Völkermord in Ruanda:UN-Sicherheitsratsmitglieder beschließen Mission - aber Blauhelme will keiner abstellen

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14. April: Belgien zieht seine Blauhelm-Soldaten ab.

15. April: Die verbleibenden Blauhelme konzentrieren sich darauf, Ausländer zu retten. Dallaire: "Wir hatten Flüsse voller Leichen durchwatet, Brücken überquert, an deren Pfeilern sich die Toten stapelten, waren an Sümpfen vorbeigekommen, deren Pegel durch die Masse aufgeblähter toter Leiber gestiegen war. Wir holten erfolgreich hier eine Familie ab, dort einige Nonnen, hier einen verlorenen Ausländer."

19. April: "In New York", so erinnert sich Kofi Annan, "lasen wir mit täglich wachsendem Schrecken und Unglauben die hereinkommenden Berichte und Meldungen. Aber kein Staat wollte hineingezogen werden." Annan versucht, dies als Strategie auszugeben, und droht den Hutu-Extremisten: Wenn nicht bis zum nächsten Morgen Waffenstillstand herrsche, würden die UN sämtliche Blauhelme abziehen.

21. April: Der UN-Sicherheitsrat beschließt, die Blauhelme abzuziehen, nur ein Zehntel bleibt zurück, 270 Mann. Das Rote Kreuz schätzt, dass 100 000 Ruander getötet worden sind.

29. April: Die UN schätzen, dass 200 000 Ruander getötet worden sind.

3. Mai: Im UN-Sicherheitsrat schlagen die USA vor, der Rat solle eine Delegation nach Ruanda schicken. Mit einer solchen Aktion, die einen gewissen "Symbolcharakter" habe, würde man Schlagzeilen wie "Die UN sollten sich schämen" verhindern.

5. Mai: Kofi Annan schickt die Kopie eines Briefs des belgischen Außenministers an die Blauhelme - "möglicherweise ein Ausdruck von schwarzem Humor", wie der Blauhelm-Kommandeur meint. Denn in dem Brief erinnert der Belgier - der seine eigenen Soldaten gerade zurückgerufen hat - daran, dass die Blauhelme Ruandas Zivilisten zu beschützen hätten.

17. Mai: Der UN-Sicherheitsrat fasst den Beschluss, die Blauhelm-Mission in Ruanda wieder aufzustocken, auf 5500 Soldaten. Annan erinnert sich: "Allerdings war nicht ein einziges Ratsmitglied bereit, Truppen beizusteuern. Ich selbst führte Dutzende Telefongespräche, aber die Antwort war stets dieselbe. Wir erhielten nicht ein einziges Angebot." Das Rote Kreuz schätzt, dass 500 000 Ruander getötet worden sind.

25. Mai: In der UN-Menschenrechtskommission verurteilen die USA, Frankreich, Deutschland und Australien das Gemetzel in Ruanda aufs schärfste.

8. Juni: Der UN-Sicherheitsrat verlängert das Mandat der Blauhelme bis Dezember. Deren neue 5500-Mann-Mission existiert aber weiter nur auf dem Papier.

22. Juni: Die Völkermörder sind eingekreist. Eine schlagkräftige Rebellentruppe, die von der Tutsi-Minderheit dominiert wird, drängt sie zurück. Eine militärische Niederlage der Völkermörder ist in Sicht. Erst jetzt entsendet Frankreich 2500 seiner Soldaten ("Operation Türkis") - um eine "Schutzzone" für Hutus zu errichten, auch für die Völkermord-Milizen.

Die UN schätzen, dass 800 000 Ruander getötet worden sind.

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