viele Themen, die die Deutschen beschäftigten, seien für sie weit weg gewesen. "Ein Mensch, der den Zusammenbruch eines ganzen Systems erlebt und alle seine Ersparnisse verloren hat - was geht den die deutsche Debatte über das Rentenniveau oder die Erbschaftssteuer an?"

Russische Nachrichten - und das Gefühl der Ungerechtigkeit

Privat hatten seine Eltern hauptsächlich mit Leuten zu tun, die wie sie aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. "Sie gucken auch nur russische Nachrichten, niemals die Tagesschau. Obwohl Russland ja eigentlich sehr weit entfernt ist", sagt Schaad. Vor jeder Wahl in Deutschland fragten sie die Söhne, wen sie wählen sollten.

So wie den Schaads ging es vielen Russlanddeutschen, sagt Dmitri Geidel. Bis zum Ukraine-Konflikt. "Die Krim-Krise war ein Thema, das niemand ignorieren konnte. Da trafen Weltsichten aufeinander, die nicht miteinander vereinbar waren." Nämlich: ein großrussischer Territorialanspruch, der seine Wurzeln in der Sowjetunion hat. Und der Wille der EU, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums entstandenen Nationalstaaten an Europa zu binden.

Die Russlanddeutschen brachte das in eine seltsame Lage. "Meine Eltern sind eigentlich sehr kritisch, was die russische Regierung angeht", sagt Dimitrij Schaad. Dennoch hätten sie das Gefühl, Russland gegenüber "den Deutschen" verteidigen zu müssen. "Wir finden oft, dass der Westen Russland ungerecht behandelt, dass zum Beispiel Völkerrechtsverstöße aus Russland viel härter geahndet werden als aus den USA." Auch die Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas von den Nationalsozialisten spiele in der deutschen Debatte eine zu geringe Rolle, sagt Schaad.

Gefühle wie diese spricht auch die AfD an. Sie kritisiert die Sanktionen gegen Russland, betont die enge Verbindung von Russland und Deutschland - zum Beispiel erst am vergangenen Wochenende auf einem "Russlandkongress".